Wien, U3, Höhe Neubaugasse: Ich war zu spät. In Gedanken schob ich bereits die üblichen Textbausteine meiner Entschuldigungs-SMS an Cedric hin und her. Plötzlich sah ich ihn selbst mit panischem Blick und diversen Taschen behangen in meinen U-Bahn-Wagen hechten. Gott sei Dank! Cedric ist verantwortlich für die Kostüme von "Monte Rosa" – des neuen Stückes von Teresa Dopler, mit dem sie 2019 das Peter-Turrini-Dramatikerstipendium gewonnen hatte und das am 19. Mai in der Theaterwerkstatt des Landestheaters Niederösterreich uraufgeführt wurde. Doch dazu kommen wir gleich. Cedric und ich sprinteten an Menschen und anderen Hindernissen vorbei, als seien wir die Einzigen, die von einer Bombe wüssten. Als wir endlich bis zur obersten Ebene des Westbahnhofs gelangt waren, erwischten wir den Zug nach St. Pölten in letzter Minute. Sonne und Wolken lieferten sich derweil einen Luftkampf über den dramatisch beleuchteten Ulrich-Seidel-haften Reihenhauslandschaften, welche die Westbahn auf dem Weg in die niederösterreichische Landeshauptstadt durchquerte.

Wie die Theater wurde auch die Gastronomie an diesem Tage nach einer diffusen Ewigkeit wieder aufgesperrt. Ein paar Unerschrockene tranken in einem Gastgarten auf dem pittoresken St. Pöltener Rathausplatz, wo auch das Landestheater lag, in zweckoptimistisches Funktionsgewand gepackt trotzig ihre Biere. Der Wind blies frisch und der nächste Regenguss konnte jede Sekunde losbrechen. Entspannt wirkte das alles nicht, wozu auch die sich unter der Pestsäule zum Outdoor-Workout niedergelassene Gruppe von Fitnessmenschen ihren Teil beitrug. Planking im Nieselregen war nicht das, was man gerne sehen mochte, wenn man nach Monaten wieder das erste Getränk in einer Bar nehmen durfte. Bis auf den soldatisch wirkenden Vorturner, bestand die Sportgruppe fast nur aus Frauen. Frauen, die wie Bettina Kerl in ihrer Rolle als namenlose Bergsteigerin am Monte Rosa ihre Körper stählten, um deren Marktwert zu steigern; um fitter, fröhlicher, gesünder, positiver und somit erfolgreicher zu sein. "Good vibes only!" lautete die Parole.

Good vibes only!

Die Intendantin hielt vor Beginn des Stücks eine kurze Ansprache, die mir in ihrer sichtlichen Ergriffenheit gefiel. Die Rede war von "einem historischen Moment" und "ohne Zuschauer haben wir kein Theater." Noch besser gefielen mir die daran anschließenden Worte eines niederösterreichischen Lokalpolitikers der ÖVP. Der Mann, der so korrekt und inmitten der Kulturmenschen im Publikum so rührend normal aussah wie der Leiter einer Sparkassenfiliale. Er richtete die Grüße seiner Vorgesetzten, der Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner aus, führte kurz durch die Geschichte des Hauses, erwähnte dessen Erwähnung in der "New York Times" als eines der aktuell besten Theater Europas und war ebenfalls bewegt ob der Wiederaufnahme des Theaterbetriebes in St. Pölten an diesem Tage, nach langen, zähen Monaten des Lockdowns. Bewegt ja, aber nicht so sehr, dass es aufdringlich wurde. Ich mochte ihn sofort, denn er war ein erfrischendes Gegenbild zu jener Art von Kulturpolitiker, wie man sie in Berlin gewohnt ist. Mandatare, die einem durch ihr semi-alternatives Gepräge immer auch mitteilen möchten: "I'm kind of an artist myself."

Das Stück begann mit dräuenden Klängen und Nebelschwaden. Aus dem Dunst schälten sich die Schauspieler Bettina Kerl (A) und Tim Breyvogel (B) hervor. Tastend begegneten sie sich auf der Bühne – dem Gebirge – mit alpinistischem Gruße: "Berg heil!" Sie tauschten zunächst Informationen über Routen, Pässe, Ausrüstung und andere Fachthemen aus. Hinter der Neugier ob der unverhofften Begegnung schwang von Anfang an ein passiv-aggressives Misstrauen mit, ob sich diese Unterhaltung überhaupt lohnte, ob man mit ihr nicht seine Zeit verschwendete. Zeit, in der man schon längst weitergekommen sein und jemand besseres getroffen haben könnte. Ihr Gespräch wirkte entrückt, leicht verschoben. Es erinnerte an jene von deutschen Synchronsprechern über Hollywood-Dialogen, nur dass das leicht gereizte und anonyme hier nicht unfreiwillig war. Die Worte hatten wenig mit ihren Sprechern zu tun. Die Figuren waren nur Medien einer automatisierten Unterhaltung, die sich selbst führte; Passagiere eines Gesprächs, dass seiner eigenen Agenda folgte.

