Die israelischen Streitkräfte bombardieren seit Tagen Ziele im dichtbesiedelten Gazastreifen.

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Israelische Soldaten an der Grenze zum Gazastreifen.

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Gaza – Israelische Bodentruppen sind am Donnerstagabend in den Gazastreifen vorgedrungen. Dies teilte die israelische Armee mit. Zuvor hatte Israel nach tagelangem Raketenbeschuss aus dem Palästinensergebiet heraus zusätzliche Truppen an die Grenze verlegt, was Erinnerungen an die Kriege 2008/2009 und 2014 weckte.

Im Nahen Osten ist damit kein Ende der Kämpfe zwischen Israel und militanten Palästinensern in Sicht. Israel flog am Donnerstag erneut zahlreiche Luftangriffe auf den Gazastreifen. Die islamistische Hamas feuerte weitere Raketen auf israelische Städte wie Tel Aviv. Tausende Menschen im Süden Landes flüchteten sich in Luftschutzbunker. Israels Verteidigungsminister Benny Gantz genehmigte die Mobilisierung von weiteren 9.000 Reservisten.

Am Donnerstagabend meldete die israelische Armee zudem, dass aus dem Libanon drei Raketen auf Nordisrael abgefeuert worden seien. Die Geschosse seien aber im Meer gelandet. Dabei sei weder jemand verletzt noch Schaden angerichtet worden.

Internationale Reaktionen

US-Präsident Joe Biden hatte zuvor nach einem Telefonat mit dem israelischen Regierungschef Benjamin Netanjahu erklärt, er gehe davon aus, dass die Kämpfe bald enden werden. Anzeichen dafür gab es aber nicht. Der britische Premierminister Boris Johnson rief zu einer sofortigen Deeskalation auf. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron verurteilte Raketenangriffe "terroristischer Gruppen" auf Israel. Der russische Präsident Wladimir Putin und UN-Generalsekretär Antonio Guterres forderten ein Ende der Kämpfe. Netanjahu sagte allerdings, der militärische Einsatz werde noch länger dauern. Hamas-Chef Ismail Hanijeh sprach von einer "unbefristeten Konfrontation mit dem Feind".

Eine für Freitag angedachte Sitzung des Uno-Sicherheitsrates zur eskalierenden Gewalt in Nahost lehnen die USA ab.

Mehr als 100 Tote in Gaza

Bei dem israelischen Beschuss starb am Donnerstag nach Angaben von Medizinern ein Mann in der Stadt Chan Yunis im südlichen Gazastreifen. In Gaza-Stadt wurde ein sechsstöckiges Wohnhaus zerstört, das nach israelischen Angaben der Hamas gehörte. Im Gazastreifen teilten die Gesundheitsbehörden mit, sie untersuchten den Tod mehrerer Menschen, die den Verdacht geäußert hätten, giftige Gase eingeatmet zu haben. Auf israelischer Seite wurden nach Angaben der Polizei fünf Menschen nahe Tel Aviv verletzt, als eine von Palästinensern abgefeuerte Rakete in ein Gebäude einschlug.

Seit Beginn der Kämpfe am Montag starben nach Angaben des dortigen Gesundheitsministeriums mehr als 100 Menschen im Gazastreifen. Dazu kommen knapp 500 Verletzte. In Israel wurden nach Angaben des Militärs sieben Menschen getötet, laut Medienberichten gab es seit Montag dutzende Verletze.

Raketen, die in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag vom Gazastreifen Richtung Israel gefeuert werden.
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Israel flog Hunderte Luftangriffe seit Beginn der Kämpfe, die Hamas und der Islamische Jihad feuerte nach Auskunft des Militärs bislang rund 750 Raketen ab. Früheren Angaben zufolge fängt das Luftabwehrsystem "Iron Dome" 90 Prozent der Geschosse ab, die die Grenze überqueren. Ein beachtlicher Teil der abgefangenen Raketen ging noch auf dem dichtbesiedelten Gazastreifen nieder.

Warnung vor Bürgerkrieg

Israels Präsident Reuven Rivlin forderte ein Ende des "Wahnsinns" und warnte vor einem Bürgerkrieg. Denn die Kämpfe schüren inzwischen auch Gewalt zwischen jüdischen Israelis und der arabischen Minderheit. Aus mehreren Ortschaften wurden wechselseitige Attacken auf Angehörige der anderen Seite gemeldet. Geschäfte, Hotels und Autos wurden beschädigt. Die Polizei gab mehr als 150 Festnahmen im Norden des Landes bekannt.

Trotz einer Ausgangssperre flammten etwa in der Stadt Lod in der Nähe von Tel Aviv am Mittwochabend erneut Unruhen auf. Nach Medienberichten wurde in der Stadt ein Polizeifahrzeug in Brand gesetzt. In den Tagen zuvor hatte in Lod auch eine Synagoge gebrannt, ein 25-jähriger Araber wurde laut Medienberichten von einem jüdischen Einwohner der Stadt erschossen. In Akkon im Norden des Landes wurde ein jüdischer Einwohner von arabischen Demonstranten lebensgefährlich verletzt. In Bat Yam südlich von Tel Aviv attackierten ultrarechte Juden nach Medienberichten arabische Geschäfte. Ein arabischer Einwohner wurde nach Fernsehberichten von einer jüdischen Menge brutal mit Knüppeln angegriffen. Mit Blick auf die Ausschreitungen im Land und den gleichzeitigen Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen sprach Netanjahu von einem Kampf "an zwei Fronten".

In den vergangenen Tagen hatte es zunächst vor allem in Jerusalem heftige Zusammenstöße zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften gegeben. Auslöser waren unter anderem Proteste gegen Polizeiabsperrungen in der Altstadt sowie drohende Zwangsräumungen palästinensischer Familien im Viertel Sheikh Jarrah. Jüdische Siedler beanspruchen ihre Häuser. Ostjerusalem gehört zu den von Israel besetzten Gebieten, daher ist die Beschlagnahmung von Häusern laut humanitärem Völkerrecht nicht zulässig.

Palästinenser beklagen systematische Ausgrenzung

Unabhängig von den aktuellen Spannungen sind die Palästinenser frustriert über Rückschläge in den letzten Jahren bei ihren Bestrebungen nach einem unabhängigen Staat. Dazu gehören Washingtons Anerkennung Jerusalems als Israels Hauptstadt, der Aufbau jüdischer Siedlungen sowie ein US-Plan zur Beendigung des Konflikts, den die Palästinenser als günstig für Israel betrachten.

Der aufgeflammte Streit hat zunehmend auch wirtschaftliche und logistische Folgen. Israelische Behörden untersagten die Landung von Passagierflügen am internationalen Flughafen Ben Gurion und leiteten sie zum Flughafen Ramon bei Eilat um. Nach den US-Airlines United, Delta und American strichen auch British Airways und Lufthansa Flüge nach Israel. Der US-Energiekonzern Chevron fuhr die Produktion auf der Erdgas-Plattform "Tamar" vor der Küste Israels herunter. Die Ratingagentur Fitch warnte, eine weitere Zuspitzung der Auseinandersetzungen könnte sich negativ auf die Kreditwürdigkeit Israels auswirken. (fmo, Reuters, APA, 13.5.2021)