Vor ein paar Jahren erlitt der Amerikaner Craig Settles an einem Samstagabend um 22.20 Uhr einen Herzinfarkt. Für Menschen, die auf dem Land mit schlechter ärztlicher Versorgung leben, ist das häufig ein Todesurteil. Bei einem Herzinfarkt kommt es auf jede Minute an. Doch nicht jede Klinik ist am Wochenende besetzt.

Settles Glück: Er wohnte in unmittelbarer Umgebung zum Alameda Hospital in Kalifornien. Zehn Minuten später, um 22.30 Uhr, traf er im Krankenhaus ein. Während der Fahrt mit dem Krankenwagen wurden die Sanitäter von einem Neurologen instruiert, der über ein drahtloses Netzwerk mit dem Wagen verbunden war. So konnten die Rettungshelfer mit einem tragbaren CT erste Untersuchungen einleiten – und wertvolle Zeit gewinnen. Um 22.55 Uhr begann die Behandlung. "Telemedizin hat mein Leben gerettet", resümiert Settles in einem Artikel für Fast Company.

Gerade im ländlichen Raum kann durch eine telemedizinische Anbindung der Kliniken die Erstversorgung sichergestellt werden.
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Das ist kein Einzelfall. Laut einer Studie der Harvard Medical School reduziert sich durch Schlaganfallnetzwerke das Sterberisiko sowie das Risiko von Langzeitschäden. Gerade im ländlichen Raum kann durch eine telemedizinische Anbindung der Kliniken die Erstversorgung sichergestellt werden. Voraussetzung: ein funktionierendes Breitband-Internet.

Digitalisierungsschub durch Corona

Unter dem Rubrum "Telemedizin" werden eine Vielzahl von Anwendungen zusammengefasst – von Videosprechstunden über Telemonitoring bis hin zu Gesundheits-Apps und Wearables. Während Telemedizin in Ländern wie den USA, Kanada oder Schweiz schon seit einigen Jahren zur Regelversorgung gehört, ist die Digitalisierung der Gesundheit in Deutschland und Österreich bislang eher schleppend verlaufen. Der Grundsatz lautete: Offline first. Doch durch die Corona-Krise hat die Telemedizin einen gewaltigen Schub bekommen.

In Deutschland etwa konsultierten Patienten laut einer Analyse der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) allein im zweiten Quartal 2020 1,2 Millionen Mal einen Arzt oder Psychotherapeuten per Video. Zum Vergleich: 2019 gab es in ganz Deutschland lediglich 3000 Videosprechstunden. Wurde die räumliche Distanz zum Arzt zuvor als Nachteil gesehen, wurde sie in einer pandemischen Lage zum Vorteil: Der Patient muss sich nicht mehr in einem vollen Wartezimmer einem Ansteckungsrisiko aussetzen, sondern kann seine Symptome bequem von zu Hause aus von einem Arzt checken lassen.

Auf Distanz – nicht nur in Pandemiezeiten

"Telemedizin ermöglicht Diagnostik und Therapie aus der Entfernung und verhindert damit Infektionsrisiken", sagt Wolfgang Dorda, Universitätsprofessor für "Angewandte Medizinische Informatik" i. R. an der Medizinischen Universität Wien. Die Reduzierung von Infektionsrisiken sei aber nicht nur in Pandemiezeiten relevant: "Ansteckungen in Ordinationen und Krankenhäusern – Stichwort Krankenhauskeime – sind generell ein Problem", betont Dorda. Darüber hinaus ersparen telemedizinische Verfahren dem Patienten mühsame Anreisen oder Krankentransporte und erlauben eine engmaschigere Diagnostik, was letztlich auch die Effizienz im Gesundheitswesen erhöht.

So kann etwa im Rahmen der Telepathologie bei einem unklaren Operationsbefund eine Abklärung per Videokonferenz erfolgen – der Pathologe kann einen Gefrierschnitt aus einer Gewebeprobe während einer Operation mithilfe eines ferngesteuerten Mikroskops anschauen.

"Telemedizin ermöglicht Diagnostik und Therapie aus der Entfernung und verhindert damit Infektionsrisiken", sagt Wolfgang Dorda, Universitätsprofessor für "Angewandte Medizinische Informatik" i. R. an der Medizinischen Universität Wien.
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Die Wege sind im digitalen Raum deutlich kürzer – auch zwischen Arzt und Patient. Im dünn besiedelten Schweden, wo der nächste Facharzt unter Umständen ein paar Autostunden entfernt ist, hat sich die Telemedizin zur Überbrückung großer Distanzen bereits vor mehr als 100 Jahren etabliert. Um 1915, da war Penicillin noch nicht einmal entdeckt, wurden an der Lund University erstmals EKG-Signale fernausgelesen.

Telekonsultationen für bessere Betreuung

Schweden gilt heute als Vorreiter in Sachen E-Health. So werden in dem skandinavischen Land genesene Covid-19-Patienten fernüberwacht. Der Patient misst zu Hause Blutdruck und Atmung und sendet die Gesundheitsdaten elektronisch in die Klinik. Der Arzt schaltet sich dann per Video zu und bespricht mit dem Patienten die Werte. Telekonsultationen seien besonders geeignet für Verlaufskontrollen oder die Neuausstellung von Rezepten bei chronisch Kranken (etwa Blutdruckmedikation), konstatiert Universitätsprofessor Dorda. Aber auch die telemedizinische Betreuung chronisch Kranker wie etwa Diabetiker sei durch die Telemedizin möglich. Das Thema "Homecare" gewinne wegen der Überalterung der Bevölkerung und Zunahme der Single-Haushalte an Bedeutung, so Dorda.

