Deutsche Forscher haben eine neue Erklärung dafür, warum Vektorimpfstoffe in extrem seltenen Fällen zu Thrombosen führen können.

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Es ging letztlich sehr rasch und zeigt, wie gut die Überprüfung und Aufklärung der Impfnebenwirkungen organisiert ist. Bereits im März wurde klar, dass Vaxzevria, der Impfstoff von Astra Zeneca, in extrem seltenen Fällen – etwa in der Häufigkeit 1 zu 100.000 – zu Blutgerinnseln führen kann, die mit einem auffälligen Mangel an Blutplättchen verbunden sind. Mittlerweile hat diese Nebenwirkung auch einen offiziellen Namen, nämlich Thrombose mit Thrombozytopenie- Syndrom (TTS).

Aufgrund dieser bald auch von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) bestätigten Nebenwirkung änderten viele Länder ihre Impfpläne. Als wenig später auch beim Impfstoff von Janssen (besser geläufig unter Johnson & Johnson) ähnliche Nebenwirkungen – nur noch einmal etwa um den Faktor zehn seltener – auftraten, geriet der sogenannte Vektor der Impfstoffe in den Fokus.

Umweg über den Zellkern

Die beiden Vakzine verwenden im Gegensatz zu den mRNA-Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna Adenoviren, also harmlose Erreger von Schnupfen, um den eigentlichen Impfstoff in die Zellen zu transportieren. In dem Fall ist das nicht die mRNA des sogenannten Spike-Proteins, sondern die DNA davon. Was bedeutet, dass die DNA den Umweg über den Zellkern nehmen muss, wo sie in mRNA übersetzt wird, ehe diese im Zellplasma "ausgelesen" wird und für die Immunreaktion sorgt.

Wie nun Forscher um Rolf Marschalek (Goethe-Universität in Frankfurt/Main) in einer neuen, noch nicht fachbegutachteten Studie (also einem Preprint) behaupten, kommt es im Zellkern zu seltenen Aufspaltungen oder Aufspleißungen der mRNA des Spike-Proteins. Dadurch entstünden mutierte Proteinversionen, die dann von den Zellen in den Körper abgegeben werden und in extrem seltenen Fällen TTS auslösen könnten. Marschalek geht im Gespräch mit der Zeitung "Financial Times" davon aus, dass sich dieses Problem durch eine veränderte Zusammensetzung der DNA des Spike-Proteins im Impfstoff vermeiden ließe.

Interesse, aber auch Skepsis

Johnson & Johnson hat an diesen neuen Forschungen bereits Interesse gezeigt, Astra Zeneca hat nach Angaben der "Financial Times" noch nicht auf die neue Hypothese reagiert, die von Fachkollegen noch nicht allgemein anerkannt ist. So etwa meinte Transfusionsmediziner Johannes Oldenburg (Uni Bonn), dass Belege für die Kausalkette vom ungewollten Spleiß des Spike-Proteins zum Thrombosegeschehen noch fehlen würden, die erst noch durch Daten geliefert werden müsste.

Es gibt aber noch einen zweiten Preprint, der allerdings bereits Anfang Mai erschien und in der Frage der Nebenwirkungen zumindest theoretisch von Interesse sein könnte: Ein Team um Lea Krutzke (Universität Ulm) hat Proben aus drei Chargen des Astra-Zeneca-Impfstoffs näher auf ihre Inhaltsstoffe untersucht. Das Ergebnis der aufwendigen Analysen: Im Impfstoff fanden sich deutlich mehr Proteine, als allein durch das Trägervirus und bekannte Zusätze zu erwarten wären.

Verunreinigung durch Proteine

Doch um welche Proteine handelte es sich? Um das herauszufinden, führte das Forschungsteam weitere Analysen unter anderem mittels Massenspektrometrie durch. Es zeigte sich: Das Vakzin enthält mehr als 1.000 Proteine und Proteinfragmente. Je nach Charge waren ein Drittel bis die Hälfte dieser Proteine viralen Ursprungs, bis zu zwei Drittel aber stammten von menschlichen Zellen. Die Forscher vermuten, dass die überschüssigen viralen Proteine wahrscheinlich von Vorstufen der Adenoviren stammen, die bei der Vermehrung der Vektorviren in Zellkulturen entstehen.

Diese Protein-Verunreinigungen könnten unerwünschte Auswirkungen haben, vermuten die Forschenden: Sie könnten die Immunantwort und damit den Schutz der Impfung mindern, aber auch möglicherweise die Nebenwirkungen verstärken. Und bei einigen der zusätzlich gefundenen Proteinen – sogenannten Hitzeschockproteinen – sei nicht auszuschließen, dass sie für die TTS verantwortlich sind.

Der Virologe Alexander Kekulé hingegen denkt nicht, dass die Hirnthrombosen auf die Verunreinigungen zurückzuführen seien. "Bloß weil es verunreinigt ist, heißt das nicht, dass was Schädliches drinnen ist", sagte Kekulé in seinem Corona-Podcast. Er hält es aber für ärgerlich, dass die EMA das Problem bei der Zulassungsprüfung nicht bemerkt habe. Seiner Ansicht nach hätte der Impfstoff keine Zulassung bekommen, wenn die Verunreinigungen bekannt gewesen wären.

Auch Arterien betroffen

Ist man dem konkreten Auslöser der Thrombosen durch die beiden neuen Studien womöglich näher gekommen, so gibt es auch neue Aufschlüsse über die Blutgerinnsel selbst. Britische Forscher berichten, dass das Vakzin nicht nur in den Hirn- und Bauchvenen zu Thrombosen führen könnte, sondern in noch selteneren Fällen auch in Hirnarterien, also jenen Adern, die Blut zuführen. Die neue Untersuchung im "Journal of Neurology Neurosurgery & Psychiatry" stellt erstmals drei sogenannte Ischämische Schlaganfälle (also Hirninfarkte, die häufigste Form von Schlaganfällen) in Zusammenhang mit einer Vaxzevria-Impfung.

Zur Veranschaulichung der Relationen und Häufigkeiten: Bisher wurden rund 33 Millionen Dosen des Vakzins allein in Großbritannien verimpft, 309 Meldungen von Thrombosen wurden registriert. (Klaus Taschwer, APA, 27.5.2021)