Novi Sad blieb der Schauplatz der Romane und Erzählungen von Aleksandar Tišma, die alle Zeugnis von den Verwundungen des 20. Jahrhunderts ablegen.

Foto: Reuters / Marko Djurica

Als Aleksandar Tišma in den ersten beiden Monaten des Jahres 1992 seine Autobiografie niederschrieb, war Jugoslawien bereits zerfallen und seine Mutter gerade gestorben. Diese Gleichzeitigkeit ist nicht ohne Bedeutung, denn Tišmas Mutter war Teil jener Multikulturalität auf dem Balkan, die im 20. Jahrhundert nach und nach zerstört wurde.

Genau das spiegelt die Familiengeschichte des Autors wider, in der die serbisch -orthodoxe Herkunft (väterlicherseits) mit der ungarisch-jüdischen (mütterlicherseits) eine fruchtbare Symbiose jenseits aller späteren Trennungen einging. Die jüdische Identität war zur Zeit der deutschen und ungarischen Besatzung ab 1941 lebensgefährlich, Tišmas Familie blieb glücklicherweise vom Holocaust unbehelligt, dennoch blieb das Trauma der Verfolgung zurück: "Lassen Sie dich in Ruhe?", fragt die Mutter kurz vor ihrem Tod.

Damals ist Tišma 68 Jahre alt, sein Werk erfährt endlich auch im Ausland Anerkennung, aber zu diesem Zeitpunkt hat er aufgehört, weitere Romane zu schreiben. Die mit 20-jähriger Verspätung nun auf Deutsch erschienene Autobiografie ist, abgesehen von seinen Tagebüchern, sein letztes Werk. Und sie bündelt und erklärt noch einmal die Grundthemen dieses Werkes und ist zum anderen ein privates Erinnerungsbuch mit viel europäischer Zeitzeugenschaft.

Nationale Unbestimmtheit

Der Titel Erinnere dich ewig ist einem alten Schulheft entnommen, in das ihm im Mai 1945 eine "Freundin Vali" zum Abschied diese Widmung auf Slowenisch schrieb. Im beeindruckenden Nachwort von Ilma Rakusa erfährt man, dass Tišma diesen Satz eigentlich falsch übersetzt hat: Er möge sich "öfter" an sie erinnern, heißt es im Original, doch Tišma hat daraus einen unwiderruflichen "Imperativ gegen das Vergessen" gemacht.

Zumindest in der Erinnerung ist noch all das aufgehoben, was längst zerstört ist, und Tišma, der 2003 starb, war wohl einer der letzten Kosmopoliten auf dem Balkan. Er sprach Deutsch, Ungarisch, Französisch genauso wie Serbisch. Die Herkunft, die er einmal als "nationale Unbestimmtheit", ja "Gespaltenheit" bezeichnet, bedeutet letztlich jene Diversität, die zum alles entscheidenden Bodensatz seines Schriftstellertums wurde.

Sein Leben lang war Tišma in Novi Sad geblieben, der Traum von einem Künstlerleben in Paris blieb unerfüllt, das kommunistische Regime verwehrte die Ausreise in den Westen. Neben der Tätigkeit als Journalist, Lektor und Übersetzer kam langsam die Karriere als Schriftsteller in Gang.

Novi Sad blieb auch der Schauplatz seiner Romane und Erzählungen, die alle Zeugnis von den Verwundungen des 20. Jahrhunderts ablegen, quer durch alle Schichten und quer durch alle Bevölkerungsgruppen, denn in Novi Sad lebten von jeher Serben, Ungarn, Deutsche, Juden friedlich nebeneinander, zumindest bis zum Zweiten Weltkrieg.

Schreiben als Lebensmission

Das gesellschaftliche Leben davor und danach mit all seiner zeitgeschichtlichen Problematik findet sich im Brennpunkt von Tišmas Literatur. So deutlich wie das Bestreben, von den Verwerfungen auf dem Balkan Zeugnis abzuliefern, war von Anfang an der Drang, Schriftsteller zu werden, Schreiben wurde zur Lebensmission: "Ohne Literatur, ohne von mir geschriebene Bücher, würde ich ein Nichts bleiben, ein leerer Raum, ein Raum ohne Verbindung (…) zum Leben", sagt sich der junge Mann – und erfährt in dem Augenblick die größte Ernüchterung, als er zum ersten Mal Proust liest und "niedergeschmettert" feststellen muss, dass die Bücher, die er schreiben wollte, bereits geschrieben waren, sein ganzes literarisches Streben schien ihm plötzlich "gegenstandslos".

