Im New Yorker Stadtteil Manhattan könnte Ex-Präsident Donald Trump (im Bild ein als Häftling verkleideter Demonstrant) der Prozess gemacht werden.

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Staatsanwalt Vance bereitet die Trump-Anklage vor.

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Als Allen Weisselberg bei der Trump-Gruppe anfing, führte noch Fred Trump, der Patriarch, die Geschäfte. 1973 suchten die Trumps einen Buchhalter, er bekam den Job, wurde unverzichtbar. Unter Freds Sohn stieg er zum Finanzchef der Firma auf. Nicht nur die Lage seines Büros im Trump Tower in Manhattan machte deutlich, dass er die rechte Hand von Donald Trump war. "In der Trump-Organisation kommt weder ein Cent rein, noch geht ein Cent raus, der nicht über Weisselbergs Schreibtisch ginge", sagt Michael Cohen, Trumps Ex-Anwalt, über die Rolle des 73-Jährigen.

Cohen dürfte wissen, wovon er redet, gehörte er einst doch selbst zum Kreis der engsten Vertrauten um den Tycoon. Er wurde zu drei Jahren Haft verurteilt – unter anderem, weil er der Pornodarstellerin Stephanie Clifford alias Stormy Daniels 130.000 Dollar zahlte, um im Wahlkampf ihr Schweigen über eine Affäre mit Trump zu erkaufen. Seit geraumer Zeit redet er mit Cyrus Vance junior, dem Chefstaatsanwalt des Distrikts Manhattan, der ein Verfahren gegen den Ex-Präsidenten vorbereitet. Und der hofft, Weisselberg mit Insiderwissen als Zeugen zu gewinnen.

Es ist nicht der einzige Prozess, der auf Trump zukommen könnte. In Georgia ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen versuchter Erpressung. Anfang Jänner hatte Trump den Innenminister des Bundesstaats am Telefon gedrängt, 11.780 Wählerstimmen für ihn zu "finden" – exakt die Zahl, die er brauchte, um Joe Bidens Vorsprung auszugleichen. Weil der republikanische Parteifreund darauf nicht eingehen wollte, drohte er mit juristischen Konsequenzen. In Washington prüfen Ermittler Schritte, weil Anhänger des Wahlverlierers, von ihrem Idol angefeuert, am 6. Jänner das Kapitol gestürmt hatten. Am gefährlichsten aber dürfte Trump werden, was Vance, der Sohn eines früheren Außenministers, an Material gegen ihn sammelt.

Die Mauer zerbröckelt

Die Schutzmauer, die seine Anwälte hochzuziehen versuchten, ist längst zerbröckelt: Der Oberste Gerichtshof der USA urteilte, dass auch ein Präsident nicht über dem Gesetz stehe und Unterlagen herausgeben müsse. Dann schmetterte der Supreme Court einen letzten Einspruch ab, womit Vance endgültig freie Bahn hat. Seither nimmt er unter die Lupe, was ihm die von Trump beauftragte Steuerberaterfirma Mazars übergeben musste: Dokumente aus den Jahren 2011 bis 2019, einschließlich der privaten Steuererklärungen des Milliardärs. Ob und wann das Aktenstudium in eine Klageschrift mündet, lässt Vance offen. Fest steht, dass er im Jänner 2022 durch einen Nachfolger abgelöst wird. Bevor er seinen Hut nimmt, glauben Experten, möchte er den Fall noch zu Ende bringen.

Was es an Verdachtsmomenten gibt, lassen Enthüllungen der "New York Times" erahnen. Demnach soll Trump dem US-Bund 2016 und 2017 jeweils nur 750 Dollar Einkommensteuer überwiesen haben. Zuvor hatte der Tycoon in zehn von 15 Jahren überhaupt keine "federal income tax" entrichtet. Sechsstellige Zahlungen an seine älteste Tochter Ivanka ließ er etwa als Beraterhonorare ausweisen. Hinzu kamen hunderte Millionen Dollar Verluste, die Trump geltend machte. Und, und, und ...

Vance hat zu klären, ob sich der Finanzjongleur nicht nur legaler Steuertricks bediente, sondern auch gegen geltendes Recht verstieß. Zudem will er herausfinden, ob Geldinstitute und der Fiskus systematisch hinters Licht geführt wurden. Vermutung: Wollte sich Trump Geld leihen, etwa von der Deutschen Bank, seinem größten Kreditgeber, gab er den Wert seiner Immobilien so hoch wie möglich an. Ging es um die Steuer, rechnete er sich dagegen gern arm. Weisselberg soll den Ermittlern auf dem Weg durchs Dickicht helfen. Dass er es freiwillig tut, wagen Insider zu bezweifeln. Dass er zur Aussage bereit ist, wenn er ahnt, womit er andernfalls rechnen müsste, gilt schon eher als wahrscheinlich.

Den Hebel ansetzen

Im April übergab Jennifer Weisselberg, Allens einstige Schwiegertochter, der Staatsanwaltschaft eine Computerfestplatte und Papiere. Von 2004 bis 2018 war sie mit Barry Weisselberg, dem jüngsten Sohn des Finanzchefs, verheiratet. Zur Hochzeit gab es ein opulentes Geschenk: ein Apartment am Central Park. Später erfuhr sie, dass sich die Immobilie nach wie vor im Besitz der Trump-Gruppe befand und das Paar dort lediglich mietfrei wohnen durfte. Ein geldwerter Vorteil: Vance will wissen, ob er versteuert wurde. Falls nicht, droht Barry Weisselberg Ungemach. Das, orakelt Ex-Anwalt Cohen, wäre der Hebel, den Vance in der Hand hätte. Der Moment, in dem es vorbei wäre mit der Loyalität gegenüber Trump. (Frank Herrmann aus New York, 11.5.2021)