Bei Nacht mögen alle Vakzin-Fläschchen gleich aussehen. Ihr Inhalt unter dem Mikroskop aber nicht.

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Es fehlen, einmal mehr, die Daten, um sich ein stimmiges Bild zu machen. Doch die Kontroverse selbst spricht Bände. Wieder einmal geht es um Sputnik V, jene Arznei aus Russland, über die bisher schon vieles unbekannt war, aber zumindest eines festzustehen schien: nämlich dass es sich dabei um einen Impfstoff handelt. Genau das aber steht nun offenbar infrage. Schon Ende April veröffentlichte die slowakische Arzneimittelbehörde ŠÚKL einen Auszug aus einem Vertrag, den die Regierung in Bratislava für die Lieferung von einer Million Dosen unterzeichnet hatte. Er ist auch im zentralen Vertragsregister der Slowakei öffentlich verfügbar.

Darin steht unter anderem in der einleitenden Begriffsklärung: Jener Stoff, der in der Folge als Produkt und Sputnik V beschrieben werde, könne "in bestimmten Bereichen" Änderungen unterworfen sein. Das wurde, etwas zugespitzt, nun so interpretiert, dass die Slowakei mit dem Hersteller nur vereinbart habe, ein Produkt mit dem Namen Sputnik V zu importieren, dessen Zusammensetzung aber nicht klar sei. Dagegen sprechen allerdings andere Punkte in dem Vertrag. Zum einen ist unter "Produkt" aufgeführt, dass es sich um einen "Vektorimpfstoff, bestehend aus zwei Dosen", handelt. Zum anderen sind weiter unten im Vertrag durchaus konkrete Punkte zu den einzelnen Inhaltsstoffen und Fertigungsprozessen aufgeführt.

"Zufriedenstellend". Aber wie?

Außerdem hat die slowakische Regierung ein Testverfahren gestartet – blieb dabei aber selbst wiederum so viele Daten schuldig, dass am Ende mehr Fragen als Antworten standen. Laut einer Sprecherin des slowakischen Gesundheitsministeriums, die die Agentur Reuters am Samstag zitierte, wurde der in die Slowakei gelieferte Impfstoff in einem ungarischen Labor getestet. Das sei auf Wunsch Russlands geschehen, das eine Prüfung in einem in der EU zugelassenen Institut beantragt habe. Die Ergebnisse seien "zufriedenstellend" gewesen. Weitere Details dazu blieb die Regierung allerdings schuldig.

Damit bleibt weiter unklar, was mit den zwei Millionen Dosen passieren soll, die das Land laut dem Vertrag zum Stückpreis von 9,95 US-Dollar (also gesamt 19.900.000 Dollar oder 16,4 Millionen Euro) angeschafft hatte und die zum Teil bereits seit Monaten auf Lager liegen. Denn eine Verimpfung hat bisher nicht stattgefunden. Nicht nur große Teile der politischen Landschaft in der Slowakei – darunter auch mehrere Parteien der Regierungskoalition –, sondern auch die Zulassungsbehörde ŠÚKL wenden sich bisher gegen eine Anwendung. Die ŠÚKL argumentiert – ebenso wie die europäische Behörde EMA –, dass wichtige Daten aus Russland weiterhin nicht geliefert würden.

Das alles rüttelt trotz guter Studiendaten am Vertrauen in den Impfstoff. Eine Twitter-Kampagne vom offiziellen Account des Vakzins, in der mit manipulativ eingesetzten Daten gegen Konkurrenzprodukte geschossen wird, tat zuletzt ihr Übriges. Diese manipulativen Nachrichten wurden zuletzt sogar von von der EMA scharf kritisiert. Auch dass Brasiliens Arzneimittelbehörde zuletzt den Impfstoff mit der Begründung ablehnte, der Impfstoff entspreche nicht dem Präparat, dass für die Zulassungsstudien verwendet wurde, weckt wenig Zuversicht. In Brasilien wurde in der Frage der Oberste Gerichtshof eingeschaltet.

Grüner Pass infrage gestellt

Wegen der fehlenden EMA-Zulassung ist auch ein weiteres wichtiges Detail offen: Wie geht die EU bei der Einführung des grünen Passes mit jenen Menschen um, die in der Union mit einem Impfstoff immunisiert wurden, der nicht von der EMA zugelassen wurde? Konkret geht es dabei bisher vor allem um Ungarn. Dort wird schließlich nicht nur Sputnik V verimpft, sondern auch der ebenfalls nicht von der EMA zugerlassene Impfstoff des chinesischen Herstellers Sinopharm. Anfang März hatte die ungarische Regierung begonnen, Impfpässe auszuteilen, auf denen nur die Immunisierung bestätigt wurde, nicht aber der Hersteller des Vakzins. Dass die EU diese akzeptieren würde, galt damals allerdings als unwahrscheinlich. Das Europäische Parlament hat kürzlich klargestellt, dass nur von der EMA zugelassene Vakzine automatisch den Zugang zum grünen Pass ermöglichen. Einzelne Staaten können dennoch die Einreise erlauben. Rumänien etwa hat kürzlich ein entsprechendes Abkommen mit Ungarn geschlossen.

Ruhig geworden ist es vor diesem Hintergrund um die Bestellung von Sputnik V durch weitere europäische Staaten, darunter Österreich. Bundeskanzler Sebastian Kurz hatte rund um Ostern mehrfach betont, bei den Verhandlungen über die Lieferung einer Million Impfdosen für Österreich "auf der Zielgeraden" zu sein. Angekündigt war dabei ein Einsatz spätestens Ende Juni. Später schien die Sache aber im Sand zu verlaufen. Der neue Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) betonte mehrfach, man werde in Österreich nur Vakzine einsetzen, die von der EMA zugelassen seien. Auch die Bestellung durch mehrere deutsche Bundesländer, die teils bereits angekündigt worden war, hat sich aus diesem Grund bisher nicht materialisiert. (mesc, 11.5.2021)