Inhalte des ballesterer #161 (Juni/Juli 2021) – Seit 21. Mai im Zeitschriftenhandel und digital im Austria-Kiosk

SCHWERPUNKT: EUROPAS MEISTERSCHAFT

EIN SCHWERES ERBE
Die Allerorts-EM in Zeiten der Pandemie

RÜCKKEHR IN DIE STADIEN
Die EM-Planung für Fans

SEIN NAME WAR NOBODY
UEFA-Präsident Ceferin kämpft an vielen Fronten

DIE FREUDE DER FINNEN
Ein Anstoß zur EM in Pandemiezeiten

EXTRA: ÖSTERREICH

BIEDER OHNE NOT
Unter Foda herrscht Ernüchterung

MAXIME FEHLERVERMEIDUNG
Vorsicht ist die Taktik des Teamchefs

DER VERGESSENE POKAL
1932 wurde Österreich Europameister

KRITIK IM WIDERSPRUCH
Kulturpublizist Klaus Zeyringer über Nationalismus im Sport

TEILNEHMER

DEUTSCHLAND
Die Nullerjahre

ENGLAND & SCHOTTLAND
Jubel beim Zahnarzt

FINNLAND
Debüt im Kollektiv

FRANKREICH
Glanzlose Favoriten

ITALIEN
Mancini in der Offensive

NIEDERLANDE
Die Strickmuster von de Boer

NORDMAZEDONIEN
Der alterslose Held

POLEN
Schlechte Tage des guten Herzens

PORTUGAL
Zeit für den Umbruch

SCHWEIZ
Der Tiki-Taka-Lehrplan

SPANIEN
Kanarischer Hoffnungsträger

UKRAINE
Der Star ist der Trainer

Cover: ballesterer

Wer durch das Fußballmuseum in Florenz schlendert, wird dort einen aus böhmischem Bleikristall gefertigten Pokal entdecken. Er zeigt neben der Gravur eines Fußballspielers mit Lederball unter dem Arm die Inschriften "La Coupe International" und "Svehluv Pohar". Die nach ihrem Stifter Antonin Svehla, dem damaligen tschechoslowakischen Ministerpräsidenten, benannte Trophäe wurde dem Sieger des 1927 ins Leben gerufenen Europapokals der Nationalmannschaften überreicht.

Das Turnier zwischen den Teams aus Italien, Österreich, der Schweiz, der Tschechoslowakei und Ungarn gilt als Vorläufer der Europameisterschaft. Seine Gründung geht auf eine Initiative von Hugo Meisl zurück. Nach gescheiterten Verhandlungen mit der FIFA über ein europäisches Turnier richteten die teilnehmenden Verbände den Bewerb selbst aus. Zeitgleich arbeitete Meisl auch an der Gründung des Mitropa-Cups mit, dem Vorgänger des Europacups. Doch darauf lässt sich das Wirken von Multifunktionär Meisl nicht reduzieren, denn er saß als Bundeskapitän auch auf der Trainerbank des Nationalteams.

Das Wunder aus Wien

Die Erstaustragung des Svehla-Pokals erstreckte sich über fast drei Jahre. Zwischen September 1927 und Mai 1930 traten alle Teilnehmer in Hin- und Rückspielen gegeneinander an. Das zu Turnierende von Vittorio Pozzo trainierte Italien setzte sich mit elf Punkten vor Meisls Österreichern mit zehn durch.

Nicht einmal ein Jahr später trafen sich die beiden Mannschaften am 22. Februar 1931 zum Auftakt der zweiten Auflage. Italien gewann in Mailand 2:1, doch die Österreicher standen kurz davor, Geschichte zu schreiben. Denn die Mannschaft von Hugo Meisl sollte in den folgenden 14 Partien ungeschlagen bleiben – und elf davon gewinnen. Darunter Siege wie das 5:0 gegen Schottland, ein 5:0 und ein 6:0 gegen Deutschland und ein 8:2 gegen Ungarn – das "Wunderteam" rund um Spieler wie Matthias Sindelar, Rudolf Hiden, Josef Blum und Karl Zischek war geboren und eilte von Sieg zu Sieg.

Der Svehla-Pokal wurde aber nicht zuletzt deswegen spannend, weil die drei Unentschieden des "Wunderteams" in diesen Bewerb fielen. Am 20. März 1932 lief die österreichische Mannschaft erst zum zweiten Mal im Praterstadion, das 1931 im Rahmen der Arbeiterolympiade eröffnet worden war, auf. Gegner war Italien, das zwei Punkte vor Österreich an der Tabellenspitze lag. Die Revanche für die Auftaktniederlage glückte dank Sindelar, der Österreich mit einem Doppelschlag in der 56. und 58. Minute 2:0 in Führung brachte, ehe Giuseppe Meazza in der 66. Minute zum 1:2 verkürzte.

