Alexander Herzog, Generalsekretär des Pharmaverbands Pharmig, geht in seinem Gastkommentar auf die Kritik ein, private Pharma-Unternehmen würden von der Arbeit öffentlicher Einrichtungen einseitig profitieren.

Private Forschung versus öffentliche Institutionen: Wer profitiert mehr? Oder profitieren beide gleich?
Foto: imago images/Agencia EFE

Beim Fingerhakeln messen sich zwei mit ihrer Muskelkraft. Wird am Biertisch eing’hakelt, heißt’s, den anderen über den Tisch zu ziehen. Sitzen, bildlich gesprochen, private Pharmaunternehmen auf der einen Seite des Tisches und ziehen sie die öffentlichen akademischen Forschungseinrichtungen über den Tisch, wie etwa Claudia Wild an dieser Stelle geschrieben hat ("Der Mythos von der innovativen Pharmabranche")? Luchsen die einen den anderen ihre vielversprechenden Erkenntnisse listig ab und machen damit ordentlich Reibach? Und das gerade jetzt, mit Covid-19-Impfungen?

Nach nicht einmal zwölf Monaten war die erste Covid-19-Impfung auf dem Markt. Und zwar aufgrund einer unglaublichen Zusammenarbeit und auch deshalb, weil auf jahrelanger Technologieforschung aufgebaut werden konnte. Aber genau das ist ja ein perfekter Beweis dafür, wie Grundlagen- und angewandte Forschung zusammenspielen. Davon profitiert jeder Einzelne von uns. Ob persönlich durch eine Impfung oder hoffentlich schon bald auch indirekt durch die Herdenimmunität.

Kein Ausverkauf

Stehen also auf der einen Seite selbstlose, gutgläubige Forschende und auf der anderen wortgewandte Privatiers, die den Nichtsahnenden ihre wertvollen Erkenntnisse weit unter Wert abkaufen? Oder sind es nicht vielmehr gleichwertige Partner, die einander befruchten? Und sind nicht auch immer häufiger Forschende auf beiden Seiten zu finden? Weil sie nämlich das Potenzial ihrer Anstrengungen erkennen und selbst davon profitieren wollen. Das ist ihr gutes Recht. Forschende gründen selbst Unternehmen, um Grundlagen- in angewandtes Wissen zu überführen, es weiterzuentwickeln und schließlich, mit erheblichem finanziellem Risiko, die Früchte ihres Tuns zu vermarkten.

Ich sehe hier keine Konkurrenz, keinen Ausverkauf, sondern vielmehr ein befruchtendes Miteinander, und zwar aus vielerlei Gründen: Ein großes Marktwissen, das im privaten Sektor vorhanden ist, kann der öffentlichen Grundlagenforschung aufzeigen, wo es im Gesundheitssektor einen Bedarf und eine hohe Dringlichkeit gibt.

Unternehmen, die mit Forschungsinstitutionen an klinischen Prüfungen arbeiten, bezahlen diese Institutionen für ihren Zeit- und Personalaufwand und für die zur Verfügung gestellte Infrastruktur. Sie stellen auch die Prüfmedikation bereit. Diese muss also nicht von der Sozialversicherung – und damit von unser aller Beiträgen – bezahlt werden. Das an der Studie beteiligte Personal gewinnt an Know-how, das wiederum die Patientenversorgung verbessert. Die Studienteilnehmenden selbst profitieren im Krankheitsfall von früh verfügbaren, innovativen Medikamenten. Frühe Behandlung verringert wiederum Arbeitsausfälle.

Verbesserter Technologietransfer

Die Investitionen der pharmazeutischen Industrie in große klinische Studien in Krankenhäusern und klinischen Zentren ermöglichen einen verbesserten Technologietransfer auch nach Beendigung der klinischen Studien. Damit sichern sie eine zusätzliche Finanzierungsquelle für die Grundlagenforschung.

Die öffentliche Grundlagenforschung gewinnt an Sichtbarkeit und wissenschaftlicher Bedeutung, weil sie an industriellen Forschungsprojekten beteiligt ist. Da treffen sich also zwei gleichwertige Partner. Wenn sie sich einhakeln, dann nicht, damit der eine den anderen über den Tisch zieht. Nein, sondern damit sie ihre jeweiligen Stärken mithilfe des anderen ausbauen. So funktioniert Forschung und Entwicklung, zum Wohle von uns allen! (Alexander Herzog, 26.5.2021)