Schon 2050 wird jeder zehnte Mensch in Österreich älter als 80 Jahre sein. Damit fehlen, so nicht rechtzeitig gehandelt werde, laut Prognose bereits 2030 mehr als 75.000 Pflegekräfte in Österreich. Laut einer Umfrage des Strategieberatungsunternehmens EY-Parthenon sieht jede zweite Führungskraft in Verwaltung, Gesundheit und Sozialwirtschaft schon jetzt einen Mangel an diplomierten Krankenpflegekräften. "Gerade im Gesundheits- und Pflegewesen blinken seit längerem alle Alarmsignale rot – der Sektor ist stark überlastet, viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gelangen an ihre Kapazitätsgrenzen. Das wirft Fragen hinsichtlich der Belastungsgrenzen des Pflege-, Gesundheits- und Verwaltungssystems auf", sagt dazu Martin Bodenstorfer, Geschäftsführer von EY-Parthenon.

Die gesellschaftlichen Erwartungen und Ansprüche an den Pflegebereich sind hoch und vielfältig. Sie reichen von der bestmöglichen Versorgung im Krankheitsfall – ob zu Hause oder stationär – bis hin zur richtigen Unterstützung im Alter. Die Lebensrealitäten zeigen die Richtung. Damit ältere Menschen so lange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung leben können, braucht es passende und finanzierbare Unterstützung auch für pflegende Angehörige. Dazu kommen neue technologische Entwicklungen, die für den Pflegebereich neue Aufgaben bringen und die Herausforderungen steigern.

Der Bedarf an qualifiziertem Personal wird in allen Pflegebereichen steigen – egal ob mobile Fachkräfte wie Heimhilfen, Pflegehilfen, Sozialbetreuer, Besuchsdienste, Hauskrankenpfleger oder Pflegepersonal in Krankenhäusern oder Altenheimen. Die von der Regierung vereinbarte Pflegereform nimmt erste Formen an. Der Forderungskatalog ist jedenfalls lang, und Verbesserungsvorschläge gibt es viele.

Neue Ausbildungspfade

Um den akuten Personalbedarf zu decken, wurden bereits erste Schritte gesetzt. Mit neuen Bildungsangeboten sollen mehr junge Menschen, aber auch verstärkt berufliche Quereinsteiger angesprochen werden. So gibt es seit diesem Schuljahr einen Schulversuch zur Pflegeausbildung an berufsbildenden höheren Schulen (BHS). An insgesamt neun BHS würde es Platz für 300 Schülerinnen und Schüler in einer drei- und fünfjährigen Ausbildung geben. Tatsächlich begonnen haben 213 Schüler, knapp die Hälfte davon mit der fünfjährigen Ausbildung.

Der Pflegeberuf ist eine fordernde Aufgabe und verlangt viel Einfühlungsvermögen. Besonders Männer sollen auch dazu animiert werden, in den Pflegeberuf zu gehen.
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Von der Arbeiterkammer und dem Hilfswerk Österreich, einem der größten Anbieter gesundheitlicher, sozialer und familiärer Dienste, wird dieser Schulversuch begrüßt. Größere Vorbehalte gibt es aber hinsichtlich des Vorschlags, den Pflegeberuf auch zum Lehrberuf nach Schweizer Vorbild zu machen. Seit 2004 kann in der Schweiz eine Pflegelehre absolviert werden. Die Ausbildung zur Fachfrau bzw. zum Fachmann Gesundheit belegt dort mittlerweile den zweiten Platz beim Ranking der beliebtesten Lehrberufe. Nach der zweijährigen dualen Grundausbildung ist man Assistent Gesundheit und Soziales, nach vierjähriger Ausbildung Fachmann bzw. Fachfrau Gesundheit. Zu jung würden die Auszubildenden sein, zu komplex und herausfordernd die Aufgaben, sind die am häufigsten genannten Kritikpunkte, die gegen einen Pflegelehrberuf vorgebracht werden.

Um mögliche Quereinsteiger zu finden, läuft beispielsweise seit April beim Arbeitsmarktservice (AMS) Wien ein Pflege-Screening für Arbeitssuchende. Insgesamt 500 in Wien als arbeitslos vorgemerkte Personen können bei einem fünfwöchigen Screening herausfinden, ob ein solcher Job für sie überhaupt passen würde. Dazu machen die Teilnehmer eine Online-Selbsteinschätzung, können das Berufsbild kennenlernen und auch am Pflegesimulator üben.

Doch warum soll sich jemand überhaupt für diesen Beruf entscheiden? Die Berichte über Intensivpflegekräfte auf Corona-Stationen, die am Limit sind, die lauten Forderungen des gesamten Pflegebereichs nach besseren Arbeitsbedingungen und mehr Wertschätzung, all das spricht nicht gerade für den Sektor. Pflegekräfte nennen jedoch meist die Freude, anderen helfen zu können, als wichtigste Motivation für den Beruf.

Bessere Bedingungen

Die Berufschancen sind gut und werden es auch in Zukunft bleiben. Fest steht aber: Damit sich tatsächlich mehr Menschen für eine Ausbildung im Pflegebereich entscheiden, reichen zusätzliche Ausbildungsplätze alleine nicht aus. Das Berufsfeld müsse generell attraktiver gemacht werden. Eine angemessene Bezahlung sei dabei nur ein Puzzleteil. Aktuell wird sie für die durch die Corona-Pandemie besonders geforderten Intensivpflegekräfte gefordert, aber im gesamten Pflegebereich sind die Gehälter, gemessen am gesellschaftlichen Nutzen ihrer Arbeit niedrig bewertet.

Derzeit liegt das Einstiegsgehalt für Pflegeassistenten laut Kollektivvertrag bei 1450 bis 2190 Euro brutto pro Monat. Pflegefachassistenten steigen mit 1500 bis 2190 Euro brutto pro Monat ein. Einsteiger im gehobenen Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege können mit 1570 bis 2260 Euro rechnen. In den angegebenen Einkommenswerten sind Zulagen aufgrund der unregelmäßigen Dienstzeiten, Erschwernis- und Gefahrenzulagen oder für die Arbeit auf Intensivstationen jedoch nicht enthalten – diese können das Bruttogehalt um mehr als zehn Prozent erhöhen.

Der Pflegeberuf ist eine fordernde Aufgabe und verlangt viel Einfühlungsvermögen. Wertschätzung zeigt sich nicht nur im Gehalt. Auch bei den beruflichen Entwicklungschancen und der Durchlässigkeit der Ausbildungen gibt es Verbesserungspotenzial. Qualifizierte Pflegekräfte sollen langfristig Freude am Beruf haben, dafür sind bessere Arbeitsbedingungen ein wesentlicher Hebel. (Gudrun Ostermann, 11.6.2021)