Immer mehr und immer besser informierte Menschen wollen sich beruflich wie privat in gesundheitsfördernden Lebenswelten bewegen und fordern dies als Normalzustand ein", beschreibt das Zukunftsinstitut den Megatrend Gesundheit. Die Gestaltung der Umwelt im Sinne der Gesundheit ist vor allem auch durch die Corona-Pandemie zu einer zentralen Zukunftsaufgabe der Gesellschaft geworden.

Wir haben gelernt, uns mit wissenschaftlicher Auseinandersetzung zu beschäftigen, wenn es um Gesundheit geht – Medizin, Virologie, Epidemiologie, mentale Gesundheit: Sie sind Teil unseres Alltags geworden. Es tut sich ein riesiges Feld an neuen Berufschancen auf, das Investorengeld sitzt für Start-ups im Bereich Gesundheit locker, und die sogenannte Preventive Health, also die Prävention von Krankheiten, ist zu einem Lebensstil (vielleicht sogar zu einer Art Ideologie oder Ersatzreligion) geworden. Der Bogen reicht von der Nahrungsergänzung über Klangschalen bis zu Apps, die wiederum ein stetig wachsendes, riesiges Spektrum abdecken.

Gesundheit ist ein Megatrend laut dem Zukunftsinstitut. Es gibt auch viele Jobs zu besetzen – manche ihrer Namen kennen wir noch gar nicht.
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Selbst wenn Österreich keinen Mangel an Ärzten und Pflegefachkräften hätte, scheint es fast so, als wären der Fantasie über neue Berufsbilder, deren Namen wir noch gar nicht kennen und die irgendwo zwischen unersetzlichen menschlichen Qualitäten und fortschreitender künstlicher Intelligenz liegen, kaum Grenzen gesetzt.

Mangel in den Hauptdisziplinen

Aber aus der Zukunft zurück in die kommenden Jahre in Österreichs Gesundheitswesen, in das jährlich mit 41 Mrd. Euro rund zehn Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung (BIP) fließen. Gibt es einen Mangel an Ärztinnen und Ärzten? Die Antwort ist eindeutig und lautet Ja. Rund 1600 Absolventinnen und Absolventen verlassen jährlich die medizinischen Hochschulen in Österreich und haben damit die Möglichkeit, spezialisierte Ausbildungen (etwa Facharztausbildungen) anzuschließen. 40 Prozent der Uni-Abgänger bleiben allerdings erst gar nicht im Land. Frauen gehen auch im Gesundheits- und Forschungsbereich im Karriereverlauf oft "verloren", weil Vereinbarkeitsfragen mit der Familie nicht gut lösbar sind.

Auf der anderen Seite klappt es mit dem Nachwuchs offenbar sehr schlecht: Rein rechnerisch sind bis 2030 rund 200 Hausarztstellen (ländliche Regionen leiden schon länger an besonders großem Mangel) nachzubesetzen, weil diese Ärztinnen und Ärzte in Pension gehen. Tatsächlich, sagt Martin Sprenger von der Med-Uni in Graz, sei aber sogar von 400 benötigten Hausärzten auszugehen. Warum? "Die jungen Leute haben andere Ansprüche an ihre Work-Life-Balance", spricht er Job-Sharing an. Noch größer ist allein mit bis zu 1000 Stellen der gesamte Nachbesetzungsbedarf an niedergelassenen Ärzten. Der Grund laut Ärztekammer: Niedergelassene Ärzte sind durchschnittlich knapp unter 60 Jahre. 7000 Ärztinnen und Ärzte mit Kassenverträgen sind nahe ihrem Pensionsalter, und von 10.000 Wahlärzten erreichen 40 Prozent in einigen Jahren ihr Pensionsalter. Ein großflächiger Generationenwechsel steht also an.

