Viele Covid-Patienten in Nepal haben nicht das Glück, lebenswichtigen Sauerstoff zu bekommen.

Foto: AP / Niranjan Shrestha

Wer den Mount Everest besteigt, muss sich an eine einfache Regel halten: Alles, was mit auf den Berg genommen wird, muss auch wieder runter. Sprich, sämtliche Sauerstoffflaschen, die zur Besteigung des höchsten Bergs der Welt benötigt werden, müssen wieder ins Tal mitgenommen werden. Anfang der Woche hat die Nepal Mountaineering Association dennoch eine dringliche Bitte an die Bergsteiger gerichtet. Diese Saison sollen sich wirklich alle daran halten, und zwar nicht bloß aus Naturschutzgründen. Die Sauerstoffflaschen werden dringend für Covid-Patienten im Land benötigt.

Das kleine Land im Himalaja, zwischen China im Norden und Indien im Süden, kämpft seit einigen Wochen mit einem rasanten Anstieg an Neuinfektionen. Wenn Mitte April offiziell bloß rund 300 Neuinfektionen täglich gezählt wurden, sind es jetzt, Mitte Mai, über 9000. Allein am Mittwoch sind 168 Menschen mit einer Infektion gestorben. Spitäler berichten, dass ihnen der Sauerstoff schlicht ausgeht, die Krematorien arbeiten auf Hochtouren. In vielen Krankenhäusern im Land werden Covid-Infizierte abgewiesen, weil keine Infrastruktur wie Intensivbetten, Sauerstoff oder Fachpersonal zur Verfügung steht.

Ähnlicher Trend wie in Indien

Durch die erste Welle im vergangenen Jahr ist das Land mit rund 28 Millionen Einwohnern relativ gut gekommen. Doch mit dieser heftigen zweiten Welle hat niemand gerechnet, sagt Mona Sherpa, Vizedirektorin von Care Nepal, zum STANDARD. Sie sieht eine ähnliche Katastrophe wie in Indien auf das Land zukommen, wenn die Infektionsketten nicht gebrochen werden. "Nepal macht leider den indischen Trend nach", sagt sie. Indiens kleinere Nachbarländer wie Pakistan, Bangladesch oder Nepal bräuchten genauso dringend Hilfe.

Das Virus hat sich in den vergangenen Wochen wohl über die offene Grenze zu Indien so rasch verbreiten können. Die rund 1800 Kilometer lange Grenze wird täglich von tausenden Wanderarbeitern überquert. An den Grenzen gibt es kein ordentliches Screening, sagt Sherpa – genau das will Care Nepal in den nächsten Tagen aufbauen. Außerdem verteilt die NGO wie schon im ersten Lockdown Masken, Schutzkleidung oder Hygiene-Kits – immer mit Bedacht auf die besonders Schutzbedürftigen wie Frauen oder die Angehörigen der Dalits, der sogenannten Unberührbaren, wie Sherpa betont. Außerdem hilft die Organisation, Sauerstoff und Zubehör dafür zu besorgen.

Tagelöhnern geht Geld aus

Während aktuell die medizinische Versorgung das dringendste Problem im Land ist, machen die Hilfsorganisationen aber auf die sekundären Probleme der Pandemie aufmerksam. Kusum Tamang, Gründerin der lokalen NGO Hiteri etwa, verteilt jeden Vormittag Essen in ihrer Nachbarschaft im Süden der Hauptstadt Kathmandu. "Die Situation wird jeden Tag schlimmer", berichtet sie. "Viele Menschen sterben an der Krankheit selbst. Aber vielen Tagelöhnern gehen die Ersparnisse aus." Sie können sich kein Essen mehr leisten. Vor den Lockdowns konnte man etwa bei diversen Tempelfesten um Almosen bitten. Diese Möglichkeiten gebe es jetzt nicht. Es sind die ohnehin Schwächsten, die die Krise besonders hart trifft.

Seit Tagen versprechen Politiker, Sauerstoff in den Spitälern bereitzustellen, doch oft bleibt es bei der Ankündigung via Twitter. Für viele Patienten kommen die rettenden Lieferungen zu spät, so sie überhaupt ankommen. Sowohl Tamang als auch Sherpa sind sich einig, dass die Regierung sich nicht ordentlich vorbereitet hat und Corona zu lang nicht ernst genug genommen hat. Anstatt Infrastruktur aufzubauen, hat Nepal Ende April die Grenzen für alle geöffnet, um den für das Land so wichtigen Tourismus wieder anzukurbeln. Über 400 Genehmigungen wurden allein für den Everest ausgestellt – ein bisheriger Rekord.

Hilfe aus China

Doch das Land steckt wie so oft in einer politischen Krise. Am Montag sprach das Parlament Premier K.P. Sharma Oli das Misstrauen aus. Aus Indien ist keine Hilfe zu erwarten. Die Regierung dort ist mit ihrer eigenen Covid-Krise überfordert. So wird der mächtige Nachbar China in die Bresche springen und seinen Einfluss im Himalaja ausbauen. Schon bald will Peking 20.000 Sauerstoffflaschen liefern.

China hat im Gegensatz zu Indien das Virus im Griff. Dass das auch so bleiben soll, zeigt ein ungewöhnlicher Schritt: Am Wochenende kündigte China an, auf dem Gipfel des Mount Everest, der Grenze zwischen den Ländern, ein Absperrband einzusetzen, damit chinesischen Bergsteiger nicht mit jenen aus Nepal in Berührung kommen würden. (Anna Sawerthal, 14.5.2021)