Das Opfersein von Männern wird zu oft ausgeblendet, ist aber ein Faktor, der auch zur Gewalt gegen Frauen beiträgt: Einer der Orte solcher Gewalterfahrungen ist etwa auch das Bundesheer.

Foto: picturedesk

Dass Täter oft schon selbst Gewalt erfahren haben, wird in der Auseinandersetzung über Famizide gern vernachlässigt. Soll die Arbeit mit Männern als effektiver Opferschutz gelingen, muss man auch die Gewaltstrukturen ins Visier nehmen, die zur Verletzbarkeit von Buben und Männern beitragen. Ein Gastkommentar von Bildungswissenschafter Josef Christian Aigner.

Die schrecklichen Frauenmorde der letzten Zeit lösen verständlicherweise Schock und Empörung aus. Fraueneinrichtungen und Männerberatungsstellen fordern zu Recht mehr Ressourcen. Auch vielen Analysen der konkreten Täter ist zuzustimmen.

Aber: Der Grundton zu möglichen prophylaktischen Maßnahmen ist mir zu alarmistisch und die Sicht auf Männer oft zu verallgemeinernd. Wie immer bei solchen Taten sucht man verständlicherweise nach schnellen und möglichst schlüssigen Gegenmaßnahmen. Die können manchmal aber unzureichend sein oder auch zu einfach ausfallen. So scheint mir der prophylaktische "Zugriff" auf das "Tätergeschlecht Mann" oft zu pauschalierend, zu oberflächlich und auch zu negativistisch. Was heißt das?

Pauschalierende Zwischentöne, dass es Männer halt aufgrund gesellschaftlicher Rollenzuschreibungen und daraus erwachsender Stereotypien (Stark-Sein, Dominanz, Durchsetzung usw.) bei Konflikten leicht "aushängt", lassen sich in fast jeder Meldung der letzten Tage finden. Wäre das generell der Fall, müssten wir ein viel größeres Heer von Tätern haben, was Gott sei Dank nicht der Fall ist.

Unter der Oberfläche

Das bedeutet, dass wir mehr unter die Oberfläche von (möglichen) Tätern schauen müssen – nicht nur individuell, auch gesellschaftlich. Dazu muss die männliche Sozialisation hinterfragt werden, nicht nur was fragwürdige Männlichkeitsstereotypen betrifft, sondern auch was die Gewalterfahrungen von Buben und Männern selbst betrifft.

Das passiert meines Erachtens viel zu wenig. Ja, Gewalt – vor allem sexuelle Gewalt – wird zum größten Teil von Männern ausgeübt, und Frauen sind in Österreich häufiger Mordopfer. Neben diesen traurigen Exzessen aber sind Männer, Buben und männliche Jugendliche allgemein wesentlich öfter Adressaten von Gewalt. So erleben Buben bis zum zwölften Lebensjahr deutlich häufiger körperliche Übergriffe als Mädchen – dies nicht nur im öffentlichen Raum und untereinander, sondern auch in der Familie.

Drei von fünf Männern geben an, als Kind geschlagen, geohrfeigt oder getreten worden zu sein (Daten von: ÖIF – Österreichisches Institut für Familienforschung). Hier zeigt sich übrigens in österreichischen Studien bezüglich der Täterschaft ein in etwa ausgeglichenes Verhältnis: An erster und zweiter Stelle der am häufigsten genannten Personen, die jene Gewalt ausgeübt haben, stehen die eigene Mutter und der eigene Vater (wobei die Mütter natürlich auch mehr in Erziehung involviert sind). ( zur Studie)

Erzieherische Gewalt

Bei der Überzahl "aktenkundiger" männlicher Gewaltopfer (Ausnahme: Sexualdelikte) bleibt auch noch vieles im Verborgenen, weil es dem Stereotyp des Männlichen widerspräche, Verletzungen anzuzeigen, weil es auch schambesetzt ist. Dazu kommt (vgl. die Studie "Familie – kein Platz für Gewalt!(?). 20 Jahre gesetzliches Gewaltverbot in Österreich") der enge Zusammenhang zwischen dem Erleben von erzieherischer Gewalt und dem eigenen Gewaltverhalten ("Kreislauf der Gewalt").

Je mehr Gewalt Kinder und Jugendliche in der Familie (und auch in der Freizeit) erleben, desto häufiger üben sie selbst Gewalt gegen andere Personen und später im eigenen Erziehungs- und Beziehungsverhalten aus. Auch vom Militärdienst berichten viele junge Männer übrigens über Gewalterfahrungen und sinnlose Demütigungen.

Der Hinweis auf diese Tatsachen soll die Tragik der Femizide nicht relativieren – ich höre die Stimmen schon –, wie es überhaupt nie darum gehen darf, Gewalt gegen das eine gegen Gewalt gegen das andere Geschlecht oder die anderen Geschlechter auszuspielen. Aber es soll auf die unzureichende gesellschaftliche und politische Problematisierung auch der Gewalt gegen Buben und Männer hingewiesen werden – was einer sinnvollen Gewaltprophylaxe und damit dem Opferschutz nur dienlich sein kann.

Männliches Opfersein

Wir müssen gerade bei der Täterarbeit und zur Verhinderung des Täter-Werdens nicht nur den patriarchalen Mythos vom starken, unverletzlichen Mann dekonstruieren, sondern auch die durch Gewaltstrukturen bedingte Verletzbarkeit von Buben und Männern in den Blick nehmen, um sie auf den Ebenen von Erziehung, Sozialisation, Bildung, Sozialarbeit usw. bewusst zu machen und ernst zu nehmen. Das kulturelle Paradoxon "Entweder gilt jemand als Opfer, oder er ist ein Mann" (so der Männerforscher Hans-Joachim Lenz) ist zugunsten eines Blicks auf männliches Opfersein als Voraussetzung für Gewalt zu überwinden.

Erst dann können wir Männern, die mit Gewalt Probleme haben, einladend signalisieren, dass wir für ihre Geschichte und ihre eigene Not Sorge tragen und mit ihnen an anderen Lösungen arbeiten wollen. Erst dadurch können – wie aktuell gefordert – solche Männer selbst zu "Sorgenden" werden.

Negative Zuschreibungen wie "toxische Männlichkeit" – was eigentlich "toxische Bedingungen des Mannwerdens" heißen müsste – sind dagegen kaum dazu angetan, jemanden zu vertrauensvollen Gesprächen zu motivieren. Ein Mann, der von vornherein für eine "tickende Zeitbombe" gehalten wird, wird Männerberatungsstellen vermutlich fernbleiben. (Josef Christian Aigner, 9.5.2021)