Das Ross auf der Fahne der Belarus-Opposition steigt auch in Riga immer öfter. IIHF-Präsident Fasel zeigt lieber Flagge für Lukaschenko.

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Riga – Mit Anlauf in den Fettnapf hüpfen? Es gibt nicht wenige, die den Schweizer Rene Fasel in dieser Disziplin für herausragend halten. Der Schweizer Präsident des Eishockey-Weltverbands IIHF ist etwa im Zusammenhang mit Belarus zum wiederholten Male auffällig geworden.

Flaggentausch mit Folgen

Bei der WM in der lettischen Hauptstadt Riga könnte sich derzeit alles um den historischen Fehlstart Kanadas drehen, das dreimal en suite verlor, oder um den Traumstart der Deutschen, die dreimal gewannen. Doch Fasel hat es geschafft, den Sport in den Hintergrund zu rücken. Ohne große Not legte er sich mit dem lettischen Präsidenten Egils Levits und dem Bürgermeister von Riga, Martins Stakis, an. Stakis hatte – als Reaktion auf die belarussische Flugzeugentführung und die Verhaftung des Oppositionellen und Journalisten Roman Protassewitsch – in der ganzen Stadt die offizielle Belarus-Flagge durch die weiß-rot-weiße Fahne der Opposition ersetzen lassen. Auch dort, wo die Flaggen aller WM-Teilnehmer und der IIHF gehisst waren.

Fasel hielt das für inakzeptabel und ersuchte den Bürgermeister in einem Schreiben "dringend", auch die IIHF-Fahne einzuholen. Schließlich stünde die Fahne der Opposition "nicht für den belarussischen Staat und nicht für unser Mitglied, den belarussischen Eishockey-Verband". Natürlich, so Fasel, könne Riga auch wieder die offizielle Fahne von Belarus hissen.

Mag sein, Lettland hat anders reagiert, als Fasel sich das gedacht hat. Bürgermeister Stakis ließ tatsächlich auch die IIHF-Fahnen entfernen. Und Staatspräsident Levits bezeichnete die Protestaktion im TV als "angemessene politische Reaktion". Schließlich sei das Regime in Belarus nicht anzuerkennen, es habe gegen das Völkerrecht verstoßen und den internationalen Flugverkehr gefährdet. Nach dem Flaggentausch hatte Lukaschenko alle lettischen Diplomaten aus Belarus ausgewiesen, Lettland reagierte mit demselben Schritt.

Der Sport ist zwischen die Mühlen geraten und somit an einen Platz, den er sich selbst ausgesucht hat. Man erinnere sich an einen Besuch Fasels in Minsk Anfang Jänner. Er umarmte Lukaschenko, man stieß mit Champagner auf die bevorstehende Weltmeisterschaft an. Damals ging Fasel noch davon aus, dass Minsk und Riga die Titelkämpfe gemeinsam veranstalten würden. Er sagte: "Stellen Sie sich vor, wir sagen die WM in Weißrussland jetzt ab: Wird das etwas an der Situation im Land ändern? Sicher nicht." Auf seinen allzu innigen Umgang mit Lukaschenko angesprochen, räumte Fasel immerhin ein: "Es ist etwas blöd gelaufen, das ist mir auch peinlich. Es tut mir leid, wenn das zu der Interpretation führt, ich würde die Vorgänge und die Repression in Belarus akzeptieren."

Fragezeichen hinter Bahnrad-EM

Jetzt ist er also wieder dort angelangt. Nicht auszuschließen, dass es während der WM in Riga zu weiteren Protestaktionen gegen Belarus, vielleicht auch gegen Fasel und den Weltverband kommt. Eine andere Frage ist jene, ob im Juni tatsächlich die Bahnrad-EM in Minsk stattfinden kann und soll. Der europäische Verband (UEC) hielt noch vor kurzem an dieser EM fest. Nach der Verhaftung von Protassewitsch kündigte Rudolf Scharping, deutscher Ex-Verteidigungsminister und seit 2005 der Präsident des Radfahrerbundes (BDR), schon am Dienstag an, die Deutschen würden eine EM in Minsk boykottieren. Am Donnerstag tagt die UEC in Lausanne, es ist davon auszugehen, dass sie die EM absagen oder verlegen wird. (Fritz Neumann, 25.5.2021)