Ohnehin bestimmen Krieg und Besatzung den Lebensalltag, und reichlich erotische Erlebnisse, die Tišma intensiv bei Prostituierten sucht, während er das Dilemma seiner "Selbstsucht eines künftigen Schriftstellers" nicht aufzulösen vermag.

1944 meldet er sich freiwillig zum jugoslawischen Militär, um der drohenden Einberufung zuvorzukommen, und hat Glück, weil er zur Armeezeitung kommt. Von nun an sind es Wege des Kompromisses, die ihm in einem vom Dogma geknebelten Land aufgezwungen werden, in dem er zwar als Schriftsteller nicht leben möchte, in dem es aber – so weit gilt es, sich zu arrangieren – möglich ist, "dieselben Bücher wie in Paris oder London zu lesen, ja sogar zu schreiben".

Dennoch werden Leben und Schreiben irgendwann als Ohnmacht erfahren, und als er 1957 endlich einen Reisepass bekommt und nach Paris fahren kann, ist es für die Erfüllung des Traums schon zu spät. Im Nachhinein fragt der Autor nach den vergebenen Möglichkeiten: "Was wäre ich geworden?" Aber hat nicht im Nachhinein alles doch seine Richtigkeit? Dass er nicht wie Proust geschrieben hat, dass er seiner unbestimmten Identität, also der Herkunft und dem Ort der Herkunft treu blieb?

Fliegende Teppiche in den Westen

Erst im Alter gelang die Grenzüberschreitung: Seine Bücher, die man endlich auch auf Französisch und Deutsch lesen konnte, bezeichnete er als "fliegende Teppiche" in den Westen – was für ein schönes Bild für Texte, die ja wörtlich nichts anderes als etwas Gewebtes bedeuten und erst recht in ihrer Wirklichkeit bedeutend werden, wenn sie solcherart fliegen können. 1996 hat Tišma dann den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung und den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur erhalten.

Am Ende der Autobiografie aber kündigt sich die Auflösung der vertrauten Welt an. Nicht mehr Erzählen, Reflektieren ist angesagt. Statt Bücher zu schreiben, kümmert sich Tišma fürsorglich um die kranke Mutter – und ist doch in der Stunde ihres Todes nicht bei ihr. "Jugoslawien ging unter (…), während ich mit einem Löffel Suppe in den welken, zahnlosen Mund meiner Mama schob, um sie am Leben zu erhalten."

Zerfall des Landes

Das eine wie das andere ist vergeblich, am Ende muss Tišma erleben, wie ausgerechnet der Westen, an den er so sehr geglaubt hatte, nun den "Zerfall des Landes" betrieb. "Die ganze bunte Vielfalt" dieses Staates, aus der er sein Leben schöpfte und die seine Bücher füllte, wurde endgültig ihrer Grundlage beraubt. Eine kritiklose Jugoslawien-Nostalgie muss man dennoch nicht herauslesen, und man muss bedenken, dass die furchtbarsten Verbrechen im Jugoslawischen Bürgerkrieg erst danach stattfanden.

Was diese Autobiografie so gültig, aber auch spannend macht, ist die konsequente Verschränkung von privater und politischer Geschichte, sie bestimmt schließlich das ganze Leben und hat ein einzigartiges Werk geformt, das von der Scham des Verbrechens und vom Zweifel am Menschsein handelt.

Es ist, wie es Ilma Rakusa in ihrem Nachwort formuliert, die "gnadenlose, präzise Bestandsaufnahme menschlicher Existenz ohne metaphysischen Trost". Den kann es in einer so wahrhaftigen Literatur auch gar nicht geben.

An dieser Stelle: Wer Tišmas Romane Das Buch Blam und Der Gebrauch des Menschen noch nicht gelesen hat, dem sei die Lektüre dringend anempfohlen! (Gerhard Zeillinger, 16.5.2021)