Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg und Bundeskanzler Kreisky in den 1970er-Jahren im Theater. Ihre Bemühungen, das Image der Wissenschaft zu heben, hatten nur bedingt Erfolg.

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Zu den Jubiläen, die wegen der Corona-Pandemie 2020 eher ungefeiert blieben, zählte die Gründung des Wissenschaftsministeriums vor genau einem halben Jahrhundert. Die Regierung unter Bundeskanzler Bruno Kreisky richtete 1970 erstmals ein eigenes Ministerium für Wissenschaft und Forschung ein. Damit sollte diesem Bereich, in dem Österreich damals im internationalen Vergleich großen Nachholbedarf hatte, besondere Bedeutung verliehen werden.

Erste Ressortministerin wurde die promovierte Historikerin Hertha Firnberg (SPÖ), die dieses Amt 13 Jahre lang bekleiden sollte und mit dem Universitätsorganisationsgesetz 1975 die verkrustete Ordinarienuniversität etwas aufbrach. Heute ist das Wissenschaftsministerium wieder mit dem Unterrichtsressort vereint, und womöglich hat auch das dazu beigetragen, dass dieses Jubiläum, dem immerhin ein von Maria Wirth (Institut für Zeitgeschichte der Uni Wien) und Thomas König (Institut für Höhere Studien Wien) organisierter Workshop am 21. Mai gewidmet war, etwas unterbelichtet blieb.

Zwei fünfzigste Jubiläen

Doch auch 2021 gibt es zwei runde Geburtstage, die unmittelbar mit Hertha Firnberg und ihrem Ministerium zu tun haben: Vor 50 Jahren wurde unter tatkräftiger Mithilfe Firnbergs der bis heute bestehende Klub der Bildungs- und WissenschaftsjournalistInnen ins Leben gerufen. Und die Wissenschaftsministerin war es auch, die 1971 erstmals den Staatspreis für Wissenschaftspublizistik verlieh, der zuletzt 2020 an Peter Illetschko ging, Wissenschaftsressortleiter im STANDARD.

Diese beiden Neugründungen hatten ein eindeutiges Ziel: Wissenschaft sollte in Österreich nicht nur durch forschungspolitische Maßnahmen gestärkt werden. Es ging auch darum, ihre Bedeutung einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln. Zwar hatte es in Österreich rund um 1900 etliche international vorbildliche Initiativen wie die volkstümlichen Universitätsvorträge (ab 1895) oder die Errichtung der ersten Volkshochschule (1905) gegeben.

Doch ab den 1920er-Jahren wurden diese als links und liberal geltenden Popularisierungsaktivitäten mehr und mehr zurückgedrängt, die sich mit dem tendenziell wissenschaftsfeindlichen Katholizismus als "Staatsreligion" nach 1933/34 und nach 1945 schlecht vertrugen.

"Cheerleader" der Wissenschaft

Die Rolle, die den unter Firnberg geförderten Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten dabei zukam, war freilich auf die der "Cheerleader" beschränkt, also der Bejubler der Wissenschaft. So hieß es in der Ausschreibung für den Staatspreis konkret, dass damit Beiträge ausgezeichnet werden sollten, die "der Wissenschaft und Forschung in Österreich dienstbar (sic!, die Red.) sind und in der Bevölkerung das Interesse und Verständnis für alle Belange der Wissenschaft und Forschung wecken und vertiefen helfen". Ähnlich lauteten bis vor wenigen Jahren die Satzungen des Klubs der Bildungs- und WissenschaftsjournalistInnen.

Dass dieses Selbstverständnis kontraproduktiv ist, zeigte sich kurze Zeit später in der heute längst vergessenen Affäre Schaden: Der österreichische Mikrobiologe Herbert Schaden behauptete 1973, Bakterien gezüchtet zu haben, die Plastik in Humus verwandeln können. In etlichen Medien war von der Erfindung des Jahrhunderts zu lesen, die sich letztlich als peinlicher Bluff herausstellte. Der wäre womöglich früher zu durchschauen gewesen, hätten sich die Wissenschaftsjournalisten damals auch als "Watchdogs" verstanden.

