Österreich liegt bezüglich der Höhe von Erbschaften im Spitzenfeld reicher Länder.

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Das Ärgste scheint überstanden. Zumindest in jenen Teilen der Welt, in denen bereits viele der Menschen geimpft wurden, kehrt so etwas wie Normalität zurück. Die Erholung läuft besser als erwartet. Das vielbeschworene Licht am Ende des Tunnels scheint auch in Österreich nahe zu sein. Offen bleibt, wie die Gesellschaft am anderen Ende her auskommt und mit welchem Ballast die Reise weitergeht.

Die Pandemie hat hohe Schuldenberge verursacht und etliche Folgekosten. Während Besserverdiener dank Homeoffice oder Angestellte der nicht vom Lockdown erfassten Industrie ihre Jobs behielten, wurden viele geringer bezahlte Mitarbeiter im Handel, Tourismus, in der Veranstaltungs- und Transportbranche arbeitslos.

Wer von zu Hause arbeiten kann, hatte ein rund fünfmal geringeres Risiko, arbeitslos zu werden, als Beschäftigte, die nicht daheim weiterwerken konnten, wie Ökonomen der Uni Oxford im Rahmen des Covid Inequality Project berechneten.

Während die Ungleichheit zu steigen begann, federte der Staat die soziale Not mit Steuergeld ab. Wie erfolgreich die öffentlichen Hilfen waren, ist ungewiss. Klar ist, dass sich die Einkommen der ärmeren achtzig Prozent der Gesellschaft langsam erholen, das Vermögen in reicheren Haushalten sich noch stärker konzentriert, wie die Industriestaatenorganisation OECD in ihrem aktuellen Bericht über Erbschaftssteuern festhält.

Das liegt auch an der guten Entwicklung an den Finanzmärkten, die vielfach den Corona-Crash im Vorjahr längst hinter sich gelassen haben, sowie an boomenden Immobilienpreisen. "Manches deutet darauf hin, dass die Pandemie auch in Österreich die Ungleichheit vergrößert", sagt Wifo-Ökonomin Margit Schratzenstaller und ergänzt: "Genaueres werden wir erst mit der Zeit wissen, und es hängt davon ab, wie die Politik jetzt reagiert."

Altern und erben

Die Folgen der Corona-Krise verstärken einen Prozess, der längst läuft: Mittelfristig spielt die Demografie eine wichtige Rolle. Derzeit treten viele der geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer quasi rechtzeitig zum Pensionsantritt noch ein Erbe an und vermehren ihr Vermögen. Auf die geburtenschwächeren Folgejahrgänge kommen pro Kopf noch viel größere Erbschaften zu.

Diese Dynamik kann die Ungleichheit noch verstärken. Denn je größer das Vermögen, desto schneller wächst es, wie die Ökonomen Roberto Iacono von der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens und Elisa Palagi von der Scuola Superiore Sant’Anna in einer aktuellen Analyse feststellten. Die gleiche Dynamik war bei Einkommen nicht zu beobachten. Ihr Fazit: Progressive Vermögenssteuern können Ungleichheit verringern.

Hohe Erbschaften in Österreich

Österreich liegt laut OECD bei Erbschaften im Spitzenfeld von 16 untersuchten Ländern, darunter Deutschland, Frankreich und Luxemburg. Demnach erhielt das vermögendste Fünftel der Österreicher ein durchschnittliches Erbe von über einer halben Million Dollar. Im OECD-Schnitt bekam die Oberschicht weniger als 200.000 Dollar vererbt.

Erbschaftssteuern würden in der jetzigen Situation eine "besonders wichtige Rolle" spielen, heißt es in dem Bericht. Insbesondere wenn Einnahmen genutzt würden, um Abgaben auf Einkommen zu reduzieren, schließt sich Schratzenstaller der Auswertung mit Blick auf Österreich an.

Hierzulande scheiterte eine Erbschaftssteuer 2008 am Verfassungsgerichtshof. Wo es sie gibt, hält sich das Aufkommen in Grenzen: Im Spitzenreiterland Südkorea machte die Erbschaftssteuer 1,6 Prozent am Gesamtaufkommen aus. In Österreich kam die abgeschaffte Erbschaftssteuer einer Bagatellsteuer gleich.

Reformbedarf

Das müsste nicht sein. Zum einen könnte das Stiftungswesen reformiert werden, damit große Erbschaften steuerlich erfasst werden. Zum anderen müsste bei der Berechnung der Vermögen der Verkehrswert von Immobilien und dergleichen herangezogen werden, damit das vermachte Vermögen realistisch bewertet werden kann.

Simulationen würden nahelegen, dass eine Erbschaftsteuer einen substanziellen Beitrag in Österreich leisten könnte, selbst wenn im Interesse der unternehmerischen Dynamik Betriebsvermögen geschont wird, wie es auch die OECD-Experten vorschlagen.

Kleinere Erbschaften zu besteuern könnte freilich die Ungleichheit vergrößern. Eine Faustregel: Die kleine Autowerkstatt oder das Eigenheim der Eltern sollte ohne steuerliche Belastung weitergegeben werden können. Eine Steuer auf hohe Erbschaften könnte eine Entlastung der Einkommen trotz der Folgekosten der Pandemie ermöglichen. (Leopold Stefan, 13.5.2021)