Die gegenwärtige Lebensbewältigung als veritablen Belastungstest für die Nerven anzusehen ist sicherlich nicht zu hoch gegriffen. Was könnte aus dem belastenden Würgegriff der Umstände befreien? Illusionär der Versuch, sich ihnen gänzlich zu entziehen. Zu schwerwiegend ist das, was zu verkraften ist. Weniger illusionär aber ein anderer Versuch: den von den waltenden Gegebenheiten ausgehenden nervlichen Druck für sich selbst wie auch für die anderen mithilfe der eigenen Aktions- und Reaktionsweisen zu reduzieren.

Warum gerade das Umgangsverhalten als Ansatzpunkt? Weil, liegen die Nerven blank, sich die Zunge enthemmt. Diese Enthemmung befördert das Pingpong-Spiel wechselseitiger verbaler Miss- und Übergriffe und steigert die wortaggressive Boshaftigkeit und Gemeinheit. Darunter leiden Zusammenleben und -arbeiten schwer. In den hin- und herwogenden Wortplänkeleien wird jede Bereitschaft, aufeinander zuzugehen, zuzuhören, sich zurückzunehmen oder sich zu verständigen, zerrieben. Diese kleinlichen Zänkereien machen die ohnehin schon schwer auf die Gemüter drückende Last noch schwerer.

Perspektive wechseln

Das ruft eine in dieser Situation hilfreiche Wegweisung in Erinnerung: Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg auch keinem andern zu. Leider hat die Aufforderung, mit anderen so umzugehen, wie man selbst gern von ihnen behandelt werden möchte, einen Haken. Verlangt sie doch (meistens), über den eigenen Schatten zu springen. Und das ist erfahrungsgemäß für viele einer der schwersten Sprünge im Leben. Aber wiederum erfahrungsgemäß in der Regel auch der wirkungsvollste. Öffnet diese Selbstüberwindung doch oft genug die Tür zurück zu einem weniger erhitzten, weniger verbissenen Umgang miteinander.

Interessanterweise ist das nicht nur eine Erfahrungs-, sondern auch eine belegte Tatsache. Erkannte doch ein Wissenschafterteam der Harvard-Universität, als es nach Möglichkeiten forschte, festgefahrene Verhandlungen wieder flott zu machen: In wechselseitiger Starrköpfigkeit gefangene zwischenmenschliche Situationen lassen sich aus dieser Erstarrung herausführen, wenn nur eine Partei ihre halsstarrige Haltung aufgibt und auf die andere zugeht. Aus dieser Erkenntnis heraus wurde in der Folge "Das Harvard-Konzept" entwickelt, der Klassiker der Verhandlungsführung.

Eine Fähigkeit, die gerade jetzt hoch im Kurs steht: sich vom Druck auf das Nervenkostüm befreien zu können. Psychomentale Stärke ist gefragt.
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Fest verwurzelt

Weshalb fällt dieser Schritt aber so schwer? Weil das uralte, fest im menschlichen Verhalten verwurzelte Macht- und Überlegenheitsstreben dem entgegensteht. Niemand sieht sich gern als Verlierer. Nachgeben gilt als Eingeständnis der Unterlegenheit. Diese bewusst oder unbewusst beeinflussende Sichtweise stempelt in den Augen vieler alle zu Verlierern, die über den eigenen Schatten gesprungen sind. Sich nicht auf kleinliches Wortgeplänkel einzulassen verlangt menschliche Größe. Das ist in Kürze der Teufelskreis, der heute mehr denn je in Gesellschaft und Beruf schwer zu schaffen macht.

Dabei mangelt es nicht an reflektierten zwischenmenschlichen anregenden Denkanstößen. Finden sich doch in allen Kulturräumen schon seit Urzeiten Stimmen, die die Bedeutung überlegter Selbstführung, vor allem in kritischen Momenten, nahelegen und im Umgang miteinander zu Mäßigung raten.

Wirkung von Konflikten

Wortwechsel vernunft- wie beziehungswidrig eskalieren zu lassen, immer wieder noch einen draufzusetzen – das ist mitnichten ein Ausdruck der viel gerühmten Schlagfertigkeit. Vielmehr, sagt der Wiener Psychoanalytiker Alfred Kirchmayr, "entlarvt sich darin mangelnde Lebensklugheit und starke Befangenheit in sich selbst". Also gilt: Der Klügere gibt nach? Ja, insofern diese oder dieser Klügere sich lebensklüger erweist, sich nicht auf kleinkarierte verbale Scharmützel einlässt, bei verbalen Attacken darauf verzichtet, mit gleicher Münze heimzuzahlen. Und nein, insofern, als sich darin Konfliktscheue offenbart. Zur Lebensklugheit gehört nicht, Auseinandersetzungen grundsätzlich aus dem Weg zu gehen. Reinhard K. Sprenger hat das unlängst in "Magie des Konflikts – Warum ihn jeder braucht und wie er uns weiterbringt" beispielstark dargelegt.

Berechenbarkeit erleichtert Zusammenleben wie -arbeiten. Öffentlich, privat, führend, kollegial, prägt eine gewisse Verhaltensverlässlichkeit die Art im Umgang miteinander. Dazu gehört auch die Bereitschaft, zuzuhören und auch einmal einen falschen Ton, ein unglücklich gewähltes Wort zu tolerieren. Das macht es leichter, miteinander klarzukommen. Gerade auch dann, wenn die Tagesform in eine kritische Phase rutscht, zeigen sich die Gemüter im Zusammenspiel mit persönlichen Empfindlichkeiten besonders erregbar und begünstigen dadurch Überreaktionen.

Gesellschaftliche Resilienz

Welch offensichtlicher gesellschaftlicher Reibungspunkt auf diesem Feld liegt, zeigt Bärbel Wardetzkis Buch "Ohrfeige für die Seele – Wie wir mit Kränkungen und Zurückweisungen besser umgehen können". Für die promovierte Münchner Psychotherapeutin offenbart die Reaktion auf Kränkungen viel von der eigenen Person. "Wer von einem positiven Selbstwertgefühl getragen wird und in sich ruht, zeigt das durch souveräne Reaktionsweisen auf beabsichtigte oder unbeabsichtigte Brüskierungen", betont sie.

Unterstützung für die Münchnerin kommt aus Wien. Von Professor Kirchmayr: "Sich im Griff zu haben, rüttelt der aus welchem Anlass auch immer hochkochende Impuls der Empörung mal wieder an der Contenance, offenbart psychomentale Stärke und Souveränität des Verhaltens. Und weiter: "Mehr als vieles andere dient beides auch unserer eigenen wie der gesellschaftlichen Resilienz, schützt das vor dem Burnout in weit gefasster Sicht. Weiterbildung in diese Richtung zu betreiben kann ich heute nur allen in unser aller Interesse ans Herz legen." (Hartmut Volk, 12.5.2021)