Keine Stellen für Uni-PR

Ambivalenter war Hertha Firnberg in Sachen Wissenschafts-PR eingestellt. Sah der Entwurf zum Universitätsorganisationsgesetz (UOG) 1971 noch die Einrichtung von "Außeninstituten" an den Unis für die Öffentlichkeitsarbeit vor, wurde der Passus im nächsten Entwurf gestrichen. Und das UOG 1975 untersagte dann, dass Planstellen für PR an den Unis verwendet werden dürfen.

Warum Firnberg der Uni-PR, der heute eine wichtige Rolle in der Wissenschaftskommunikation zukommt, damals misstraute, ist schwer zu rekonstruieren. Vermutlich spielte auch die Befürchtung eine Rolle, dass diese Einrichtungen dafür genützt werden könnten, gegen das insbesondere bei der Professorenschaft verhasste Ministerium und gegen seine Chefin Stimmung zu machen.

Geringes Forschungsbewusstsein

Dennoch gab es in den 1970er-Jahren mehrere universitäre Initiativen, Wissenschaft an eine breitere Öffentlichkeit zu vermitteln. Zudem fand sozialwissenschaftliche Begleitforschung statt. Eine Studie des Instituts für empirische Sozialforschung (Ifes) zum Thema "Forschung – wos brauch ma des?" ermittelte 1972 "ein in der Bevölkerung wenig ausgeprägtes und strukturiertes Forschungsbewusstsein". Nur vier Jahre später fand eine weitere Ifes-Untersuchung heraus, dass für 80 Prozent der Österreicher "Forschung und Wissenschaft für alle Lebensbereiche von größter Bedeutung" waren.

Firnberg selbst bilanzierte 1982 kurz vor ihrem Ausscheiden aus der Regierung dennoch durchaus selbstkritisch in einem Interview mit der "Arbeiter-Zeitung": Es sei nicht gelungen, "die alte österreichische Tradition, dass Kunst und Kultur Vorrang vor Wissenschaft und Forschung haben, zu ändern. Eine Wende im Denken der Öffentlichkeit hier zu erreichen, wäre das Ziel."

Initiativen mit wenig Wirkung

Seitdem gab es zwar etliche einschlägige Initiativen: So wurden in Österreich etwa 1989 die Außeninstitute an den Unis offiziell eingerichtet, seit den 1990ern veranstaltete man etliche Lange Nächte der Forschung, es gab die Aktion "Innovatives Österreich", und es kam zu diversen Medienkooperationen. Die Wirkungen hielten sich allerdings in Grenzen.

Noch in den 2010er-Jahren zeigten diverse Eurobarometerumfragen, dass die Wertschätzung für Wissenschaft in Österreich im Vergleich mit anderen EU-Ländern nach wie vor besonders gering ist, mitunter schaffen wir in der Kategorie sogar den Europameistertitel.

Wie sieht es aktuell aus, 50 Jahre nach den beiden Innovationen in der Wissenschaftskommunikation? Nicht allzu viel besser: Ein Rechnungshofbericht 2018 kam zum Schluss, dass zwar relativ viel Geld von gleich drei Ministerien für Forschungs- und Wissenschaftskommunikation ausgegeben wird, nämlich 61,84 Mio. Euro von 2013 bis 2017. Die Mittelvergabe könnte aber besser koordiniert sein, und hinsichtlich der Wirkung bräuchte es mehr Qualitätskontrolle.

Defizite in der Wissnschaftskommunikation

50 Jahre nach den beiden Initiativen wird zwar nun etwa das erfolgreiche Programm "Sparkling Science" wiederaufgelegt, das Kinder für Wissenschaft begeistern soll. Doch es gibt nach wie vor in vielen Bereichen Luft nach oben: Es fehlt – etwa im Vergleich zu Deutschland und der Schweiz – sowohl an politischem Problembewusstsein wie an Konzepten. Auch in den Leistungsvereinbarungen zwischen dem Ministerium und den Unis (hier beispielhaft die der Uni Wien) spielt Wissenschaftskommunikation nach wie vor eine nur marginale Rolle. Zudem mangelt es an Forschung zum Thema und an einschlägigen Weiterbildungsangeboten sowohl für Journalisten wie auch Wissenschafterinnen.

Das Ziel, "eine Wende im Denken der Öffentlichkeit zu erreichen", ist also auch noch fast 40 Jahre nach der Ära Firnberg aktuell. (Klaus Taschwer, 31.5.2021)