Kinder in Gaza bringen nach israelischen Angriffen ein paar Habseligkeiten in Sicherheit.

Foto: Reuters/MOHAMMED SALEM

Der bisher schwerste Angriff der israelischen Armee dauerte vierzig Minuten. Luftwaffe, Panzereinheiten und Artillerie griffen in der Nacht auf Freitag gleichzeitig im Norden des Gazastreifens an. Sie zerstörten "mehr als 150 Untergrundziele", sagte später ein Armeesprecher. Die Offensive diente der Vernichtung des Tunnelsystems "Metro". Laut israelischen Angaben diene es Hamas-Kämpfern als Zufluchtsort, "um sich darin zu verstecken und zu bewegen". Es reiche aber nicht auf israelisches Gebiet, sondern befinde sich zur Gänze in Gaza.

Im Vorfeld der Angriffe auf mehrstöckige Wohnhäuser in Gaza-Stadt hatte die Armee zuletzt zum Teil mit Telefonanrufen und sogenanntem Dachklopfen Zivilisten aufgefordert, die Angriffsziele zu verlassen, um die Opferzahl zu minimieren. Diesmal sei das "nicht machbar" gewesen, sagte der Armeesprecher.

Laut palästinensischen Angaben lag die Opferzahl bis Freitag bei 122 Menschen. Israel verzeichnete sieben Todesopfer. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef sprach von 27 getöteten Kindern in Gaza und zwei toten Kindern in Israel seit Beginn der Kampfhandlungen.

Beobachter in Den Haag

Jeder einzelne Tag dieser Auseinandersetzung wird im niederländischen Den Haag derzeit genau beobachtet. "Wir schauen uns das mit großer Ernsthaftigkeit an", sagte Fatou Bensouda, Chefanklägerin am Internationalen Strafgerichtshof. Dessen Ankläger ermitteln gegen beide Seiten, es geht um Raketenangriffe seitens der Hamas, aber auch um die Frage, ob Israel unverhältnismäßig großen Schaden bei der Zivilbevölkerung verursachte. Auch die Frage, ob Gaza sogenannte menschliche Schutzschilde einsetzte, spielt dabei eine Rolle.

Das UN-Palästinenserhilfswerk UNRWA spricht von einem "immensen Schaden" an vier seiner Gebäude, darunter das Hauptquartier in Gaza. Es sei unklar, ob es direkte Angriffe waren oder ob es sich dabei um Kollateralschäden handelt. Das Hilfswerk präzisierte auch nicht, um welche Angriffe es sich handelte: Immer wieder schlagen die Raketen der Hamas auch noch in Gaza ein – es ist also nicht gesichert, dass die UNRWA-Schäden allein auf das Konto Israels gehen.

Am Donnerstag hatten Berichte über einen israelischen Befehl zur Bodenoffensive für Aufsehen gesorgt. Später sprach die Armee von "Fehlkommunikation": Es gebe keine Bodenoffensive. Man sei zwar jederzeit dazu bereit, habe aber kein solches Kommando erhalten. Die Artillerieangriffe in der Nacht auf Freitag seien zur Gänze von israelischem Territorium aus vorgenommen worden.

Keine Waffenpause in Sicht

Die von Ägypten vermittelten Gespräche über eine Waffenpause brachten indes kein Ergebnis. Israel meldete gleichzeitig Fortschritte beim Versuch, die Kampfkraft in Gaza zu schwächen: Man habe die Raketenreserven der Hamas und des Islamischen Jihad "signifikant reduziert". Gerüchte, wonach man einer vollständigen Vernichtung des Arsenals nahe sei, wies der Sprecher zurück. Israelische Medien berichteten, die Hamas sei auf eine Kampfdauer von rund zwei Monaten eingestellt.

Israels Süden sah sich am Freitag erneut einer Serie von Raketenangriffen aus Gaza ausgesetzt, wobei die Intensität geringer war. Zudem wurde eine weitere Kamikaze-Drohne vom Abwehrschild Iron Dome abgefangen. Zu einer etwaigen Bewaffnung der Drohnen will sich das israelische Militär nicht äußern.

An der zweiten Front, den Straßenkämpfen wütender arabischer und jüdisch-rechtsextremer Mobs mit Schändungen von Synagogen und Moscheen, antisemitischen Attacken und rassistischen Übergriffen, setzt Israel nun auf den Inlandsgeheimdienst. Er soll verstärkt soziale Medien überwachen und Verdächtige schon im Vorfeld festnehmen. Welche Kriterien angewendet werden, war nicht zu erfahren.

Libanon und Jordanien

Auch eine weitere Front tat sich auf: Die Armee meldete am Freitag einen Terrorangriff nahe Ramallah. Ein Palästinenser soll versucht haben, einen israelischen Soldaten zu erstechen, er wurde durch einen Schuss getötet. Freitagnachmittag marschierten Demonstranten auch an den Grenzen Israels mit Jordanien und dem Libanon auf, wobei die Lage an der libanesischen Grenze kurz zu eskalieren drohte: Dutzende Menschen durchbrachen den Grenzzaun und drangen auf israelisches Territorium vor, sie trugen Flaggen Palästinas und der Hisbollah bei sich. Wenig später wurden sie zurückgedrängt. Am Vorabend waren von libanesischem Gebiet drei Raketen Richtung Israel abgefeuert worden, sie landeten im Mittelmeer. Ein israelischer Armeesprecher sagte, man nehme diesen Zwischenfall "sehr ernst".

Während die Kampfhandlungen weitergingen, gab es in der innenpolitischen Arena Israels einen neuen Verlierer: Oppositionsführer Yair Lapid kam ein wichtiger Partner abhanden. Die Rechtspartei unter Naftali Bennett erklärte, sie stehe angesichts der Eskalation für keine weiteren Gespräche zur Verfügung und wende sich nun wieder Premier Benjamin Netanjahu zu. Lapid hatte von Präsident Reuven Rivlin den Auftrag zur Regierungsbildung erhalten und war Gerüchten zufolge kurz vor einer Einigung gestanden – doch dann begannen die Kämpfe. Nun erscheinen fünfte Neuwahlen wahrscheinlich – und Netanjahu bleibt bis auf Weiteres an der Macht. (Maria Sterkl aus Jerusalem, 14.5.2021)