Die britische Regierung von Premier Boris Johnson will mit einer verstärkten Impfkampagne auf die Ausbreitung reagieren.

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In Großbritannien steigt die Nervosität, dass die sogenannte indische Mutation eine höhere Infektiosität aufweisen könnte als die bisher dominante Mutante aus Kent. Darauf deuten jedenfalls aktuelle Studien zu der Variation hin.

Tom Wenseleers von der Universität in Löwen, Belgien, der schon bei der Erforschung der britischen Variante B.1.1.7 eng mit Wissenschaftern des Vereinigten Königreichs zusammenarbeitete, erklärte am Freitag, die in Indien erstmals festgestellte Virusvariation B.1.617.2 könnte eine um rund 60 Prozent höhere Übertragbarkeit haben als die bisher dominante. Es sei wahrscheinlich, dass die indische Variante einen Wachstumsvorteil habe. Worin dieser Vorteil bestehe, sei noch unklar – die Mutation könnte ansteckender sein, eine längere Infektionsperiode haben oder sich der Immunabwehr entziehen können. Für eine Beurteilung seien detailliertere Modelle und bessere Daten nötig, sagte Wenseleers.

London reagiert

Nachdem die Zahlen der Infektionen mit der indischen Variante zuletzt angestiegen sind, will die britische Regierung die weitere Ausbreitung mit einer breiten Impfkampagne in den betroffenen Regionen eindämmen. Auch Massentests und gezielte Kontaktnachverfolgung von Infizierten in Nordwestengland und in London sollen helfen, den Ausbruch zu begrenzen. Mit der Erhöhung der Zahl sequenzierter Proben soll außerdem das nötige Datenmaterial erhoben werden, um die Ausbreitung der Mutante besser zu erfassen.

Bereits Ende Mai oder Anfang Juni könnte die Mutation in London zur dominierenden Virusvariante werden, sagte die Epidemiologin Deepti Gurdasani von der Queen Mary University of London. In Großbritannien haben bereits mehr als 70 Prozent zumindest eine Impfung erhalten, 36 Prozent sind schon voll immunisiert. Während die Impfung mittlerweile für alle Einwohner ab 38 Jahren verteilt wird, sollen in den Verbreitungsgebieten der indischen Mutation nun auch jüngere Personen aus Mehrgenerationenhaushalten geimpft werden, sagte der für die Impfkampagne zuständige Minister Nadhim Zahawi.

Von Indien ausgehend hat sich die Mutation mittlerweile in mehrere Dutzend Staaten rund um den Globus verteilt. Auch in Japan dürfte die Variante die zuvor kursierende britische bald verdrängt haben, warnte Shigeru Omi, der Covid-Berater der Regierung in Tokio am Freitag.

Mehr als 4000 Todesfälle

In Indien selbst wurden am Freitag am dritten Tag in Folge mehr als 4000 Todesfälle in Verbindung mit dem Coronavirus verbucht. Die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen sank im Vergleich zum Spitzenwert in der Vorwoche um rund 70.000, was Hoffnung macht, dass der Höhepunkt der Welle in dem von der Pandemie heftig getroffenen Land überschritten sein könnte. Unterdessen steht Regierungschef Narendra Modi wegen der Bauarbeiten an einem neuen Parlamentsgebäude im Kreuzfeuer der Kritik.

Zwölf Oppositionsparteien forderten in einem offenen Brief, das Projekt auf Eis zu legen und die Gelder für den Ankauf von Impfstoff sowie von Sauerstoff für die Beatmung der Covid-Erkrankten zu verwenden. Modis Prestigeprojekt kostet rund 2,3 Milliarden Euro und soll zur 75-Jahr-Feier der Unabhängigkeit 2022 fertig sein. Die Arbeiten gehen trotz eines Lockdowns weiter, während die meisten anderen Bauprojekte gestoppt sind. (Michael Vosatka, 15.5.2021)