Schleierhafte Silikonfäden im Theseustempel, der so eine Parallelwelt auftut und zur Kontemplation einlädt.

Foto: Susanna Fritscher

Am liebsten würde man die Silikonfäden, die sich gerade im Theseustempel im Wiener Volksgarten vom Boden bis zur Decke strecken, spielen wie eine Harfe. Tatsächlich nimmt Klang in Susanna Fritschers Werk immer wieder eine wichtige Rolle ein. Aber hier nicht. Hier ist es ganz still, aber das merkt man erst spät. Zuerst ist man viel zu konzentriert, eben nicht an den filigranen Fäden anzukommen und sich mit kleinen Trippelschritten auf dem Weg, den sie vorgeben, fortzubewegen.

Erzwungene Langsamkeit

Der Blick ist also erst einmal auf die eigenen Füße gerichtet, nach und nach traut man sich, aufzuschauen und die raumgreifende Installation in die Höhe zu verfolgen. Das führt bei manchen Besucherinnen und Besuchern zu Schwindel, erzählt die Künstlerin. Andere betrachten die Installation lieber nur durch die offenen Türen des Tempels – sei es aus Angst, etwas kaputtzumachen, sei es aus Klaustrophobie.

Traut man sich aber in das Gebäude hinein, ist man plötzlich ein anderer Mensch. Fritschers Fäden zwingen zu Langsamkeit und Achtsamkeit, man spürt den eigenen Körper und Geist richtiggehend ein paar Gänge herunterschalten. Die Außenwelt ist vergessen, es gibt nur noch einen selbst in diesem altbekannten und nun völlig neu definierten Raum.

Erlebenswertes Homecoming

Susanna Fritscher ist mit dieser aufregend unaufgeregten Arbeit, die die Betrachtenden zum Teil des Kunstwerks macht, ein erlebenswertes Homecoming gelungen. Es ist die erste institutionelle Präsentation der 1960 geborenen Wienerin, die seit 1983 in einem Vorort von Paris lebt und mittlerweile ihr Deutsch mit einem süßen französischen Akzent spricht.

Betrachtet man die dem Theseustempel vorausgegangenen Arbeiten Fritschers im Centre Pompidou-Metz oder im Louvre Abu Dhabi, in denen die Silikonfäden bereits die Hauptrolle spielten, wird man in ihr eine Expertin für edle Einfalt und stille Größe erkennen müssen.

Die Parallelwelten

Fritscher hat keine Angst vor dem großen Maßstab, vor dem leeren Raum. Gleichzeitig geht es ihr aber nicht darum, ihn aus- oder anzufüllen – stattdessen schafft sie durch das Teilen des Raumes mit den schleierhaften Fäden Parallelwelten, die zur Kontemplation einladen.

Sie kommt damit zu Ergebnissen, die vergessen machen, wie detailgenau durchgeplant, wie technisch aufwendig die vermittelte Volatilität eigentlich ist. Vermutlich ist es aber genau diese Strenge in der Planung, die Fritschers Arbeiten nie kitschig wirken lässt. Der Künstlerin ist auch wichtig, dass ihre Werke keine Geschichten erzählen wollen. Sie sollen einfach da sein – mit einem leisen Bumm. (Amira Ben Saoud,15.5.2021)