Ein Hoch auf die Realpräsenz: "Die Odyssee".

Foto: Matthias Heschl

Das ist keine kleine Erwartungshaltung, die hier im Raum steht", so bringt Schauspielerin Judith Altmeyer die Aufregung am ersten Theaterabend nach langem, langem Lockdown gleich auf den Punkt. Das Schauspielhaus Wien eröffnet mit Die Odyssee: einer Premiere nach Homers Epos über eine lange, lange Irrfahrt. Nicht etwa, um actionhungrige Erwartungen zu erfüllen, sondern um sie konsequent zu unterlaufen. Es passiert vor allem alles ganz, ganz langsam.

Gemeinsam mit dem Bühnenbildner und bildenden Künstler Jakob Engel schickt Regisseur/Autor Jan Philipp Stange die Schauspieler Simon Bauer, Sebastian Schindegger und Til Schindler auf eine Expedition. Eine imposante Höhlenstruktur füllt den gesamten Bühnenraum: Felsspalten und Vorsprünge versprechen ein uneinsichtiges Labyrinth, der Hall suggeriert Größe über die Sichtachsen hinaus. Einmal abgeseilt, machen sich die drei daran, einen unterirdischen See zu bereisen.

Aus der Langsamkeit steigt Stimmung auf

Was das Publikum davon zu sehen bekommt, sind die Vorbereitungen. Das umständliche Anlegen eines Neoprenanzugs, das Hantieren mit einem Schlauchboot, um hinter einer Höhlenwand in See zu stechen. Wenn aus der Langsamkeit der Handgriffe heraus ein Lied angestimmt wird, dann kommt Stimmung auf, die die Entrücktheit der Situation deutlich bestätigt.

Dazu zitiert Musiker Jacob Bussmann mit ätherischen Songs eine englische Übersetzung von Homers Text, so steht es zumindest im Programmheft. Was lässt diese Odyssee spüren? Dass es zur Irrfahrt keinen Trojanischen Krieg, keine Abenteuer und schon gar keine Heimkehr braucht. "Lost", vielleicht nicht in Translation, aber in der Sinnlosigkeit vieler kleiner Tätigkeiten, steht am Ende Schindegger allein da. Das Wort ergreift einzig Altmeyer. Nicht als Zyklop, sondern als Kakerlake und mit Bart. Sie hebt mit glockenheller Stimme an, profanen Quatsch zu erzählen: über Opa, Corona und Haustiere. Was Sinn macht: dass Altmeyer die theatralische Situation in Erinnerung ruft. Dass wir alle gemeinsam im Raum sind. Ein Hoch auf die Realpräsenz. (Theresa Luise Gindlstrasser, 21.5.2021)