Die Tendenz geht immer mehr in Richtung Eigenverantwortung. Im amerikanischen Chesterfield, einem Vorort von St. Louis, hat 2016 ein Krankenhaus eröffnet, das schon gar keine Betten mehr hat ("a hospital without beds") – die 330 Ärzte und Pfleger konsultieren die Patienten per Videokonferenz und checken Vitalfunktionen wie Puls in Echtzeit über mobile Endgeräte. Der Patient geht nicht mehr ins Krankenhaus – der Telearzt kommt nach Hause. Sieht so die Zukunft des Gesundheitswesens aus? Wird der Patient zum eigenen Pfleger? Werden EKG-Apps Routineuntersuchungen obsolet machen?

Mediziner Dorda glaubt das nicht. "Die Abstände zwischen den Routineuntersuchungen können eventuell erhöht werden, sie werden aber nicht überflüssig", sagt er. Die Telemedizin habe Grenzen – etwa, wenn direkte Untersuchungen am Patienten notwendig sind oder haptische oder olfaktorische Einflüsse berücksichtigt werden müssen. Riechen und fühlen kann man mittels digitaler Technologien noch nicht. So werden Telekonsultationen zwar wichtiger – in vielen Fällen können sie einen Arztbesuch aber nicht ersetzen. Das darf als gute Nachricht für die kommenden Jahre gelten. (Adrian Lobe, 16.6.2021)

Datenschutzrechtlich gebe es laut der Österreichischen Ärztekammer gegen virtuelle (telemedizinische) Beratungen keine Einwendungen, "sofern angemessene technische und organisatorische Maßnahmen ergriffen werden".
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Visite bei Dr. Google

Laut einer Studie des Branchenverbands Bitkom suchen 53 Prozent der Patienten vor dem Arztbesuch ihre Symptome im Internet – etwa in Wikipedia oder Google. Dr. Google ist immer erreichbar. Doch seine Diagnosen sind häufig ungenau. Aus einem harmlosen Kopfschmerz wird schnell ein Verdacht auf Hirntumor. Cyberchondrie, auch "Morbus Google" genannt, gilt inzwischen als eigenes Krankheitsbild. Kein Wunder, dass Dr. Google unter Ärzten nicht den besten Ruf genießt. Eine aktuelle Harvard-Studie stellt der Suchmaschine aber ein gutes Zeugnis aus: Demnach waren die (Selbst-)Diagnosen nach der Online-Recherche präziser. Laut einer repräsentativen Erhebung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung halten 49 Prozent der Befragten die Webrecherche für eine gute Ergänzung zu den Aussagen des Arztes. Knapp ein Drittel der Ärzte ist der Bertelsmann-Studie zufolge über die Eigenrecherche jedoch verärgert.

Der Arzt am Handgelenk

Die Apple Watch ist eine mobile Arztpraxis im Miniaturformat: Sensoren messen Puls, Herzfrequenz sowie die Sauerstoffsättigung der roten Blutkörperchen. Eine EKG-App warnt zudem vor Vorhofflimmern. Die US-Gesundheitsbehörde FDA hat im vergangenen Jahr weitere Funktionen und Gesundheits-Apps für die Apple Watch zu telemedizinischen Behandlungszwecken zugelassen. Für ein Belastungs-EKG müssen Patienten nicht mehr in die Praxis, sondern können das per App aufgezeichnete Elektrokardiogramm über eine Plattform mit ihrem Arzt teilen. Weil die Blutsauerstoff-App der Apple Watch offiziell als "Wellnessprodukt" gilt, musste Apple keine Daten veröffentlichen. Ärzte können die Funktionalität daher nicht vollumfänglich prüfen. Nutzer berichten, dass die Messgenauigkeit der Blutsauerstoff-App schwankt. Auch mit der Samsung Galaxy Watch können Nutzer Blutdruck oder Herzrhythmus messen. Im Kleingedruckten der Samsung-Health-Monitor-App findet sich ein Warnhinweis: "Die App ist nicht dazu gedacht, eine ärztliche Diagnose oder eine Behandlung durch einen Arzt zu ersetzen."

Husten-App

Wissenschafter des MIT haben eine KI entwickelt, die anhand von Hustenaufnahmen asymptomatische Covid-19-Infektionen erkennt. Die Forscher trainierten das Modell mit mehreren Zehntausend Husten-Samples sowie gesprochenen Wörtern von gesunden und infizierten Personen. Die Maschine konnte am Ende 98,5 Prozent der Hustenaufnahmen von Leuten identifizieren, die nachweislich mit Corona infiziert waren. Bei der Gruppe der symptomfreien, aber positiv Getesteten lag die Trefferrate sogar bei 100 Prozent. Der Algorithmus ist in der Lage, am Husten Anzeichen für das Coronavirus zu detektieren, die für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbar sind. Wenn man mit Covid-19 infiziert ist, hustet man offenbar anders als ein Mensch, der bloß erkältet ist oder an Asthma leidet.

Datenschutz und Datensicherheit

"Bei telemedizinischen Konsultationen ist zwingend darauf Bedacht zu nehmen, dass die Verpflichtungen nach der DSGVO und die geltenden Berufspflichten gewahrt werden", teilt die Österreichische Ärztekammer auf Anfrage mit. Dazu gehöre auch die ärztliche Verschwiegenheitsverpflichtung. Datenschutzrechtlich gebe es gegen virtuelle (telemedizinische) Beratungen keine Einwendungen, "sofern angemessene technische und organisatorische Maßnahmen ergriffen werden". Zur Frage, was angemessen ist, gebe es derzeit keine Vorgaben. "Jedenfalls sollte auf entsprechende Identifizierung sowie die Nutzung entsprechender Verschlüsselung geachtet werden." Ferner sei es wichtig, dass die verwendete Software keine personenbezogenen Daten an Dritte weitergebe.