Canons 1DX war lange Zeit die teuerste Flaggschiff-SLR des Konzerns.

Foto: APA/AFP/GETTY IMAGES/David Becke

Fotografie ist ein teures Hobby. Insbesondere deshalb, weil die technologischen Entwicklungen innerhalb der letzten Jahre so rasant fortzuschreiten scheinen wie schon lange nicht mehr. Kompakte Geräte sind inzwischen zu leistungsstarken Video- und Fotografie-Hybriden aufgestiegen, der Trend geht weg von klobigen Spiegelreflexkameras (SLRs) hin zu spiegellosen Technologien. Den Ton gibt in diesem Segment noch immer Sony an, Branchenriesen wie Canon und Nikon sind bis heute einen Schritt hinterher. Zu lange ruhten sie sich auf ihrer einstigen Marktmacht aus. Es zeigt sich: Spiegelreflexkameras sterben derzeit einen langsamen Tod. Doch haben sie deshalb bereits ausgedient?

Mehrere Jahrzehnte, also weit hinein in die analoge Vergangenheit der Fotografie, dominierten Spiegelreflexkameras das Medium. Ikonische Bilder bekannter Fotografen wie Steve McCurry (lange Zeit ein bekennender Nikon-Fotograf) wurden auf entsprechenden Systemen geschossen, robuste Profi-Modelle in Krisen- und Kriegsgebiete mitgenommen, um Missstände auch in den widrigsten Situationen fotografisch festhalten zu können.

Thronsturz

Auch das Aufkommen der digitalen Fotografie konnte die bis dahin branchenweit etablierte Technologie nicht von ihrem Thron stürzen. Abgesehen von vereinzelten Ausreißern wie der deutschen Traditionsfirma Leica, die bis heute Messsucherkameras herstellt und 2006 mit der M8 das erste digitale Modell ebendieser einführte, setzten bis vor nicht allzu langer Zeit die meisten relevanten Hersteller auf SLRs.

Nikon hat inzwischen die Produktion mehrerer Objektive für das in SLR-Kameras zum Einsatz kommende F-Bajonett eingestellt.
Foto: APA/AFP/GETTY IMAGES/David Becke

Das änderte sich jedoch im Jahr 2006 mit der Übernahme des Kamerageschäfts von Konica-Minolta durch Sony. Diese Firma besetzte hinter Canon und Nikon den Platz als weltweit drittgrößter Hersteller. Mit dem 1. April desselben Jahres übernahm Sony das Geschäft und den Kundendienst, noch über mehrere Jahre hinweg wurden auch Spiegelreflexkameras verkauft, die auf Minoltas A-Bajonett setzten.

Spiegellos setzt zum Angriff an

Im Mai 2010 debütierte schlussendlich mit der Nex-5 und Nex-3 Sonys E-Bajonett. Dieses kommt bis heute in allen Modellen der bekannten und beliebten a7-, a9- und a6000-Serie zum Einsatz. Sony legte damit den Grundstein für zahlreiche, nicht aufzuhaltende technologische Weiterentwicklungen, die den japanischen Tech-Konzern bis heute zum Spitzenreiter im Bereich spiegelloser Hybridkameras machen. Dass es bei der Entwicklung kein Zurück mehr gibt, zeigt sich an der Tatsache, dass der Verkauf von A-Mount-Kameras inzwischen eingestellt wurde, wie der STANDARD berichtet.

Während die erste Generation der a7, a7R und a7S schon 2013 beziehungsweise 2014 eingeführt wurde und aufgrund beeindruckender Kompaktheit mit gleichzeitig hochwertiger Bildqualität überzeugen konnte, verschliefen Canon und Nikon den Umstieg für viele Jahre. Erst 2018 präsentierten die Hersteller voller Stolz das RF- und Z-Bajonett inklusive dazugehöriger Objektive und einer Roadmap für den weiteren Ausbau des Ökosystems. Sony hatte ebendieses schon in den Jahren zuvor mit hochwertigen, vielfach ausgezeichneten (aber sündhaft teuren) Objektiven etabliert.

