Bernhard Söllradl, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Klassische Philologie, Mittel- und Neulatein der Universität Wien, schreibt in seinem Gastkommentar über Sparmaßnahmen im Uni-Bereich – und warum die Debatte in den USA über die Altertumsforschung falsch läuft.

Muss und soll man sich mit Seneca noch beschäftigen? Nicht nur der Spardruck bringt gewisse Fächer an Universitäten in Erklärungsnot.
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In der US-amerikanischen Hochschullandschaft kommt der Howard University in Washington, D.C., ein Alleinstellungsmerkmal zu: Als einzige "Historically Black University" (HBU) verfügt sie über ein Department of Classics, also ein Institut für Altertumswissenschaften, eröffnet im Jahr 1867, im Gründungsjahr der Universität. Nun soll dieses traditionsreiche Institut aber im Zuge von, wie es heißt, "Priorisierungsmaßnahmen" geschlossen werden.

Wie sich den öffentlichen Stellungnahmen des Provosts Anthony K. Wutoh – zuletzt beim Fernsehsender MSNBC – entnehmen lässt, meint der vage Begriff eine stärkere Ausrichtung an den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts: weniger Bildung, mehr Ausbildung. Es gelte außerdem, die mehrheitlich afroamerikanischen Studentinnen und Studenten auf eine Welt vorzubereiten, in der unverhältnismäßige Polizeigewalt zum Tod eines George Floyd führte. Was nütze da die Beschäftigung mit Plutarch oder Seneca? Mit solchen Aussagen impliziert Wutoh seine Zustimmung zu den altbekannten Vorwürfen gegen das Fach: Die Beschäftigung mit den alten Denkern und Schriftstellern biete heutzutage keine Orientierung mehr, sei unbrauchbar und allerhöchstens schmückendes Beiwerk.

Durchsichtige Rhetorik

Doch hinter der durchsichtigen Rhetorik von der vermeintlich nutzlosen Beschäftigung mit antiken Texten verbirgt sich ein wesentlich größeres Problem: Einsparungen und Schließungen betreffen längst nicht nur altertumswissenschaftliche Institute, sondern ziehen sich quer durch alle geisteswissenschaftlichen Fächer. Die fortschreitende Ökonomisierung an nordamerikanischen und europäischen Universitäten hat zur Folge, dass sich in Bereichen, die sich weder Standardisieren noch quantifizieren lassen, marktwirtschaftliches Denken durchsetzt. So kommt es, dass die Forschungsarbeit etwa der Geschichtswissenschaft, Philologie oder Archäologie in Budgetverhandlungen an unpassenden Kategorien gemessen und in der Folge leicht für nicht ausreichend profitabel erklärt werden kann.

Indes drohen die verfehlten Sparmaßnahmen langfristig darauf hinauszulaufen, dass die Vermittlung höherer Bildung zum Privileg weniger Eliteschulen und Eliteuniversitäten wird. Sozioökonomisch schlechtergestellten Gruppen wird die "unnütze" Beschäftigung mit Literatur, Philosophie oder Musik – und damit die Aneignung kulturellen Kapitals – hingegen vorenthalten. Während die einen punktgenau auf den Arbeitsmarkt vorbereitet (und nicht an diesem "vorbeiproduziert") werden, stehen den anderen alle Bildungschancen und Karrierewege offen – schöne neue Welt.

"Eine Bastion weißer alter Männer."

Beim Entschluss, das Department of Classics aufzulösen, dürften jedoch nicht nur finanzielle Erwägungen eine Rolle gespielt haben. Dass die angekündigten "Priorisierungsmaßnahmen" ausgerechnet die Altertumswissenschaften treffen, hat wohl auch mit den Vorwürfen zu tun, die etwa der Princeton-Professor Dan-el Pedilla Peralta seit geraumer Zeit gegen sein eigenes Fach erhebt: Die Altertumswissenschaften seien eine Bastion weißer alter Männer, die (aus Desinteresse oder aufgrund stillschweigender Zustimmung) ihr Fach nur unzureichend vor politischer Vereinnahmung durch White Supremacists schützen würden. Darüber hinaus fehle es den Forscherinnen und Forschern ohne eigene Diskriminierungserfahrungen an der Fähigkeit, imperialistische, xenophobe oder misogyne Narrative in antiken Texten richtig beurteilen und kontextualisieren zu können. Solche Vorwürfe gegen das Fach dürften der Administration der Howard University die Auflösung des Instituts nicht gerade erschwert haben.

In Europa haben derartige Vorstöße der Cancel-Culture die altertumswissenschaftlichen Institute bislang nicht erreicht. Das US-amerikanische Beispiel lässt hoffen, dass dem auch so bleiben wird. Denn die oben beschriebenen Angriffe auf das Fach scheinen vermeintliche und reale Probleme nicht zu beheben, sondern noch zu vergrößern: Die Entscheidung der Howard University schließt ihre mehrheitlich afroamerikanische Studentenschaft von der Teilnahme am altertumswissenschaftlichen Diskurs und einer entsprechenden wissenschaftlichen Laufbahn aus.

Verlust an Diversität

Eine Forscherin wie Anika T. Prather, die sich (in Anschluss an Professor Frank M. Snowden Jr.) mit den Mechanismen der politischen Indienstnahme der klassischen Tradition auseinandersetzt, ist gezwungen, ihre Forschungsarbeit an der Howard University mit Ende des laufenden Semesters einzustellen. Für die Disziplin bedeutet die Auflösung des Departments of Classics einen Verlust an Diversität.

Das Studium der Antike ermöglicht eine Verankerung des eigenen Standpunkts und stiftet Orientierung. Als allgemeinbildendes Fach sollten die Altertumswissenschaften auch einer möglichst breiten Allgemeinheit zugänglich gemacht werden. Die aktuellen Entwicklungen deuten aber bedauerlicherweise darauf hin, dass zusehends sozioökonomische und ethnische Faktoren darüber entscheiden, wem die Beschäftigung mit den alten Griechen und Römern ermöglicht wird – und wer von dieser ausgeschlossen wird. (Bernhard Söllradl, 27.5.2021)