Die Schauspieler prüften unablässig ihre Körper ab, während sie miteinander redeten, machten sie immer wieder Dehnungsübungen, jeder für sich, spielten das Für und Wider einer temporären Kletter-Partnerschaft durch, lobten sich gegenseitig ihrer ausgezeichneten Form – einer Form, in die sie viel Arbeit investiert hatten und für die ihnen nun auch ein gebührender ROI (Return On Investment) zustand. Die Körperattribute waren Dreh- und Angelpunkt der Unterhaltung. Gute Gebisse, leise, kräftige Lungen, gerade Haltungen, Bauch-, Bein- und Rückenmuskulatur – Eigenschaften von Körpern, die sich auf der Bühne jedoch nie nahekamen, geschweige denn berührten. Körper, die immer in lauernder Distanz zueinander blieben. "Wie lange lebst du schon?" lautete die zentrale Frage nach ihrem biologischen Alter. Ihre Bewegungen wirkten sportlich-kontrolliert und zugleich fahrig. Sie waren wie Körper von Marionetten, ferngesteuert. Der einzige Gemütszustand, der den in diesen fettlosen Top-Körpern eingegangenen Seelen entsprach, war optimistische Fröhlichkeit. Alles andere war lebensgefährlich am Berg. "Unglückliche Bergsteiger suchen unbewusst den Tod", war man sich einig.

Halbgeschälte Yetis an kaltem Stahl

Die hier verhandelten und verhandelnden Körper steckten in Kostümen von Cedric Mpaka. Er ließ die Schauspieler mit freien Oberkörpern in zotteligen, weißen Fellhosen und ebenso behaarten Bergschuhen auftreten. Bettina Kerl bekam noch einen breiten Streifen Fell über die Brust. Sie sahen alle aus wie halbgeschälte Yetis. Die Kostüme hatten etwas Groteskes, ja Lustiges – etwas, dass im harten Kontrast zur Verbissenheit und Verlorenheit der Akteure stand. Die Bergwelt, durch die sie sich bewegten, wurde im Bühnenbild von Lugh Amber Wittig minimalistisch fast referenzfrei inszeniert. Zwei stählerne Rollstiegen, die mit weißen Stoffbahnen umhüllt waren, stellten die zentralen und einzigen Elemente des Bühnenbildes dar. "Eigentlich sollten es echte Flugzeugtreppen aus Schwechat sein, doch war dies aus versicherungstechnischen Gründen nicht möglich", erzählte mir Lugh später im Railjet zurück nach Wien, die kleinen Modelle in einem offenen Karton auf dem Schoß haltend. Ich fand es besser so wie es war. Die echten Gangways erschienen mir dahingehend ungeeigneter, als dass sie mit ihren konkreten Airport-Assoziationen die hermetische Bergwelt kannibalisierten. Die Schauspieler bewegten sich vor Wittigs gerüstartigen Konstruktionen und dahinter, darin und darauf – wieder jeder für sich, jeder, teils verhüllt, schemen- und schattenhaft, jeder in seiner eigenen Treppe. Jeder? Sollte Bettina Kerl ein Mann sein? Ja und nein – sie war, genau wie Breyvogel, und das gleich auftretende "C", Teenager Phillip Leonhard Kelz, ein postmodernes Neutrum. Die Ausgangsgeschlechter der Akteure taten hier überhaupt nichts mehr zur Sache, wirkten schon nach wenigen Minuten egal.

Bettina Kerl und Tim Breyvogel zusammen allein auf dem "Monte Rosa".
Foto: Alexi Pelekanos

Indes hatte man sich, obwohl Breyvogel nicht vollends zufrieden mit Kerls Physis war darüber geeinigt, den weiteren Aufstieg zusammen zu bestreiten. Doch gerade als sich zwischen Kerl und Breyvogel etwas wie die Spur eine Annäherung abzeichnete, betrat Kelz die Bühne und neutralisierte durch seinen noch fitteren Körper und sein noch geringeres Alter sofort die zaghafte Perspektive von Nähe, die sich gerade zwischen A und B entwickeln wollte.

"There is always something better around the corner!"