Ein enges Rennen?

Trotz verschiedener Kinderkrankheiten der seitdem veröffentlichten Geräte zeigen die aktuelle Marktsituation und die öffentliche Wahrnehmung sehr deutlich, dass alle Karten auf spiegellose Systeme gesetzt werden. Nach Sonys komplettem Produktionsstopp eigener SLR-Kameras stellte Nikon die Produktion mehrerer F-Mount-Objektive ein. Das finanziell schwächelnde Unternehmen scheint also alle noch vorhandenen Ressourcen für den Ausbau des neuen Systems aufzuwenden.

Die Sony Alpha 1 ist ein Alleskönner – kostet allerdings mehr als 7.000 Euro. Für jeden dürfte das Profigerät also nicht die beste Wahl sein.
Foto: STANDARD/Manakas

Für klassische SLRs dürfte das bedeuten, in den kommenden Jahren aus den Kamerageschäften hinaus auf den Gebrauchtmarkt verdrängt zu werden. Einerseits bedeutet das: Wer stets die neuesten technischen Entwicklungen haben möchte, hat keine andere Wahl, als zu einer Spiegellosen zu greifen. Für alle anderen rücken dadurch hingegen früher unleistbare Profigeräte in greifbare Nähe. Es stellt sich also – noch mehr als schon bisher – die Frage, welche Funktionen man wirklich benötigt. Bei realistischer Betrachtung dürften nämlich Fotoaufnahmen mit 30 Bildern pro Sekunde und Videos in 8K nicht für jeden eine Notwendigkeit sein – und somit der Griff zu einer älteren Kamera womöglich die bessere Option sein.

Heirat mit Ökosystem

Allerdings sollte man bei der Neuanschaffung einer Kamera niemals vergessen, dass man am Ende des Tages nicht nur das einzelne Gerät kauft, sondern in ein ganzes Ökosystem hineinheiratet, an dem weitere Kosten für kompatible Objektive hängen. Der Gebrauchtmarkt für F-Mount- und EF-Mount-Objektive ist schier endlos, die Preise aufgrund der bloßen Menge häufig sehr gering. Zwar kann dasselbe von den spiegellosen Pendants bisher nicht gesagt werden, in den kommenden Jahren und mit der Veröffentlichung neuer Produktgenerationen werden die Preise allerdings auch hier stetig sinken.

Es ist fraglich, wie lange Hersteller noch weitere neue Spiegelreflexmodelle auf den Markt bringen werden.
Foto: APA/AFP/GETTY IMAGES/David Becke

Es gilt also abzuwägen. Zwischen Zukunftssicherheit und Budgetfreundlichkeit, aber auch abhängig davon, was man erreichen möchte und womit man sich am Ende des Tages am wohlsten fühlt. Wer nämlich ganz bewusst auf der Suche nach einem simpleren Fotografie-Erlebnis ist oder weiß, dass die eigenen Bedürfnisse sich eigentlich auf die klassische Fotografie beschränken, kann auch mit begrenztem Budget und im Bereich der SLRs Schnäppchen machen.

Zukunftssicherheit

Die bevorstehende Allmacht der spiegellosen Hybridkameras ist zu diesem Zeitpunkt trotz allem nicht mehr aufzuhalten. Insbesondere im professionellen Bereich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis ein Umstieg notwendig wird. Immer häufiger kommt nämlich die Frage nach Video- und Fotoinhalten aus einer Hand auf. Obsolet werden Spiegelreflexkameras dadurch jedoch keinesfalls. Im Bereich der klassischen Fotografie können sie nämlich häufig auch heute noch mithalten. Und vermutlich lassen sich auch in mehreren Jahrzehnten noch Liebhaber finden, die den bis dahin zu Klassikern aufgestiegenen Boliden ein Zuhause geben werden. (Mickey Manakas, 24.5.2021)