Neun Stunden verbringen die Schüler der Deutschförderklassen normalerweise in ihrer "Stammklasse" – seit Corona dürfen Klassen aber nicht mehr durchmischt werden.

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Im Frühjahr 2021 machte der zwölfjährige Fathi aus Syrien große Sprünge: Erst seit kurzem in Österreich, fing er an zu reden, begann Sätze zu bilden, fühlte sich wohl im Klassenverband – nicht nur, aber auch weil er der deutschen Sprache immer mächtiger wurde. Der Dämpfer ließ nicht lange auf sich warten, als rund um Ostern die hochschnellenden Corona-Infektionen den Schulbetrieb wieder gänzlich lahmlegten – und Fathi raus aus der Klasse und zurück in sein nichtdeutsches Sprachumfeld warfen. Groß war deshalb die Erleichterung bei seiner Deutschförderklasse und der Lehrerin, als sie nach drei Wochen Distance-Learning zurück in ihr Klassenzimmer kehrten. Bloß: Fathi fand plötzlich keine Worte mehr auf Deutsch. "Es ist zum Verzweifeln", sagt seine Lehrerin Melanie G*.

Diese Verzweiflung können Österreichs Lehrerinnen und Lehrer in diesem Schuljahr mit der Favoritner NMS-Lehrerin vermutlich teilen: Distance-Learning, Schichtbetrieb, fehlende oder brüchige Internetverbindungen, Schule auf, Schule zu – die etlichen Monate zehrten an den Schülerinnen und Schülern und deren Lernerfolgen. Das erkannte auch Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP), der die gesamte Lehrerschaft dazu aufrief, Milde in der Beurteilung walten zu lassen. Auch die mündliche Matura wird heuer nur in reduzierter Form stattfinden, Schularbeiten oder Tests wurden teils ausgesetzt. Diese Rücksichtnahme hätte die Deutschlehrerin Melanie G. auch bei ihrer Deutschförderklasse erwartet.

"Außerordentliche" Schüler

Ihre Schülerinnen und Schüler, das sind 15 Kinder im Alter zwischen zehn und 15 Jahren aus Ländern wie Bulgarien, Syrien oder dem Irak. Für sie ist Österreich erst seit kurzem die neue Heimat. Was sie eint: Sie besuchen sogenannte Deutschförderklassen. Das sind separate Klassen in Volksschulen oder Neuen Mittelschulen, in denen sie 15 oder 20 Stunden pro Woche gemeinsam Deutsch lernen. Die wenigen Stunden, die sie in der "Stammklasse" – also der Regelklasse in Fächern wie Zeichnen oder Turnen – verbringen, sind in diesem Schuljahr pandemiebedingt ausgefallen.

Zwei Jahre lang haben die Förderschülerinnen und -schüler den Status "außerordentlich". Ob sie aber nach einem, zwei, drei oder vier Semestern aus der Deutschförderklasse heraus und vollständig hinein in die Regelklasse kommen, hängt von einem Faktor ab: dem Bestehen der sogenannten "Mika-D-Testung". Diese verpflichtende Prüfung soll den "Sprachstand" feststellen, also ob Kinder genügend Deutsch verstehen, um dem Regelunterricht folgen zu können.

Powerpoint bis in die Nacht

Das Messinstrument Mika-D macht derzeit nicht nur das Leben von Melanie G., sondern auch das ihrer Schüler schwer: "Es ist so ein psychischer Stress für die Kinder", sagt sie. Ein Drittel von ihnen hatte während des letzten Lockdowns kein funktionierendes Internet oder keinen Laptop – von Problemen wie beengten Wohnverhältnissen oder ihrer Fluchtgeschichte abgesehen. Diese Kinder zitierte sie in die Betreuungsstunden in der Schule vor Ort. "An den meisten Tagen saß ich bis Mitternacht vor Powerpointfolien", schildert Melanie G., die mit allen Mitteln versuchte, die trockenen Lernblätter mit Fotos und Bildern didaktisch aufzupeppen. Der Gedanke, dass ihre Schülerinnen mehrere Jahre ihrer Schullaufbahn verlieren könnten und die Schule in Folge abbrechen, schwirrte immer im Hinterkopf.

Ihr vorzeitiges Resümee: "Es war ein verlorenes Jahr." Fortschritte konnten keine gemacht werden. Dass diese Kinder aber nun den Preis dafür zahlen müssen, sieht die 27-Jährige nicht ein.

Wochenlanges Distance-Learning und die Isolierung von anderen deutschsprachigen Kindern hat Spuren bei den Schülerinnen und Schülern der Deutschförderklassen hinterlassen.
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Aufgeschobene Testung

Wurde auf die erschwerten Umstände für Schüler der Deutschförderklassen keine Rücksicht genommen? Welche Milde gibt es für sie? "Das Ministerium hat eine zeitliche Flexibilisierung ermöglicht", heißt es dazu aus dem Bildungsministerium. Das bedeutet, der Mika-D-Test könne entweder vor dem Sommer oder nach den Sommerferien absolviert werden – je nach Lernfortschritt der Kinder.

