Der Mittwochmorgen in Gaza.

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Trotz internationaler Aufrufe zur Beendigung der seit mehr als einer Woche andauernden Kämpfe haben das israelische Militär sowie die Hamas ihre Angriffe auch in der Nacht zum Mittwoch fortgesetzt. Die israelische Luftwaffe bombardierte erneut den Gazastreifen. Häuser mehrerer Hamas-Kämpfer, die als Kommandozentren oder Waffenlager gedient hätten, seien zerstört worden, erklärte das israelische Militär.

Am frühen Mittwoch beschoss die israelische Artillerie auch Ziele im südlichen Gazastreifen, wie Augenzeugen berichteten. Militante Palästinenser feuerten Raketen auf die Städte Aschdod, Aschkelon und Beerscheba ab, Tausende Menschen suchten dort in Luftschutzkellern Zuflucht. Zusammenstöße flammten auch im besetzten Westjordanland auf, wo nach Angaben des Militärs israelische Streitkräfte einen Palästinenser erschossen, der sie mit einem Gewehr und improvisiertem Sprengstoff angreifen wollte. Ein weiterer Palästinenser wurde von israelischen Streitkräften bei einer Demonstration im Westjordanland getötet, wie das Gesundheitsministerium mitteilte. Das Militär erklärte, die Soldaten seien unter Beschuss geraten und hätten zurückgeschossen.

Offensive wird fortgesetzt

Israel kündigte eine Fortsetzung seiner Offensive gegen die Hamas und den Islamischen Jihad an. Ein israelischer Militärsprecher räumte ein, dass die Gruppen mit geschätzten 12.000 Raketen und Mörsergranaten "immer noch genug Raketen zum Feuern haben". Die gegenseitigen Angriffe gehen damit trotz internationaler Forderungen nach einer Waffenruhe nun in den zehnten Tag in Folge.

Die israelische Armee erklärte, dass von der im Gazastreifen herrschenden Hamas und anderen radikalen Palästinensergruppen seit Ausbruch der Kämpfe mehr als 3.450 Raketen auf Israel abgefeuert worden seien. Das Militär habe mit Luftangriffen und Artilleriefeuer etwa 160 Extremisten getötet. Die Behörden im Gazastreifen sprechen von 217 getöteten Palästinensern, darunter 63 Kinder. Mehr als 1.400 Menschen seien verwundet worden. In Israel sind den Behörden zufolge zwölf Menschen getötet worden, darunter zwei Kinder.

Die schwersten Kämpfe zwischen Israel und radikalen Palästinensern seit Jahren gingen aus Auseinandersetzungen an der Al-Aqsa-Moschee in Ostjerusalem hervor. Verschärft wurden die Spannungen durch Pläne, dort Häuser palästinensischer Familien zu räumen. Das Land wird von jüdischen Siedlern beansprucht. Am Montag vergangener Woche stellte die Hamas eine Frist für den Abzug israelischer Sicherheitskräfte von der Moschee und begann nach dem Ablauf mit Raketenangriffen.

Hamas-Militärchef im Visier

Bekannt wurde, dass ein einflussreicher Militärchef der Hamas Medienberichten zufolge während der jüngsten Eskalation zweimal gezielten Tötungsversuchen Israels entkommen sei. Israelische Medien berichteten am Mittwoch, die Luftwaffe habe versucht, Mohammed Deif, Chef des militärischen Hamas-Arms, der Al-Qassam-Brigaden, bei Bombardements gezielt zu treffen. Er sei jedoch bei beiden Gelegenheiten in letzter Minute geflohen.

Deif gilt schon seit vielen Jahren als Nummer eins der Topterroristen auf Israels Abschussliste. Ihm wird die Beteiligung an zahlreichen blutigen Anschlägen auf Israelis vorgeworfen. Laut Medienberichten hat Deif bei Angriffen Israels in der Vergangenheit bereits ein Auge, einen Arm und beide Beine verloren.

Im August 2014 kamen während des letzten Gaza-Kriegs bei einem Luftangriff Israels im Gazastreifen die Frau des Hamas-Führers sowie zwei seiner Kinder ums Leben. Die Hamas verkündete direkt anschließend, Deif habe überlebt. Zuletzt war Deif erstmals seit langem wieder öffentlich aktiv geworden und hatte Israel im Rahmen des Konflikts um Jerusalem gedroht.

USA in Richtung Erdoğan: "Verwerflich"

Die US-Regierung hat Äußerungen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan über die israelischen Luftangriffe im Gazastreifen als "antisemitisch" kritisiert. "Die Vereinigten Staaten verurteilen die jüngsten antisemitischen Äußerungen von Präsident Erdoğan über das jüdische Volk auf das Schärfste und schätzen sie als verwerflich ein", erklärte der Sprecher des Außenministeriums in Washington, Ned Price, am Dienstag.

"Wir fordern Präsident Erdoğan und andere türkische Politiker auf, aufwieglerische Bemerkungen zu unterlassen, die zu weiterer Gewalt anstacheln könnten", fügte Price hinzu.

Erdoğan hatte Israel zuletzt unter anderem "Terrorismus" gegen die Palästinenser vorgeworfen und gesagt, dies liege "in der Natur" der Israelis. "Sie sind Mörder, sie töten Kinder, die fünf oder sechs Jahre alt sind. Sie sind erst zufrieden, wenn sie ihr Blut aussaugen", hatte Erdoğan gesagt. Er griff auch US-Präsident Joe Biden wegen seiner Unterstützung für Israel an. Biden habe deshalb "blutige Hände", sagte Erdoğan.

Der türkische Präsident hatte am Montag auch die Solidarität der österreichischen Bundesregierung mit Israel im Konflikt mit der palästinensischen Hamas mit deftigen Worten verurteilt. (APA, dpa, red, 19.5.2021)