Dass Kurz auch bei einer Verurteilung Kanzler bleiben muss, versteht sich wohl von selbst. Halbgötter darf man nicht an irdischen Trivialitäten wie dem Strafgesetz messen.

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Hand aufs Herz: Wer braucht schon einen Rechtsstaat oder umständliche U-Ausschüsse, wenn er Sebastian Kurz zum Bundeskanzler hat? So deutlich mag das die Volkspartei zwar nicht sagen, weil es im Volk noch gewisse sentimentale Anhänglichkeiten an Gerichtsgebäude, das Bürgerliche Recht oder Staatsanwälte gibt.

Indirekt arbeiten die Türkisen aber an einer mutigen gesellschaftlichen Umkrempelung, indem sie etwa Frau Köstinger in die Medien schicken, damit diese charmant lächelnd das Parlament zur Löwinger-Bühne herunterputzt. Wie war das eigentlich genau gemeint? Hätte Paul Löwinger Wolfgang Sobotka spielen sollen? Dass Kurz auch bei einer Verurteilung Kanzler bleiben muss, versteht sich wohl von selbst. Halbgötter darf man nicht an irdischen Trivialitäten wie dem Strafgesetz messen.

Wie schön, dass endlich ein frischer Wind durch das vermorschte Staatsgebälk bläst! Die Türkisen machen das geschickt. Sie entrüsten sich über die Linke und agieren nach dem Anarcho-Motto "Macht kaputt, was euch kaputtmacht!", besonders jetzt, wo Kaputtmachgefahr vonseiten der Justiz droht. Dabei wern mir kan Richter brauchen. Unter den Talaren, der Muff von tausend Jahren!

Nur zur Show

Im Vergleich zu den türkisen Revolutionsjahren war 1968 ein Mailüftchen, und gegen die Kurz-Blümel-Schmid-Boyband können die Sex Pistols einpacken. Nach außen hin stilisiert man sich als heimatverbundener Alpenwanderer oder slicker Slim-Fit-Staatsmann, dies aber nur zur Show und mit insgeheimem Hohn. In ihren tiefsten Seelengründen ist die Volkspartei New-Wave-Schizo-Punk, wie ihn Franz Morak, schwarzer Ex-Kulturstaatssekretär, einst virtuos besungen hat.

Wie geht’s jetzt weiter, wie machen wir die Justiz endgültig zur Schnecke? Man hört von Plänen, die Stimmung in den Wiener Nobelbezirken zu beeinflussen, damit in Schönbrunnerdeutsch gehaltene Gesprächspassagen wie diese künftig an der Tagesordnung sind: "Wos? Ausgerechnet Jus will dein Bub studieren?" (Vermeidung jeglichen Augenkontaktes, entgeisterter Blick gen Himmel.)

Weiters geplant: eine Umgestaltung des Rechtsbestandes nach historischem Muster, nur eben Code Kurz statt Code Napoléon. Und die Verkürzung des Jusstudiums auf einen zweisemestrigen FH-Kurs, den auch der Kanzler problemlos schaffen sollte. (Christoph Winder, 24.5.2021)