Nur wenige junge Absolventinnen und Absolventen wollen Hausärztin oder -arzt werden, schon gar nicht am Land – eine Fachausbildung als Kinderarzt ist da schon interessanter.
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Alter, nämlich das steigende Durchschnittsalter der Gesellschaft, ist auch das große Thema im Pflegebereich. Tausende Fachkräfte fehlen in den kommenden Jahren. Bei aller Kritik an den bis jetzt eher zögerlichen Systemreformen im Pflegebereich, sagt Johannes Steyrer, Gesundheitsexperte der Wirtschaftsuni Wien und Leiter des MBA Public Health: "Neben der Digitalisierung wird das 21. Jahrhundert vom Megamarkt Gesundheit geprägt sein. Seit 2000 sind in den USA zwei Drittel der neuen Arbeitsplätze im Gesundheitssektor entstanden, und bis 2025, so die Prognose, wird dieser Sektor überhaupt der größte Arbeitgeber sein. Alle Gesundheitsberufe haben also großes Potenzial. Die größte Zukunft hat die Pflege. In Großbritannien, Schweden oder Kanada setzt sie jetzt Hochschulabschluss voraus. Die Pflege nur noch mit Bachelorabschluss wird auch bei uns kommen. Ihr wird mehr Verantwortung übertragen, und sie wird viele Routinetätigkeiten der Medizin übernehmen. Die dafür notwendigen gesundheits-, sozial-, bildungs- und arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen werden auch bei uns, wie in anderen führenden Ländern, umgesetzt werden."

Ganzheitliche Sichtweise

Zum Chancenportfolio kommt außerdem, dass Gesundheit zunehmend ganzheitlicher gesehen wird, die psychische der physischen gleichwertig geworden ist. Und dass vor allem die Dimension des Sozialen nicht mehr zu ignorieren ist. Das bedeutet auch die Erkenntnis, dass 60 bis 80 Prozent der Faktoren, die zu Gesundheit führen, nichtmedizinischer Natur sind – was das betriebliche Gesundheitsmanagement ins Zentrum des Arbeitslebens gerückt hat. Und damit auch die Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin.

Unternehmen haben keine andere Chance mehr, als sich, über die Gesetze zum Arbeitnehmerinnenschutz hinaus, um das Wohlergehen ihrer Mitarbeitenden zu kümmern und tatsächlich so gut es geht für gesunde Arbeit zu sorgen – sonst fehlt ihnen jedwede Attraktivität am Arbeitsmarkt. Der Anspruch, Gesundheit als Lebensnormalität begreifen zu können, ist gerade im Begriff, die Arbeitswelt massiv zu verändern. Bekannte Benefits wie Dienstautos oder Restaurantgutscheine weichen zunehmend Gesundheitsleistungen bis hin zu therapeutischen Angeboten. Neue Chefpositionen, vom Chief Happiness Officer bis zum Feelgood-Manager, sind im Kommen. Gesunde Arbeitszeit bis hin zur Vier-Tage-Woche für alle ist von einer randständigen Forderung zur Realität in vielen Unternehmen geworden.

Für jede und jeden etwas

Die gute Nachricht ist, dass die Möglichkeiten, sich eine berufliche Zukunft im Gesundheitsbereich aufzubauen, so vielfältig sind, dass es gar kein Set an unabdinglich benötigten Fähigkeiten (wie sonst so oft üblich) gibt.

"Ein Pathologe, der hauptsächlich vor dem Mikroskop sitzt, muss andere Voraussetzungen mitbringen als ein Orthopäde, Neurochirurg oder Psychiater. Ein Herzchirurg muss nicht empathisch sein. Da ist die Feinmotorik wichtiger. Beim Psychiater ist wiederum die Empathie essenziell", sagt Johannes Steyrer, Gesundheitsexperte der Uni Wien
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Johannes Steyrer: "Ein Pathologe, der hauptsächlich vor dem Mikroskop sitzt, muss andere Voraussetzungen mitbringen als ein Orthopäde, Neurochirurg oder Psychiater. Ein Herzchirurg muss nicht empathisch sein. Da ist die Feinmotorik wichtiger. Beim Psychiater ist wiederum die Empathie essenziell. Was aber alle Gesundheitsberufe als Voraussetzung haben, das ist die Liebe zum Menschen, die Bereitschaft, viel von sich herzugeben, um Leid anderer zu lindern."

Apropos Diversität: Die Aufnahmetests an den medizinischen Hochschulen des Landes sorgen immer wieder für viel Kritik und viel Frustration. Gibt es Änderungsbedarf? Steyrer meint, definitiv. "Ich fürchte, dass die einen Monotypus in Richtung kognitiver Hochleister selektiert, der zwar in einer naturwissenschaftlichen Disziplin notwendig ist, aber nicht die vielschichtigen Anforderungen des Berufs abdeckt. Man braucht keinen Intelligenzquotienten von 130, um auf dem Land als praktischer Arzt erfolgreich zu sein. Ich plädiere daher für ein Aufnahmeverfahren, wo ein Drittel Bewerber durch den Test, ein Drittel durch freiwillige Sozialarbeit vor dem Studium und ein Drittel zufällig ausgewählt zugelassen werden. Das würde mehr Diversität garantieren." (Karin Bauer, 3.6.2021)