Wiener Staatsoper: Monteverdis "Poppea" skrupellos schön

Jan Lauwers' Version von "L'Incoronazione di Poppea" als Tanzporträt des verliebten Despoten Nerone und seiner Gespielin

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Wilde Gefühle: Mejia Cortes, Kate Lindsey (Nerone) und Slavka Zamecnikova (Poppea, re.)

Pöhn

Langsam neigt sich diese Saison, die keine war, tatsächlich auch schon ihrem Ende zu. In der Wiener Staatsoper bedeutet dies, dass es zum Schluss hin premierenmäßig noch einen Höhepunkt an blutiger Bösartigkeit geben wird – mit Verdis "Macbeth" (10. Juni, Regie Barrie Kosky). Im Sinne einer thematischen Aufwärmübung ging es nun bei Claudio Monteverdis finaler Oper "L'incoronazione di Poppea" in Richtung jener barocken Opernfantasie, welche um das gewalttätige Römische Reich kreisten. Es regiert hier ein als eher verhaltensauffällig-narzisstisch eingestufter Nerone ...

In der Inszenierung von Jan Lauwers trägt der Herrscher dann auch bisweilen einen symbolstarken Vogelhut. Es ist dies womöglich als ironischer Hinweis zu werten, dass Nerones Geisteszustand gewisse Auffälligkeiten zeigt. Empathie etwa ist diesem – hier verspielt-verliebten – Kaiser gänzlich fremd. Er will einfach die schöne Poppea ehelichen und seine Gattin, Kaiserin Ottavia, aus dem Weg schaffen. Was kümmert ihn sein Ehegeschwätz von gestern.

Selbstmord bleibt

Wenn ihn Philosoph Seneca (Willard White) zu kaiserlicher Pflicht und Tugend mahnt, pöbelt also Nerone den Alten an und legt ihm Selbstmord nahe. Ganz unrund wird nämlich der Kaiser, so man ihn mit Ideen von Moral und Gesetz belästigt. Macht definiert hier, was Recht ist. Und als sein Recht definiert Nerone, Glück zwischen den Schenkeln Poppeas zu finden. Im Rausch seiner skrupellosen Zielstrebigkeit ist Nerone bei Lauwers der quirlige Jüngling, dessen Herz für andere nur schlägt, wenn es darum geht, sie zu quälen oder zu erobern. Wenn Poppea wiederum den Herrscher besteigt, ist nicht weniger offensichtlich: Große Teile ihrer Lustfantasien speisen sich aus der Aussicht, bald mit einer Krone geschmückt zu werden. Status, Macht – man kennt das.

Tanz des Todes

Das alles ist bei dieser schillernden Produktion, die 2018 bei den Salzburger Festspielen zu sehen war, nicht nur an der Rampe mittels Opernkonvention zu sehen, sondern gewissermaßen doppelt: Lauwers (Regie, Bühne und Choreografie) sorgt für die kollektive Tanzvergrößerung der Figurengedanken und -Emotionen; hier tut sich also unentwegt etwas. Wenn Seneca zum Selbstmord gedrängt wird, verlegt Lauwers das Thema "Sterben" und "Tod" auf die choreografische Ebene und lässt Tänzer und Tänzerinnen die Situation des letzten Atemzugs zelebrieren und effektvoll tausend Tode sterben.

Auf Körper ausgelagert

Da die seelischen Vorgänge die ganze Oper hindurch stark auf die Tanzebene ausgelagert werden, entsteht gleichsam ein Strom unentwegt sich bewegender Gruppen, auch eine Art dynamische Körperinstallation, die sich kommentierend und stilisierend zu den Sängern verhält. An jener Bühnenstelle, über welcher ein Kronleuchter bisweilen herabgleitet, findet sich diese Unablässigkeit der Bewegungen auch reduziert auf das einzelne, sich um seine eigene Achse drehende, von der Gruppe getrennte Individuum. Nach Erreichen des Erschöpfungszustands wird es von einem anderen abgelöst. Wie eine Uhr des Lebens wirkt das bis zum Schluss.

Im Rahmen von Poppeas finaler Krönung wird der Tanzaspekt dieser Produktion noch einmal opulent zelebriert. In Zeitlupe oder schließlich starr skulptural angelegt, changiert das Ensemble zwischen Jubel und Wut. Dies ergibt imposante Bilder pantomimischer Intensität, während das grausame Liebespaar seine schönsten Turtelgesänge absolviert: Kate Lindsey ist (als Nerone) die delikat singende Advokatin egozentrischer Skrupellosigkeit. Ihr Mezzo hat jene edle Schlankheit, die mit Vibrato-befreitem Ansatz poetische Klarheit schafft.

Weltklasse bei Liebespaar

Noch delikater allerdings Slavka Zamecnikova (als Poppea). Das neue Ensemblemitglied des Hauses am Ring verfügt klanglich über jenes gewisse Etwas, das international sehr begehrt sein wird und das mühefrei lyrisch zu gestalten versteht. Drumherum durchaus Solides: Da wären Vera-Lotte Boecker (als Virtu/Drusilla), Countertenor Xavier Sabata (als Ottone) und Christina Bock (als Ottavia) zu nennen. Klar ist aber auch: Vokales Weltformat ist vor allem dem Liebespaar zu attestieren.

Der Concentus Musicus – mit Dirigent Pablo Heras-Casado zusammengespannt – liefert als Gastorchester im Haus am Ring jenen edlen, schlanken Sound, der den Gesang trägt und substanzvoll animiert. Das Ensemble lässt auch jenen elastischen Tanzschwung entstehen, den die Inszenierung (und Mitglieder von Lauwers' Needcompany) szenisch subtil aufnimmt. Bis auf den kläglichen Anfangsversuch, in die Stille ein, zwei Buhs unterzubringen, gab es einhelliges Lob für diese Koproduktion mit Salzburg. (Ljubisa Tosic, 23.5.2021)

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