Von über 1.500 Studienteilnehmern, die finanzielle Einbußen erlitten haben, gaben 31 Prozent an, mehr als 10.000 Euro verloren zu haben.

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Wien – Die Coronapandemie hat den Musikarbeitsmarkt in Österreich hart getroffen. Was die große Anzahl an Konzert- und Veranstaltungsabsagen seit März 2020 bereits nahelegte, hat eine Studie der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw) nun mit umfangreichen Zahlenmaterial untermauert. 86 Prozent der 1.777 Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Online-Befragung haben demnach finanzielle Einbußen erlitten.

Bei dem Projekt des Instituts für Kulturmanagement und Gender Studies (IKM) der mdw in Kooperation mit dem Institut für Retailing & Data Science der Wirtschaftsuniversität Wien wurde der Zeitraum von 15. März 2020 bis 14. März 2021 abgefragt. Von über 1.500 Studienteilnehmern, die finanzielle Einbußen erlitten haben, gaben 31 Prozent an, mehr als 10.000 Euro verloren zu haben. Die Gründe sind auch angesichts der Heterogenität des Musikarbeitsmarktes vielfältig, betonte Studienleiter Peter Tschmuck bei einer Online-Präsentation am Dienstag.

So seien die Absage von Auftritten im Inland (91 Prozent) und Ausland (59 Prozent) zwar am häufigsten genannt worden, meist wurde aber eine Kombination unterschiedlicher Parameter angegeben. Demnach gab es bei 22 Prozent der Befragen nur einen Grund für den Einkommensverlust, für den Rest fielen zwei oder mehr Aspekte ins Gewicht. Auch auffällig: Je höher die absoluten Verluste, umso häufiger wurden Auftrittsabsagen im In- und Ausland ins Treffen geführt.

50 Prozent freischaffend

Unterteilt wurden die Studienteilnehmer auch nach Beschäftigungsverhältnissen. Hier zeigte sich, dass freischaffende Musikerinnen und Musiker tendenziell stärker betroffen waren als jene, die eine Kombination aus angestellt und freischaffend vorweisen konnten sowie den rein Angestellten. Und immerhin 50 Prozent der Studienteilnehmer stuften sich als freischaffend ein, wobei hier der Anteil jener, die mehr als 10.000 Euro verloren haben, mit 45 Prozent überdurchschnittlich hoch ist. Nur geringfügig besser war die Lage für Musiker mit einem kombinierten Beschäftigungsverhältnis.

Die Erhebung hat zudem deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern offenbart: Die Teilnehmer teilten sich in 65 Prozent männliche und 35 Prozent weibliche, wobei die Männer in absoluten Werten zwar höhere Verluste hinzunehmen hatten. Tschmuck warnte diesbezüglich aber davor anzunehmen, dass die Krise Frauen nicht so hart getroffen habe. "Das bedeutet, dass die Männer vor der Pandemie besser verdient haben als die Frauen, womit die Fallhöhe größer war."

Abgefragt wurde auch die Bewertung der Corona-Hilfsmaßnahmen, was ein auf den ersten Blick überraschendes Ergebnis hervorbrachte: 46 Prozent und somit weniger als die Hälfte hat um zumindest eine der möglichen Unterstützungen angesucht. Besonders gering war dieser Anteil bei den Angestellten, diese haben zu 91 Prozent auf einen Hilfeantrag verzichtet. Am häufigsten genutzt wurden der Härtefallfonds der Wirtschaftskammer (54 Prozent), die Überbrückungsfinanzierung der SVS (37 Prozent) sowie der Lockdown-Bonus für selbstständige KünstlerInnen (35 Prozent). Diese drei Hilfen wurden auch in mehr als 80 Prozent der Fälle tatsächlich ausbezahlt.

Touren müssen möglich sein

Allerdings waren die finanziellen Hilfen nur für 21 Prozent ausreichend, 41 Prozent gaben an, damit kaum oder nicht ausgekommen zu sein. Was die Zufriedenheit in punkto Information zu Berechtigung und Antrag, Arbeitsaufwand, Dauer bis zur ersten Überweisung und Höhe anbelangt, variierten die Angaben teils stark. Am schlechtesten schnitt diesbezüglich die Herabsetzung und Stundung laufender Fixkosten ab.

Ein wesentlicher Faktor, um die Situation für Musikerinnen und Musiker wieder zu verbessern, ist für Tschmuck das Livegeschäft. "Es muss wieder möglich sein, dass getourt wird." Wobei er eine nicht gerade optimistische Prognose wagte: "So, wie es davor war, wird es nie wieder werden. Es wird sich verbessern, aber es wird auch anders werden. Und natürlich bleibt die Frage, wie viele Veranstalter die Krise überleben."

"Unsere Studie ist die erste für Österreich, die nicht nur die Auswirkungen der Coronakrise untersucht, sondern insgesamt versucht, den österreichischen Musikarbeitsmarkt genaustens zu analysieren", so der IKM-Leiter. "Wir haben so viel Zahlenmaterial, dass wir noch längere Zeit auswerten werden." Einen Endbericht stellte er für Sommer in Aussicht, wobei natürlich auch eine Follow-up-Untersuchung in zwei oder drei Jahren denkens- und wünschenswert wäre.

"Unser Ziel ist jedenfalls, einen Beitrag zum kulturpolitischen Diskurs im Land zu leisten", sagte Tschmuck. "Wir wollen daten- und faktenbasiert eine Diskussion anschieben, wie es weitergehen kann und soll." Nicht zuletzt auch in den offen gestellten Fragen habe man gemerkt, "wie sehr Musikschaffende unter der Pandemie leiden", betonte der Musikwirtschaftsforscher. "Hinter jedem einzelnen Datenpunkt stehen Existenzen, stehen Menschen, die massiv an Einkommen verloren haben. Das sind nicht nur statistische Größen, das sind Lebensentwürfe." (APA, 11.5.2021)