"Eine Terrordiktatur lässt nur jene Bilder zu, die ihr nützen", erinnert Ben Segenreich, Israel-Korrespondent des Nahost-Thinktanks Mena-Watch, im Gastkommentar. Es sei die Aufgabe der Medien, darauf hinzuweisen. Lesen Sie dazu auch die Gastkommentare von Ruşen Timur Aksak, Bettina Marx und Ariel Muzicant.

Hamas-Kämpfer posieren am Montag bei einer Anti-Israel-Kundgebung in Gaza.
Foto: Reuters / Mohammed Salem

Die "Runden der Gewalt" zwischen Israel und der Hamas, von denen soeben wieder eine zu Ende gegangen ist, sind perfekte Beispiele für das, was Militärtheoretiker "asymmetrische Kriegsführung" nennen. Da ist wirklich nichts symmetrisch. Auf der einen Seite steht eine Demokratie mit allen ihren eingebauten Bremsen, auf der anderen Seite eine Terrororganisation ohne Skrupel. Israel hat modernste Waffen aller Gattungen, die Hamas hat bloß relativ primitive Raketen, die nur so ungefähr irgendetwas treffen können. Israel kann seine Bevölkerung durch Abwehrraketen und Schutzräume gut abschirmen, die Menschen im Gazastreifen können nur beten, dass ihnen nichts auf den Kopf fällt.

Zuungunsten Israels

Das ist alles klar und leicht zu verstehen. Aber dann gibt es da noch eine Asymmetrie, und da wird es kompliziert. Kriege werden auch über die Medien und deren Bilder geführt. Und Medien gelten als fair und ausgewogen, wenn sie das Leid auf beiden Seiten zeigen. Wir haben einen Korrespondenten in Jerusalem, wir haben eine Korrespondentin in Gaza – also sind wir okay. Hier wirkt die Asymmetrie sehr zuungunsten Israels. Besonders krass war das etwa im Libanonkrieg 2006.

Als Korrespondent für ORF und STANDARD berichtete ich damals aus Nordisrael von der Not hunderttausender Israelis unter dem Raketenhagel der Hisbollah, von den Toten und Verletzten, von den Einschlägen und Zerstörungen. Aber die Stimmen und Bilder, die ich aus meinem "Revier" übermitteln konnte, wirkten beinahe lächerlich im Vergleich mit den Katastrophenszenen von der libanesischen Seite. Es war selbstverständlich die Aufgabe meiner drüben stationierten Kolleginnen und Kollegen, die Bilder und Stimmen von dort mit all ihrer Wucht und Tragik in die Welt zu schicken. Aber niemandem schien aufzufallen, dass da etwas Wichtiges fehlte: die Hisbollah!

"Kein Bild von einer Waffe, kein Bild von einem 'Kämpfer'".

Aus dem Libanon kamen Tonnen von Bildern von weinenden Kindern, schreienden Frauen, verzweifelten Greisen, Zivilisten auf Tragbahren, panischem Krankenhauspersonal, Trümmerhaufen. Aber hätte da nicht noch etwas sein müssen? Die Raketen aus dem Libanon waren doch keine Einbildung. Jemand musste doch die Raketenwerfer bewegen, die Raketen abfeuern, die Kommandozentralen bevölkern. Aber kein Bild von einer Waffe, kein Bild von einem "Kämpfer", weder stehend noch verletzt oder tot auf einer Bahre liegend, obwohl nach Schätzungen 500 bis 700 Hisbollah-Männer getötet wurden. Und natürlich keine Raketenstellung, womöglich in der Nähe einer Schule, eines Krankenhauses, einer Moschee oder einer UN-Einrichtung. Die Hisbollah war unsichtbar.

Von der israelischen Seite kamen indessen über Wochen Tonnen von "militärischen" Bildern – startende Flugzeuge, ratternde Panzer, donnernde Kanonen. Welche Vorstellung hat sich also dem Medienpublikum eingeprägt? Israels Militärmaschine geht grundlos auf elende, wehrlose Zivilisten los. Die fehlenden Bilder der Hisbollah-Terroristen konnte ich natürlich nicht liefern, denn ich war auf der israelischen Seite. Sie hätten nur von den Kolleginnen und Kollegen auf der libanesischen Seite kommen können, als Kontext zu den Bildern von Tod und Zerstörung. Und das ist natürlich eine Illusion. Die Hisbollah lässt nur zeigen, was sie zeigen will.

Fehlender Kontext

Genau so läuft es mit der Hamas. Zwei, drei große Agenturen liefern geschätzt 95 Prozent der Bilder, die aus dem Gazastreifen in die Welt gehen. Ich habe jetzt das Videomaterial durchgeschaut, das Reuters während der elf Tage der jüngsten Krise angeboten hat. Nur zweimal konnte man, am Rande von Begräbnissen, ein paar Hamas- und Jihad-Gestalten sehen, dafür überwältigende Mengen von leidenden Zivilisten und demolierten Gebäuden, garniert mit feuernden Kanonenrohren aus Israel.

"Eine Terrordiktatur lässt nur jene Bilder zu, die ihr nützen."

Parallel zur Information über die Zerstörungen im Gazastreifen hätte das Publikum auch ein Recht auf die Information, wo denn nun eigentlich wirklich die Hamas sich so herumtreibt. Aber es gelten die gleichen Regeln wie bei der Hisbollah: Eine Terrordiktatur lässt nur jene Bilder zu, die ihr nützen. Die Journalistinnen und Journalisten im Reich der Hamas nehmen das hin, schon allein deswegen, weil es gefährlich wäre, es nicht hinzunehmen.

Das Medienpublikum sollte sich wenigstens dessen bewusst sein, dass ihm Kontext vorenthalten wird – in den Bildern und Texten, und übrigens auch bei den kolportierten "Opferzahlen", die zwischen Zivilisten und Terroristen nicht unterscheiden und die tatsächliche Zahl der getöteten Terroristen ebenso verschleiern wie die Umstände des Todes von Zivilisten. (Ben Segenreich, 26.5.2021)