Angeregt von diskutierten Schreibweisen mit Sternchen oder Binnen-I, warf Merz auf Twitter provokante und zur Abschreckung gedachte Eigenkreationen ins Rennen.

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Diskussionen um den sich verändernden Sprachgebrauch werden insbesondere von jenen hochemotional geführt, die den sich abzeichnenden Neuerungen ablehnend gegenüberstehen. Es sind Gefühle von Bevormundung, Verdrängung oder drohendem Verlust, die oftmals heftige Reaktionen auslösen. Dabei entwickelt sich Sprache fortlaufend und seit jeher durch ihren Gebrauch. Ändert sich die Gesellschaft, so ändert sich auch die Sprache. Wandel ist der Sprache wesensimmanent.

Das wollen viele selbsterklärte "Sprachhüter" nicht wahrhaben und blasen zum Gefecht. Selten mit sachlichen Argumenten, weil diese eben meist ins Leere führen, sondern bevorzugt auf der populistischen Orgel, die besonders in den sozialen Medien ihr gewolltes Echo findet. Dort fragt auch keiner so genau nach, worum es bei – zum Beispiel – gendergerechter Sprache geht.

Dieser Text ist ein Teil einer ressortübergreifenden Serie des STANDARD zum Thema Sprachwandel.
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Der deutsche CDU-Politiker Friedrich Merz etwa fühlt sich von "diesen #Gender-Leuten" bevormundet, wie er in einem Tweet im April kundtat. Es geht ihm unter anderem um das Binnen-I. Und weil ihm sachliche Argumente gegen die Ansprüche von in der Sprache abgewerteten oder unterrepräsentierten Gruppen fehlen, wechselt einer wie Merz gern auf die Witzebene. Dort kann man hemmungslos fantasieren und die Anliegen effektvoll in den Schmutz ziehen.

Mannomann

Angeregt von diskutierten Schreibweisen mit Sternchen oder Binnen-I, warf Merz auf Twitter provokante und zur Abschreckung gedachte Eigenkreationen ins Rennen. So fragt er sich, ob man künftig wohl "Grüne und Grüninnen" wird sagen müssen. Oder ob das bewährte "Mannomann" jetzt durch "Frauofrau" ersetzt wird. Seine Beispiele für diversifizierende Schreibweisen setzen jenseits geltender Regelungen an: "Hähnch*Innen-Filet? Spielplätze für Kinder und Kinderinnen?" Sie sind so hanebüchen, dass Merz’ Kritiker ihre Absurdität demonstrativ weiterspinnen: "Mütter und Mütterinnen".

Auf dem Marktplatz der Sprachgefühle geht es nicht um Grammatik. Die hämischen Scherze geben sich den Anschein, verspielt daherzukommen, dienen aber rein der Diffamierung. De facto tummeln sich an der Front der Sprachkonservierer ausschließlich fehlerhafte Wortbeispiele. Je schräger die Verballhornung, umso besser: PersonIn, Sündengeiß, MitgliederInnen etc. Auch Fernsehmoderator Thomas Gottschalk äußerte Angst davor, in Hinkunft am gedeckten Tisch nach der "Salzstreuerin" fragen zu müssen. In populistischen Lachnummern wie dieser steckt aber das Futter für die Fantasie vom "Genderwahn". (Margarete Affenzeller, 26.5.2021)