Österreichs Unentschieden gegen die Tschechoslowakei vermochten die Italiener nicht auszunutzen, da sie in Budapest ebenfalls nicht über ein 1:1 hinauskamen. Der 3:1-Sieg von Meisls Mannschaft am 23. Oktober 1932 gegen die Schweiz auf der Hohen Warte, bei dem das Team aufgrund der dürftigen Leistungen vom verwöhnten Wiener Publikum mit Pfiffen verabschiedet wurde, setzte die Italiener unter Druck: Sie mussten fünf Tage später in der Tschechoslowakei gewinnen.

Die elf Österreicher, die 1932 für das Spiel gegen England nominiert wurden (stehend von links): Walter Nausch, Karl Zischek, Matthias Sindelar, Fritz Gschweidl, Karl Rainer, Anton Schall, Adolf Vogl, Hans Mock und Trainer Hugo Meisl mit Hut und Stock. Vorne von links: Karl Sesta, Torwart Rudolf Hiden, Josef Smistik.
Foto: Ullstein Bild/picturedesk.com

Hugo Meisl reiste nach Prag, um dem Spiel beizuwohnen, und wurde dort Zeuge einer Überraschung: Die Tschechoslowaken gewannen 2:1, Österreich war Europameister. Neben ein paar Würdigungen in der Presse fand der Titel keine große Beachtung. Ein schadenfroher Artikel am 30. Oktober im Kleinen Blatt, der berichtete, dass die Italiener bereits alles für die Siegesfeier vorbereitet hätten und Benito Mussolini seine Siegesrede nun neben den Plänen für die Feierlichkeiten archivieren müsse, ist einer der emotionalsten medialen Niederschläge dieser Tage.

Leeres Trophäenkammerl

Das "Wunderteam" war auf dem Höhepunkt angelangt, Österreich hatte sich als führendes Team in Kontinentaleuropa etabliert. Die Bleikristalltrophäe zog in der ÖFB-Zentrale ein und lieferte nun auch eine formale Legitimation, als erster Herausforderer Englands zu gelten. Spanien hatte England 1929 zwar als erstes kontinentaleuropäisches Team besiegen können, allerdings in Madrid. Noch nie war das einer Mannschaft auf englischem Boden gelungen – das wollte Meisl mit seinem Team nun im Dezember 1932 schaffen. Österreich brachte die Engländer an der Stamford Bridge zwar in Bedrängnis, unterlag aber 3:4. Die Niederlage fühlte sich dennoch wie ein Sieg an, da sowohl die englische als auch die heimische Presse nicht mit Lob für den Auftritt sparte. Ein paar Monate später war die Ära des "Wunderteams" jedoch vorbei.

Kaum jemand hätte in diesen Tagen zu vermuten gewagt, dass die gläserne Trophäe, die in der ÖFB-Zentrale vor sich hin funkelte, die einzige in der Geschichte des Nationalteams bleiben sollte. Vor der nächsten Austragung des Europapokals der Nationalmannschaften wurde beschlossen, den Wanderpokal bei zweimaligem Gewinn durch ein Land in den Besitz des siegreichen Verbands übergehen zu lassen. Obwohl das "Wunderteam" zwar schon seit einem Jahr Geschichte war, stellte Österreich mit neuen Spielern wie Josef Bican und Franz Binder erneut eine starke Mannschaft, die um den Titel mitspielen sollte.

Österreich als Favorit zur WM 1934 nach Italien

Das erste Spiel im Bewerb im Februar 1934 in Turin verlief nach Plan. Das Nationalteam untermauerte mit einem 4:2-Sieg über Italien den Titelanspruch. So reiste Österreich aufgrund der Abwesenheit Englands auch als Favorit zur WM 1934 nach Italien. Dort beendeten die Gastgeber die Hoffnungen der Österreicher erst in einer umstrittenen Partie im Semifinale.

Auch im Europapokal der Nationen zerstörten Pozzos Italiener die Titelträume der Österreicher. Im März 1935 fiel im Wiener Praterstadion mit einem 2:0-Sieg der Gäste die Vorentscheidung. Am 24. November 1935 krönte sich Italien mit einem Unentschieden gegen Ungarn zum Turniersieger – abermals vor Österreich. Noch am selben Abend überreichte ÖFB-Präsident Richard Eberstaller die Bleikristalltrophäe an die siegreiche Mannschaft. Sie ging damit in den Besitz des italienischen Verbands über. Und so benötigt man heute kein Bahnticket nach Wien, sondern eines nach Florenz, um den Pokal zu sehen, der den größten Triumph der österreichischen Fußballgeschichte repräsentiert. (Hubert Herzog, 26.5.2021)