Auch beim Skiweltcup in Sölden 2020 kamen mobile Testlabors der Firma zum Einsatz.

Foto: APA/EXPA/Johann Groder

Innsbruck – Von September 2020 bis Ende März 2021 wurden insgesamt 430.000 PCR-Tests in Tirol durchgeführt. Mehr als die Hälfte – rund 220.000 – hat die HG Labtruck erledigt. Das ist eine Tochterfirma der HG Pharma des Wiener Urologen Ralf Herwig, die im September 2020 mit Sitz in Kirchberg in Tirol gegründet wurde.

Herwig trat damals mit einem Angebot an die Tiroler Landesregierung heran, das diese überzeugt hat, wie es dort heißt: "Dieses war geeignet, in der Pandemiesituation dem Land zu gewährleisten, dass PCR-Laborbefunde innerhalb kürzester Zeit mit entsprechender Qualität und in Zusammenarbeit mit weiteren externen Partnern wie etwa der Rettungsdienst Tirol GmbH insgesamt ökonomischer und flexibler als die bis zu diesem Zeitpunkt bestehenden Abläufe zur Verfügung gestellt werden."

Angebot eines anderen

Die HG Labtruck, die vor allem mit dem Einsatz mobiler Testlabore in ihrem Angebot punktete, erhielt den bislang größten Auftrag in diesem Bereich in Tirol, im Wert von über acht Millionen Euro. Andere Tiroler Labore bestätigten gegenüber dem STANDARD, dass sie diese Leistungen durchaus hätten erbringen können. Aber sie wurden schlichtweg nicht gefragt, Ausschreibung erfolgte ebenfalls keine.

Herwigs Angebot war jedoch gar nicht seines, wie Recherchen dieser Zeitung ergaben. In Wahrheit war es das Konzept des Salzburger Unternehmens Procomcure Biotech, das Herwig damals als seinen Partner ausgab. Doch die Partnerschaft endete kurz nach dem Zuschlag, wie die Salzburger erzählen. HG Labtruck bezahlte die Rechnungen nicht, weshalb man die Zusammenarbeit beendete. Mittlerweile ist eine Klage anhängig, da Forderungen in Millionenhöhe gegen Herwigs Firma bestehen.

Nachschub und Laborbefunde unklar

Offen bleibt, wie Herwig seit November 2020 die Tests durchführen konnte. Denn von seinem Partner, der ihn eigentlich mit Material hätte versorgen sollen, erhielt er seitdem nichts mehr. Somit steht der Verdacht im Raum, dass seit November keine oder fachlich nicht richtige Tests geliefert wurden. Denn es ist noch eine weitere Frage offen.

Herwig ist Urologe – und um PCR-Tests befunden zu können, bedarf es eines Facharztes. Im Sommer 2020 hat Herwigs Firma dazu den Labormediziner Armin Schwarzbach in Augsburg kontaktiert und ihm eine Kooperation angeboten. Schwarzbach ließ sich in Österreich für diese Arbeit über Eintragung bei der Ärztekammer ermächtigen. Doch dann endete der Kontakt zu Herwig, wie er dem STANDARD erzählt. "Ich habe nie wieder von ihm gehört. Ich habe auch keine einzige Probe befundet und keinen Cent erhalten", bestätigt Schwarzbach.

Arzt ohne Zulassung

Herwig selbst darf indes nicht mehr als Arzt praktizieren, wie die Ärztekammer bestätigt: Aufgrund einer von der Disziplinarkommission für Wien verhängten einstweiligen Maßnahme sei er derzeit nicht zur ärztlichen Berufsausübung berechtigt. Gegen ihn laufen Prozesse wegen schwerer Körperverletzung und wegen schweren Betrugs – es gilt die Unschuldsvermutung. Fragen zum Sachverhalt ließ er bislang unbeantwortet.

Beim Land Tirol gibt man sich ebenfalls wortkarg. Herwigs Vertrag laufe aber noch bis Juni 2021. Wer der Labormediziner ist, der im Auftrag der HG Labtruck die Tests befundet, wird trotz mehrmaliger Nachfrage nicht gesagt. Wer Herwig beauftragt hat? "Mehrere Fachabteilungen in Absprache." Namen werden nicht genannt. Ob die offenbar ungenügend geprüfte Beauftragung der HG Labtruck personelle Konsequenzen haben werde? Land Tirol: "Es kann leider nicht nachvollzogen werden, auf was oder wen sich diese Frage bezieht." (Steffen Arora, 3.5.2021)