Auf den Märkten Assams ist physische Distanz ein Fremdwort.

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Bei der Stimmabgabe bei den Regionalwahlen wurde zumindest vor den Lokalen noch auf Abstand geachtet.

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Zabi Darnei ist 30 Jahre alt und lebt in Assam, sie arbeitet für die österreichische Dreikönigsaktion, das Hilfswerk der Katholischen Jungschar.

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Eddy Kujur ist 32 Jahre alt und arbeitet als Sozialarbeiter in Assam.

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Wie Premier Narendra Modi spricht auch Eddy Kujur von einem "Tsunami", wenn es um die Corona-Katastrophe in seinem Heimatland Indien geht. Der Sozialarbeiter im Bezirk Jorhat im südöstlichen Bundesstaat Assam erzählt dem STANDARD am Telefon von Todesfällen in seinem engen Freundeskreis – und von der Angst, die mit dem Virus einhergeht: "Es ist furchteinflößend, dass Menschen, mit denen du vergangene Woche noch im Videocall warst, auf einmal tot sind", sagt der 32-Jährige.

Die NGO-Mitarbeiterin Zabi Darnei (30) berichtet dem STANDARD zwar, dass die Situation im nordöstlichen Assam um einiges stabiler sei als in den Corona-Hotspots wie Maharashtra im Nordwesten oder Uttar Pradesh im Norden Indiens, doch steigen auch im Nordosten die Zahlen stetig: "Leute halten sich nicht an die Sicherheitsmaßnahmen, achten nicht auf physische Distanz und tragen keine Masken."

Rekordwerte bei Neuinfektionen

Am Donnerstag verzeichnete Indien erneut einen Rekordwert an Neuinfektionen: 412.262 Menschen wurden registriert. Fast 4.000 Menschen starben im Zusammenhang mit Covid-19. Laut Berichten ist nun die sogenannte indische Variante – oder Maharashtra-Variante, wie sie in Indien heißt – die dominante bei den Neuinfektionen.

B.1.617 könnte einer der Gründe für den rasanten Anstieg der Zahlen in den vergangenen Wochen sein, sagte Sujeet Singh, Direktor des National Center for Disease Control (NCDC), zu Medienvertretern am Mittwoch. Die Variante ist – vereinfacht ausgedrückt – eine Doppelmutante, die ansteckender sein könnte und eine bereits erfolgte Immunisierung umgehen könnte.

Wie gefährlich ist die indische Mutante?
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Mangel an Sauerstoff

Was aber ebenfalls zur verheerenden Situation auf dem Subkontinent beträgt, ist die Sauerstoffknappheit in den Krankenhäusern. Berichte über Tote in Krankenhausbetten aufgrund des Mangels finden sich täglich in indischen Medien. Neun Kriegsschiffe der Marine sind im Moment zwischen Kuwait und Singapur im Einsatz, um gespendete Sauerstofftanks nach Indien zu transportieren.

Der Oberste Gerichtshof hat sich nun ebenfalls eingeschaltet und die Regierung in Neu-Delhi aufgefordert, einen neuen Plan zur Sauerstoffverteilung vorzulegen. Sollte die Behördenvertreter das nicht schaffen, könnten ihnen bis zu sechs Monate Haft drohen.

Berichten zufolge bunkern Privatpersonen zu Hause Sauerstoffflaschen, um im Ernstfall nicht auf die Behörden angewiesen zu sein. Eine mobile App soll nun in der Hauptstadt anzeigen, in welchen Krankenhäusern noch wie viel Sauerstoff zur Verfügung steht. Zwischenzeitlich wurden in manchen Einrichtungen nur noch wenige Stunden Versorgungssicherheit angezeigt.

Assam liegt im Nordosten Indiens.

Wahlkampf in der Menge

Im eher ländlichen Bundesstaat Assam stiegen die Infektionszahlen in den vergangenen Tagen um rund 4.500 Fälle pro Tag. Das mag im Gesamtvergleich im 31-Millionen-Einwohner-Staat auf den ersten Blick nicht hoch erscheinen, doch rechnet der Sozialarbeiter Kujur mit einem rasanteren Anstieg in der nächsten Zeit: "Es gab mehrere hinduistische Feste und auch Wahlen in Assam, wobei sich die Menschen ohne Maske und Abstand frei bewegt haben", erzählt er. Auch die Politiker hätten sich bei Massenveranstaltungen ohne Schutz gezeigt. Der Tenor während des Wahlkampfs war laut der 30-jährigen Darnei, dass "es kein Corona gibt". "Nur bei der Abstimmung selbst wurde auf Distanz geachtet", sagt Kujur: "Davor und danach sind die Menschen auf engstem Raum zusammengestanden."

Zwar wurden am Mittwoch eine Reihe von Maßnahmen in Assam erlassen, um das Virus einzudämmen, doch würden nicht alle effektiv sein, berichtet Darnei. Dass die Geschäfte um 14 Uhr schließen müssten, würde nur dazu führen, dass Menschenmengen in der Früh und kurz vor 14 Uhr in die Märkte drängen würden. Zudem würden sich Falschnachrichten recht schnell verbreiten: "Die Menschen in den ländlichen Gebieten haben oft keinen Zugang zu Medien", erzählt die 30-Jährige: "Da glauben sie eher nicht seriösen Nachrichten." Was verbreitet würde? "Schauergeschichten über Impfungen", sagt Darnei: "Dass man mit dem Impfstoff eher Corona bekommen würde als ohne."

Exitstrategie

Wie es das Land wieder aus der Katastrophe schaffen kann, sei schwer zu sagen, meint Kujur. Zu komplex sei die Lage auf dem Subkontinent – auch ohne Corona. Doch sicherlich sei Abstandhalten und die Impfung ein guter Schritt, ist sich der Sozialarbeiter sicher: "Doch man darf nicht auf die vulnerablen Gruppen vergessen", mahnt er: "Die, die nicht einmal genug Nahrung haben, werden auch bei den Maßnahmen der Regierung nun vernachlässigt."

Dabei seien das genau jene Menschen, die später das Virus in einer erneuten Welle weitergeben könnten. Deshalb müssten sich die Behörden ihrer annehmen und nicht nur auf "die großen Probleme schauen". (Bianca Blei, 6.5.2021)