Die Vereinten Nationen sagen voraus, dass die Zahl der Menschen auf dem chinesischen Festland 2030 ihren Höchststand erreichen wird, bevor sie zurückgeht.

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Peking – Die Einwohnerzahl von China wächst so langsam wie seit den 1950er-Jahren nicht mehr. Sie nahm im vergangenen Jahrzehnt um 5,38 Prozent auf 1,41 Milliarden zu, wie die am Dienstag veröffentlichte, alle zehn Jahre erhobene Volkszählung ergab. Grund dafür ist die sinkende Geburtenrate: Statistisch bekommt eine Frau 1,3 Kinder. Sie liegt damit auf dem Niveau von alternden Gesellschaften wie den großen Industrieländern Japan und Italien.

Das dürfte in der politischen Führung die Alarmglocken schrillen lassen, dürfte doch die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ein schwer umkehrbarer Bevölkerungsrückgang bevorstehen – ohne dass die privaten Haushalte dort so große Vermögen anhäufen konnten wie die in westlichen Industrienationen.

Weniger Geburten registriert

"Das Bevölkerungswachstum wird sich in Zukunft weiter verlangsamen", sagte Ning Jizhe, Leiter des Nationalen Statistikamtes, bei der Vorstellung der Ergebnisse. "Chinas Bevölkerungszahl wird in der Zukunft einen Höhepunkt erreichen, aber der genaue Zeitpunkt ist noch ungewiss." 2020 wurden nur noch zwölf Millionen Geburten registriert, nachdem es 2019 noch 14,65 Millionen waren. Die Vereinten Nationen sagen voraus, dass die Zahl der Menschen auf dem chinesischen Festland 2030 ihren Höchststand erreichen wird, bevor sie zurückgeht.

Damit wächst der Druck auf Peking, Maßnahmen zu ergreifen, um Paare zu ermutigen, mehr Kinder zu bekommen. Erst 2016 hatte China die jahrzehntelange Ein-Kind-Politik abgeschafft – in der Hoffnung, die Zahl der Babys zu erhöhen. Seither wird offiziell eine Zwei-Kind-Politik vertreten. Damals wurde auch das Ziel gesetzt, die Bevölkerung bis 2020 auf etwa 1,42 Milliarden zu erhöhen – was nun verfehlt wurde.

Erwerbsbevölkerung schrumpft

Sinkende Geburtenraten und eine schnell alternde Gesellschaft erhöhen den Druck auf die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter und könnten die Produktivität beeinträchtigen. "Unsere Projektionen, die auf den Zahlen vor der Volkszählung basieren, deuteten bereits darauf hin, dass die Erwerbsbevölkerung bis 2030 jährlich um 0,5 Prozent schrumpfen würde, mit ähnlichen Auswirkungen auf das Bruttoinlandsprodukt", schrieben die Analysten von Capital Economics kürzlich. "Ein langsameres Wachstum würde es schwieriger machen, die Vereinigten Staaten wirtschaftlich einzuholen. Und es könnte auch einen Einfluss auf Chinas globales Ansehen haben."

Während sich das Tempo der Alterung in China beschleunigt, zeigt die US-Bevölkerung positive Veränderungen, wie aus einem Arbeitspapier der chinesischen Zentralbank hervorgeht. Darin werden Vorhersagen der Vereinten Nationen zitiert, wonach die US-Bevölkerung von 2019 bis 2050 um 15 Prozent wachsen könnte, die chinesische hingegen um 2,2 Prozent schrumpfen dürfte. "Bildung und technologischer Fortschritt können den Rückgang der Bevölkerung nicht kompensieren", warnte die Zentralbank. (APA/Reuters, 11.5.2021)