Menschenrechtsaktivisten werfen Polizei und Streitkräften übertriebene Härte bei Einsätzen vor.

Foto: Reuters / Ricardo Moraes

Rio de Janeiro – Bei einem Polizeieinsatz in einer Favela in Rio de Janeiro sind mindestens 25 Menschen ums Leben gekommen. Es handelt sich um die blutigste angeordnete Operation in der Geschichte der brasilianischen Millionenmetropole. Mutmaßliche Mitglieder von Drogenbanden und die Polizei lieferten sich in Jacarezinho heftige Gefechten, berichtete das Nachrichtenportal "G1". Nach Angaben der Polizei handelt es sich bei den Opfern um 24 Verdächtige und einen Beamten der Anti-Drogen-Einheit.

Zudem wurden zwei Fahrgäste der Metro, die in der Nähe des Armenviertels im Norden von Rio vorbeiführt, in einem U-Bahn-Wagen angeschossen. Ein Mann wurde in seinem Haus von einem Querschläger im Fuß getroffen. Außerdem wurden zwei Polizeibeamte bei dem Einsatz verletzt.

Meiste Tote bei Polizei-Operation

Nach Angaben von "G1", das Informationen der staatlichen Universität UFF und der App "Fogo Cruzado" (Kreuzfeuer) auswertete, die Daten über bewaffnete Gewalt sammelt, war dies die Polizei-Operation mit den meisten Toten in der Geschichte Rio de Janeiros. "Man kann das nur als eine katastrophalen Einsatz bezeichnen", sagte der Soziologe Daniel Hirata von der UFF. "Es handelt sich um eine Aktion, die von den Polizeibehörden genehmigt wurde. Das macht die Sache noch viel schwerwiegender."

Im Juli hatte der Oberste Gerichtshof (STF) in Brasilia Polizei-Einsätze in Favelas während der Corona-Pandemie ausgesetzt. Diese sind nur in "absoluten Ausnahmefällen" erlaubt. Rios Polizei bezeichnete dies laut der Zeitung "Folha de S. Paulo" als "Justiz-Aktivismus" und versicherte, dass sie alle Anforderungen des STF erfüllt habe.

Die Favela Jacarezinho gilt als einer der Stützpunkte des "Comando Vermelho" (Rotes Kommando) im Norden Rios, den dieses unter anderem mit Barrikaden schützt. Mächtige Verbrechersyndikate wie das "Comando Vermelho" und eine Reihe kleinerer Banden ringen in den Armenvierteln um die Kontrolle von Drogenhandel und Schutzgeldgeschäft.

Tausende Tote bei Polizeieinsätzen

In keinem anderen Land der Welt kommen so viele Menschen bei Polizeieinsätzen ums Leben wie in Brasilien. 2019 töteten Sicherheitskräfte in dem südamerikanischen Land 5.804 Menschen, wie aus einem Gewaltmonitor hervorgeht, der von "G1", dem Brasilianischen Forum für öffentliche Sicherheit und der Universität von Sao Paulo betrieben wird. In den USA erschossen Polizisten im Jahr 2019 1.098 Menschen.

Viele Armenviertel werden von schwer bewaffneten Drogenbanden kontrolliert. Rückt die Polizei in den Favelas ein, um einen Haftbefehl zu vollstrecken oder nach Rauschgift zu suchen, wird sie nicht selten mit Salven aus Sturmgewehren empfangen. Die Operationen in den Ganglands von Rio de Janeiro und Sao Paulo gleichen eher Militäreinsätzen als Polizeimaßnahmen. Menschenrechtsaktivisten werfen Polizei und Streitkräften allerdings vor, mit übertriebener Härte vorzugehen. (APA, 7.5.2021)