Eine Vorbereitung, so Debora Knob vom Bildungsministerium, könne etwa die Sommerschule bieten. Das kostenlose und freiwillige Angebot richtete sich vergangenes Jahr erstmalig an Kinder mit "Aufholbedarf" – in Summe haben sie rund 24.000 Schüler besucht. "Dort werden die Kinder in Deutsch oder Mathematik gefördert, in den Volksschulen auch in Sachunterricht." Größere Zugeständnisse könnten für die Förderklassen nicht gemacht werden. Schließlich hätten die Kinder nichts davon, wenn sie im Mathe- oder Biologieunterricht nichts verstehen.

Zudem seien im Zuge eines 200-Millionen-Euro-Förderpakets für Österreichs Schulen zusätzlich zwei Förderstunden pro Woche und Klasse angeboten worden. An der Mika-D-Testung hält das Bildungsministerium fest: Letztlich müsse man ja beurteilen können, ob ein Kind im Regelunterricht folgen können wird.

Keine Berührungsfläche

Allerdings: Wie gut ein Kind Deutsch verstehe, könne gar nicht mit dem Mika-D-Test bewertet werden, wendet etwa Bildungswissenschafterin Susanne Schwab von der Universität Wien ein. "Es fehlt an ausreichend wissenschaftlichen Belegen, dass Mika-D ein geeignetes Verfahren ist, um so weitreichende Entscheidungen für Bildungslaufbahnen von Schüler*innen zu treffen." Zudem seien viele Lehrkräfte, die dieses Instrument anwenden, selbst nicht von dessen Qualität überzeugt.

Aber die Kritik umfasst auch die Deutschförderklassen als Ganzes: Einige Wiener Direktorinnen boykottieren die Deutschförderklassen in Form einer nur auf dem Papier existierenden Scheinklasse, wie DER STANDARD im März berichtete. Eine Petition mit rund 12.000 Unterstützerinnen, darunter mehr als 2.500 Lehrkräften, fordert die generelle Abschaffung der Deutschförderklassen.

Die Pandemie befeuert die Argumente der Kritiker der 2018 unter Türkis-Blau eingeführten Deutschförderklassen: Eines der größten Probleme an den Klassen sei, dass die isolierten Kinder zu wenig Kontakt zu deutschsprachigen Mitschülern hätten. Gerade in der Interaktion mit diesen – darauf weist auch Bildungswissenschafterin Schwab hin – könne Sprache spielerisch erlernt werden. Die wöchentlichen acht Stunden Unterricht in der Regelklasse würden nicht ausreichen. Und seit Corona schon gar nicht, weil da eine Durchmischung der Klassen vermieden wurde. Das schulische Leben der Kinder mit Migrationsgeschichte war also gänzlich auf die Deutschförderstunden reduziert. Und dies ist – auch jetzt trotz Schulöffnungen – immer noch so.

Wie sich das auf die Eigenwahrnehmung der Kinder auswirkt, schildert die NMS-Lehrerin Maria Lodjn: "Sie spüren, dass sie defizitär sind." Gerade in diesem Jahr hätte man die Kinder in die Regelklasse geben können – da es ohnehin wegen des Schichtbetriebs kleinere Gruppen gab. "Da hätten sie ihr Sprachbad gehabt und effizient gefördert werden können", zeigt sich Lodjn verärgert. "Wieso hat man die Deutschförderklassen und Mika-D-Testung nicht auf Eis gelegt?" Ihre Kollegin Melanie G. sieht das ähnlich: "Es gibt nichts Besseres, als in die Regelklasse zu kommen, nur dann sind sie nicht mehr segregiert und werden als die Dummen abgestempelt."

Bildungsexpertinnen und Lehrerinnen fordern seit langem ein Ende der Deutschförderklassen. Ihr Ziel: gemeinsamer Unterricht mit umfangreicher (Deutsch-)Förderung
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Zweierlei Maß

Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP), der vergangene Woche die Petition für die Abschaffung der Deutschförderklassen entgegennahm, sieht dies anders: In der Fragerunde im Nationalrat im Mai wies er auf den Erfolg der Deutschförderklassen hin, ein Drittel habe nach dem Wintersemester 2020/21 "trotz Pandemie" den Einstieg in die Regelklasse geschafft.

"Vergleicht man den Erfolg der Kinder in den Deutschförderklassen mit einer Regelklasse, wäre das Ergebnis erschreckend, wenn nur ein Drittel das Semester positiv abschließen", zeigt sich Susanne Schwab über die Zahleninterpretation des Bildungsministers erstaunt. Eine Evaluierung der Deutschförderklassen findet aktuell statt, Ergebnisse werden im Sommer erwartet. Ob Fathi und Melanie G.s Schüler und Schülerinnen aus Favoriten den Sprung in die Regelklasse schaffen? "Unmöglich", sagt die Lehrerin, "es ist, als wären sie gerade erst wieder in Österreich angekommen." (Elisa Tomaselli, 30.5.2021)