Seit zwei Tagen steht Ashkelon unter Dauerbeschuss. Die Stadt liegt an der Grenze zum Gazastreifen. Tönt der Alarm, beeilen sich die Menschen, in die Schutzbunker zu kommen.

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Alltag im Nahostkonflikt. Die Überbleibsel von Raketen sieht man auch beim Ausführen des Hundes.

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Nicht nur das medizinische Personal ist akutem Stress ausgesetzt. Auch die Bevölkerung in der Region leidet unter der Situation.

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Ein Haus in Ashkelon, das von einer Rakete getroffen wurde.

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Der Iron Dome, das israelische Raketenabwehrsystem, fängt eine Rakete ab. Von den rund 900 Raketen in den vergangenen zwei Tagen entfielen allein 270 auf die 145.000-Einwohner-Stadt am Mittelmeer.

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Es ist ein hübsches Häuschen mit adrettem Vorgarten, jede Zierpflanze gut umsorgt, Blumentöpfe in Rot und Rosa. Einladend sähe es aus, das kleine Wohnhaus in Malchei-Israel-Straße 22, wären da nicht die riesige Wunde im Dach und das Loch in der Fassade.

Hier schlug Dienstagnachmittag jene Rakete ein, die Sahumia Santosh, 32 Jahre alt, Mutter eines Kindes, ums Leben brachte und jene betagte Frau, für deren Pflege Sahumia sorgte, schwere Verletzungen zufügte. Die alte Frau hatte den Holocaust überlebt. Nun kämpfen die Ärzte darum, dass sie den Folgen der Hamas-Gewalt nicht erliegt. Sahumia war vor einigen Jahren aus Indien nach Israel gekommen, um hier zu arbeiten. Als Pflegerin war sie auf der Suche nach einem besseren Leben – und fand den Tod.

Shirley steht vor dem Haus, ihre geröteten Augen aufs Handy gerichtet, ständig tutet das Smartphone, trudeln Nachrichten ein. Sahumia war die Frau ihres Bruders. "Meinem Bruder geht es sehr, sehr schlecht", sagt Shirley, und ihre Stimme verrät, dass es ihr nicht viel besser geht. Trotzdem hebt sie tapfer ab, wenn das Handy läutet, noch ein Verwandter aus Indien wissen will, ob es wirklich wahr ist. Und im Hintergrund das ständige Donnern der Raketen.

An der Grenze zum Gazastreifen

Seit zwei Tagen steht Ashkelon unter Dauerbeschuss. Die Stadt liegt an der Grenze zum Gazastreifen. Die Menschen, die hier und in den Kibbutzim rundherum leben, sind immer die Ersten, die dem Raketenhagel der Terrorgruppen ausgesetzt sind, und wenn ganz Israel im Feuer der Hamas und der Terrorgruppe Islamischer Dschihad steht, dann spüren sie es am stärksten.

So ist es auch jetzt. Von den rund 900 Raketen in den vergangenen zwei Tagen entfielen allein 270 auf die 145.000-Einwohner-Stadt am Mittelmeer. Raketen halten sich nicht an die Nachtruhe. Manche schlagen Notlager im Luftschutzbunker des Hauses auf, um nicht jedes Mal, wenn die Sirene heult, von Neuem losrennen zu müssen. Andere haben das Schlafzimmer in den Bunkerraum gebaut. Ein Viertel der Ashkeloner hat einen Bunker im Haus. Überleben ist hier auch eine Geldfrage.

Raketen unterscheiden nicht

Am schwierigsten sei es für die Kinder, sagt Bürgermeister Tomer Glam. Der ständige Sirenenalarm raubt ihnen Sicherheit und Schlaf. "Selbst wenn sie schlafen, schlafen sie schlecht." Raketen unterscheiden auch nicht zwischen Juden und Arabern. "Sie bringen beide um und haben es hier auch schon getan", sagt er.

Ins Ashkeloner Barzilai-Spital sind Mittwochvormittag drei junge Soldaten eingeliefert worden. Eine Panzerabwehrrakete aus Gaza hatte ihr Auto getroffen. Drei wurden verwundet, einer starb. So liest man es in der Zeitung. Aus dem Mund des Notaufnahmeleiters John Rieck sind es zwei Worte: "Schweres Trauma." Nicht nur seelisch, vor allem auch körperlich – und für zwei der drei tödlich. "Ich kann keine Details erzählen", sagt Rieck, "es ist uns noch nicht einmal gelungen, die Familien zu informieren." Der Brite ist seit dreißig Jahren Notfallmediziner, seit drei Jahren hier, in Ashkelon. Er hat viel gesehen, viel erlebt.

Aber diese Zeit sei für alle Ärzte und Pfleger im Krankenhaus besonders schwierig. "Erst war Corona, da gab es nur arbeiten, schlafen, aufstehen und sagen: Okay, zurück in den Krieg." Und jetzt, fast ohne Atempause, ist der wirkliche Krieg vor der Tür. Wie gehen die Ärzte mit der seelischen Belastung um, gibt es psychologische Unterstützung? "Ja, Whisky", sagt Rieck. Es ist ein Scherz mit einem bitteren, wahren Kern. So gut Israel auch für den militärischen Schutz seiner Grenzen sorgt, ist es beim Schutz der seelischen Gesundheit jener, die an der Front stehen, am Feld und in den Spitälern, nicht allerbestens aufgestellt: "Wir tun leider nicht genug", sagt Rieck.

Chronischer Stress für die Menschen

Hundert Patienten hat die "Operation Wall Guard" bis jetzt gebracht. Die Mehrzahl litt unter Stressfolgen: Herzrasen, Druck auf der Brust, Schwindel. Man kläre dann erst einmal ab, ob es körperliche Ursachen habe, denn bei Menschen mit Vorerkrankungen könne der Stress dieser Tage auch Herzinfarkte auslösen. Und Vorerkrankungen haben in Ashkelon viele Menschen. "Wir dürfen nicht vergessen, dass die Leute hier alle unter chronischem Stress leiden."

Der akute Stress dieser Tage wird so bald nicht abebben. Mittwochnachmittag sendete der militärische Arm der Volksfront zur Befreiung Palästinas eine Warnung aus. Man werde "massive, gezielte Angriffe auf Ashkelon" vornehmen. Es würde in der Hand der dort Lebenden liegen, "ob sie weggehen oder sterben".

Bürgermeister Tomer Glam wünscht sich erst gar nicht, dass die aktuelle Eskalation bald vorüber ist. "Mir ist lieber, es dauert ein bisschen länger", sagt er, "und ist dann aber auch wirklich endgültig vorbei." (Maria Sterkl, 12.5.2021)