Vergleiche mit der Welt von Instagram, von Tinder und Co drängten sich geradezu auf. Orte, wo sich der Erfolgsgrad der Selbstoptimierung in einem Nutzerprofil kulminiert zuverlässig ermitteln lässt. Orte, an denen es nur so wimmelt von Yoga-, Surf-, Gym,- und eben Bergsteigerbildern. Wo fit, hübsch und fröhlich die Sellingpoints sind. Sind meine Fotos gut genug? Sollte ich meine Körpergröße angeben, meinen Beruf, meine Position? Sollte ich mit meinem Alter runtergehen, um die zu kriegen, die ich will? Ich schau ja eh mindestens sechs Jahre jünger aus als ich bin – Schwein gehabt! Optisch getriggerte Mikro-Verliebtheiten, in die man sich stürzen will, doch vor denen man sich besser in Acht nimmt. In ihrem digital-ephemeren Schwindel verdampfen sie so schnell, wie sie aufgetaucht sind. Hier werden Hoffnungen so rasch faschiert, wie sie geweckt wurden. Warum schreibt sie plötzlich nicht mehr zurück? Wo ist der Dialog hin? Hat er sich etwa abgemeldet? Tollwütig taumelt die Eitelkeit auf tönernen Füßchen vorwärts durch den digitalen Dunst. Die Menschen sind hier zwar (fast) alle echt, doch das Medium und seine unendlichen Möglichkeiten macht sie alle künstlich. Es zerlegt sie wie ein Schlachter in Zähne, Wangen, Augen, Bäuche, Busen, Pos, Rücken und mehr. Aus diesen Bestandteilen wird der Wert des digitalen Gegenübers in Sekunden errechnet. Zur Krönung der User-Experience kommen dann noch Likes von Leuten, die auf die eigene Eitelkeit wirken wie eine Watsche. Da ist doch mehr drin – cool bleiben. Auf Doplers "Monte Rosa" weht ein ähnlich schneidender Wind.

Zurück am Berg: Teenager Kelz (C) hat Bettina Kerl (A) ob seiner etwas besseren Fitness und seines etwas jüngeren Alters längst für sich eingenommen. Breyvogel (B) gibt sich overruled unterdessen im Hintergrund wieder seinen Dehnübungen hin, um beim nächsten Mal besser auszusteigen. Es stellt sich heraus, dass der Teenager ursprünglich nicht allein unterwegs war. Ein Südtiroler wurde erwähnt, der nun nicht mehr dabei ist. Sein Name "Südtiroler" mischt sich unter die krachenden Einspieler des Steinschlages, der ihn unter sich begrub. Alles Negative – wie der Tod des Südtirolers – wird verdrängt und vergessen; ist Ballast auf dem Weg nach Oben. "So etwas wirft mich nicht aus der Bahn!", sagte der Teenager über den Verlust seines Kletterkameraden.

Ein anderes Leben? Absurd

Auffällig ist auch, dass die Bergsteiger in "Monte Rosa" kein Leben jenseits der Berge (mehr?) zu kennen scheinen. Sie haben keine andere Herkunft als die Berge, keinen anderen Beruf als Bergsteiger, sie haben nicht einmal Namen. "Sie sind in den Bergen unterwegs seit sie sich erinnern können.", so Dopler über die Figuren in ihrem Stück. Figuren, die wie unerlöste Gespenster für immer an diesen Ort, diese Berge, gebunden sind. Es gibt keinen Ausweg – sie sind immer hier unterwegs. Unterwegs – ein harmlos-heiteres Wörtchen, dass im Stücktext auffallend oft vorkommt. Als der Dunst sich verzogen hat und die Akteure am Firmament schemenhaft das Meer und die Küste erahnen können, tauchte kurz die Möglichkeit eines anderen Lebens auf. Ein Ausweg? Absurd! "Ein Bergsteiger an der Küste, das wäre doch sehr eigenartig", sagte Breyvogel. "Ich wüsste auch nicht, wie man dort hinkommen sollte", erwiderte Kerl. Damit war das Thema erledigt. Für sie geht es immer nur weiter, weiter nach oben. Wer oder was dabei dienlich ist, ist gut. Alles andere wird vergessen und verdrängt.

In seinem Buch "Vom Verschwinden der Rituale" schreibt der koreanisch-deutsche Philosoph gewohnt pointiert: "Das Wir zerfällt heute zu Egos, die sich als Unternehmer ihrer selbst freiwillig ausbeuten. Das für sich isolierte Leistungssubjekt beutet sich selbst am effektivsten aus, wenn es sich für alles offen hält, wenn es eben flexibel ist." Darin stecken weitere Entsprechung des Narzissmus-betriebenen, digitalen Selbstvermarktungsraumes, in dem sich auch bis zuletzt alles offengehalten werden muss. Ein elektronischer Raum, der all die Vergessenden, die in ihm unterwegs sind, allerdings niemals vergisst, niemals sterben lässt. Und so geistern auch Doplers Bergsteiger immerfort auf der Suche nach dem frischeren Partner, der stärkeren Seilschaft, der besseren Möglichkeit auf dem Weg nach oben durch die dunstigen Clouds des Monte Rosa, in die sie für immer hochgeladen sind. (Alexander Keppel, 27.5.2021)