Foto: Reuters/MISS UNIVERSE

Die Kandidatin von Myanmar nutzte am Wochenende das Finale des Miss-Universe-Schönheitswettbewerbs in den USA, um auf die Gewalt des Militärs in ihrem Land aufmerksam zu machen. "Unsere Leute sterben und werden vom Militär jeden Tag erschossen", sagte Thuzar Wint Lwin in einer Videobotschaft, die beim Finale in Hollywood, Florida, gezeigt wurde.

Bereits wenige Tage zuvor hatte sie bei einem Teilbewerb der Veranstaltung ein Schild hochgehalten, auf dem "Betet für Myanmar" stand, während sie in traditioneller Chin-Kleidung über die Bühne defilierte. Die Chin sind eine der vielen ethnischen Minderheiten Myanmars. Auch im Vorfeld des Wettbewerbs hat Lwin Videos gepostet, die auf die Gewalt in ihrem Land aufmerksam machen.

Die Anglistik-Absolventin der East Yangon University wurde im vergangenen Dezember in Yangon zur Miss Myanmar gewählt. Das war wenige Wochen bevor sich das Militär an die Macht putschte. Seitdem wird im ganzen Land beinahe täglich demonstriert. Innerhalb kürzester Zeit hat sich eine Bewegung des zivilen Ungehorsams und von Streiks gebildet, die Teile des Landes zum Erliegen gebracht hat. Thuzar Wint Lwin hat sich von Anfang an der Bewegung angeschlossen und auf der Straße und in den sozialen Netzwerken gegen die Junta protestiert.

Junge Generation demokratisch sozialisiert

Sie gehört mit ihren 22 Jahren zu jener Generation, die das Land nur in der Phase der Öffnung gekannt hat, ohne die brutale Isolation der vorangegangenen Jahrzehnte. Nach langer Militärherrschaft hatte die Tatmadaw, die Armee von Myanmar, ab 2011 eigentlich den Weg für eine Demokratisierung im Land freigemacht. Erst seither schickt das Land überhaupt Kandidatinnen zu internationalen Bewerben wie dem Miss-Universe-Wettbewerb. 2015 gelang Demokratie-Ikone Aung San Suu Kyi mit ihrer Partei NLD ein Erdrutschsieg. Die NLD stellte die Regierung – wenngleich sich das Militär per Verfassung weiter 25 Prozent der Parlamentssitze sicherte.

Auch am Montag haben wieder dutzende Menschen in der Stadt Mandalay protestiert – so wie fast jeden Tag.
Foto: EPA

Der Putsch am 1. Februar hat die Entwicklungen der vorherigen Jahre zunichtegemacht. Suu Kyi und viele ihrer Mitstreiter und Mitstreiterinnen stehen seitdem unter Hausarrest. Sicherheitskräfte haben bisher beinahe 800 Menschen getötet, mehr als 5.000 Protestierende wurden verhaftet. Das gab die NGO Assistance Association for Political Prisoners am Montag an.

Promis und Politiker gegen die Junta

Unter den Verhafteten befinden sich auch Prominente, die sich so wie Lwin öffentlich gegen die Junta gestellt haben. Auch auf internationaler Bühne haben Vertreter Myanmars Farbe bekannt. Zum Beispiel hat der Schwimmer U Win Htet Oo angekündigt, nicht bei den Olympischen Spielen anzutreten, solange General Min Aung Hlaing die Macht in Händen hält.

Auf dem politischen Parkett hat sich zum Beispiel Myanmars Vertreter bei der Uno, Kyaw Moe Tun, auf die Seite der aus dem Untergrund organisierten Schattenregierung gestellt. Letztere hat mittlerweile mit einigen der ethnischen Minderheiten im Land eine Nationale Einheitsregierung gegründet.

Wahlbeobachter: "Kein Wahlbetrug"

Die Armee hat ihren Putsch gegen die gewählten Volksvertreter ursprünglich damit begründet, dass die Wahlen im November 2020 unrechtmäßig abgelaufen seien. Die NLD habe ihre – haushohe – Stimmenmehrheit bloß durch Betrug erreicht.

Erst am Montag hat eine Gruppe internationaler Wahlbeobachter in ihrem Abschlussbericht erklärt, dass die Wahlen im November "im Großen und Ganze den Willen des Volkes repräsentiert haben". Die Wahlen seien zwar unter anderem wegen Corona nicht so frei und fair gewesen wie der Urnengang 2015, doch Wahlbetrug liege nicht vor. Die Machtergreifung durch das Militär sei nicht zu rechtfertigen, heißt es in dem Schlussbericht vom Asian Network for Free Elections (Anfrel).

Tödliche Kämpfe zwischen Armee und Opposition

Vertreter der Nationalen Einheitsregierung rufen seit Wochen zum bewaffneten Widerstand auf. Eine Einheitsarmee soll in Zusammenarbeit mit vielen der kleineren ethnischen Armeen die Tatmadaw aus ihren Machtpositionen vertreiben.

Im Gebiet der Karen, im Südosten des Landes, trainieren Oppositionelle im Mai für den Kampf gegen die Junta.
Foto: AFP

Aktuell kommt es an verschiedenen Hotspots im Land zu heftigen Kämpfen. Besonders im Chin-Staat, im Nordwesten des Landes, war es in den vergangenen Tagen zu Gefechten gekommen. Dabei wurden mindestens sechs Rebellen der lokalen "Verteidigungskräfte von Chinland" (CDF) getötet.

Es ist diese Region in Myanmar, aus der Thuzar Wint Lwin ursprünglich kommt. Für das Finale von Miss Universe hat sich die Burmesin zwar nicht qualifiziert. Ihre Chin-Tracht gewann aber in der Kategorie "beste Nationaltracht". Zurück nach Myanmar wird sie nicht gehen, gab sie gegenüber der "New York Times" an. Es sei nun zu gefährlich für sie dort. (Anna Sawerthal, 17.5.2021)