Ein "Hypermarkt" von Interspar zieht in den Kassensaal der früheren Bank ein.

Foto: Andy Urban

Presse, Publikum und Kunden waren ziemlich begeistert, als das Gebäude feierlich eröffnet wurde. Es spielte auch alle Stückeln: Riesig war es, topmodern, mit den neusten technischen Errungenschaften ausgestattet, an einem der wichtigsten und verkehrsgünstigsten Knotenpunkte der Wiener Innenstadt gelegen. Das neue Hauptgebäude des Wiener Bank-Vereins am Schottenring, in dem am 16. August 1912 der Geschäftsbetrieb aufgenommen wurde. "Der Solitär" unter den vielen großen Bankgebäuden in der Hauptstadt der Monarchie war das zum Teil mit Marmor verkleidete Gebäude, wie Ulrike Zimmerl in jenem umfangreichen Werk schrieb, das 2005 herauskam, als es galt, 150 Jahre Bank Austria Creditanstalt zu feiern.

Fast 109 Jahre nach dieser Eröffnung wird ab nächster Woche neuer Wind durchs "Haus am Schottentor", wie das Gebäude nun genannt wird, wehen, ein neuer Geist einziehen. Bankgeschäfte wurden dort, seit die Unicredit Bank Austria 2017 ausgezogen und ihren Hauptsitz am Campus in Wien-Leopoldstadt genommen hat, schon länger nicht gemacht. Nun zieht u. a. der Lebensmittelhandel ein.

Supermarkt statt Bankschalter

Am 25. Mai eröffnet Interspar auf rund 1800 Quadratmetern einen "Hypermarkt" im ehemaligen Kassensaal, der ebenso unter Denkmalschutz steht wie der Großteil des Gebäudes, das von der Pema rund um den Tiroler Immobilienentwickler Markus Schafferer in sein Post-Banking-Zeitalter entwickelt wurde. Neben einem Hypermarkt – Details dazu werden erst nächste Woche enthüllt – wird Interspar ein Restaurant im Haus führen; die oberen Stockwerke werden von Konzernen für ihre Büros genützt werden.

Hier war, auch in alten Zeiten, der Eingang für die Kunden. Die Chefs nahmen die Direktorenstiege am Ring.
Foto: Pema/Lackner

Künftig wird man das Haus, dessen Haupteingang in der Schottengasse liegt, auch wieder vom Schottenring her betreten können. Klingt unerheblich – führt aber direttissimo zu den Anfängen jener Bank zurück, die österreichische Wirtschaftsgeschichte geschrieben hat. Was das mit dem Eingang zu tun hat? Als das Haus des Bank-Vereins 1912 fertig gebaut war, lag dort noch die Direktionsstiege, die in die Beletage und ins achteckige "Oktogon" führte. In jenen fast 170 Quadratmeter großen, glasüberdachten Raum, in dem u. a. die Generalversammlungen des Geldhauses abgehalten wurden. Auch das Postlesezimmer war von dort aus zu begehen. 1923 wurde die Direktionsstiege freilich zurückgebaut und verschwand – wodurch man sich die "Stiegensteuer" des roten Wien ersparte.

"Bonzenheber" und Rohrpost

Sehr modern war die Zentrale des Bank-Vereins, für die schon 1909 die damals noch jungen Ringstraßenbauten wieder abgerissen worden waren: Sie verfügte über eine Rohrpostanlage, sechs Aktenaufzüge, Lüftungssystem und die später "Bonzenheber" genannten Aufzüge für die Chefs. Das zog die Direktoren der Creditanstalt an, die nach deren Fusion mit dem Bank-Verein ebenso gern wie rasch gleich "in die Schottengasse" übersiedelten.

1934 war diese Fusion – und schon da hatte das Geldhaus Geschichte geschrieben, wie die folgenden rund 70 Jahre auch. 1855 war die Creditanstalt (CA) unter Mithilfe des internationalen Bankhauses Rothschild gegründet worden, eine Aktienbank mit Filialen allerorten und beteiligt an zahlreichen Industrieunternehmen. 1931, nach dem Untergang der Monarchie, nach Wirtschaftskrise, Inflation und Börsencrash von 1929 war die Bank trotz Milliardenhilfen der jungen Republik und der Notenbank nicht überlebensfähig. Es kam zur Fusion mit dem Bank-Verein.

Vergleich mit Holocaust-Opfern

In der Nazizeit profitierte sie von "Arisierungen" und diente als KZ-Bank (etwa die Filiale in Krakau) – was viele Jahrzehnte später zu jener Milliardenklage von Holocaust-Opfern führte, die US-Anwalt Ed Fagan einbrachte. Sie endete im Jahr 2000 in jenem Vergleich, in dem die Bank den Nazi-Opfern umgerechnet rund 40 Millionen Euro zahlte.

In den Jahrzehnten davor war die CA wieder zu einer der größten Banken des Landes avanciert, hatte sich erneut Industriekonzerne zugelegt (Steyr, Semperit, Andritz), die den Steuerzahler abermals sehr viel Geld kosten sollten. 1997 übernahm im Rahmen der Privatisierung die rote Bank Austria (BA) die schwarze CA, was fast die SPÖ-ÖVP-Koalition zum Platzen gebracht hätte.

CA-Chef Heinrich Treichl (rechts) und sein Stellvertreter Hannes Androsch bei einer Pressekonferenz. In der Mitte Fritz Bock, Exminister, Exvizekanzler (ÖVP) und von 1969 bis 1989 Aufsichtsratschef der Creditanstalt.
Foto: Picturedesk

Ans Ausland verkauft

Unterm Einfädler des Deals, BA-Chef Gerhard Randa, wurde das Institut zunächst an die deutsche HVB "verschleudert", wie Hannes Androsch es ausdrückte. Der Exfinanzminister (SPÖ) leitete die Bank von 1981 bis 1988 und hatte Heinrich Treichl beerbt, dessen Stellvertreter wiederum der spätere Kanzler Franz Vranitzky (SPÖ) gewesen war.

Die Unicredit hat das Haus in der Schottengasse 2014 verkauft, heute gehört es einer Stiftung der Ex-Möbelhändlerfamilie Koch.

Nun ist das nächste Kapitel aufgeschlagen. (Renate Graber, 22.5.2021)