Schon länger versuchen die großen Öl- und Gaskonzerne sich einen grünen Anstrich zu geben und als Mitkämpfer beim Klimaschutz zu präsentieren. Man sollte ihnen das nicht glauben. Nicht, dass ihre Bosse alle den Klimawandel leugnen oder ihnen die Zukunft des Planeten gleichgültig ist. Aber die Schritte, die notwendig sind, um die Erderwärmung zu stoppen, sind mit ihrem Geschäftsmodell unvereinbar.

Während man den großen Automobilherstellern noch zutrauen kann, dass sie den Umstieg auf Klimaneutralität schaffen, haben Unternehmen, deren Kernkompetenz die Ausbeutung und Verteilung fossiler Brennstoffe ist, in einer Welt ohne Öl und Gas keinen Platz. Für die Entwicklung erneuerbarer Energien fehlen ihnen die Erfahrung sowie die notwendigen Strukturen, und auch der Ausbau der Chemie, wie ihn etwa die OMV mit ihrer Tochter Borealis anstrebt, wird ihnen nicht viel helfen. Denn auch diese Branche arbeitet mit fossilen Rohstoffen und enthält zahlreiche stärkere Mitbewerber.

Die Schritte, die notwendig sind, um die Erderwärmung zu stoppen, sind mit dem Geschäftsmodell von Ölkonzernen unvereinbar.
Foto: Eli Hartman/Odessa American via AP

Wenn diese Konzerne ihre hohen Gewinne behalten wollen, dann müssen sie eine radikale Klimawende bekämpfen und versuchen, noch möglichst lange Öl und Gas aus dem Erdreich zu pumpen. Dadurch stehen sie, auch wenn sie es bestreiten, dem Erreichen der Pariser Klimaziele im Weg – und in Konfrontation mit allen, die eine verantwortungsvolle Politik fordern oder betreiben.

Wirtschaftliche und moralische Sackgasse

In diesem Kontext sind die jüngsten Konflikte rund um mehrere Ölkonzerne zu verstehen. Immer mehr Investoren erkennen die wirtschaftliche und moralische Sackgasse des Managements und verlangen eine Kehrtwende – bei Exxon Mobil und Chevron mit überraschendem Erfolg. Allerdings ist es nicht klar, wie diese aktivistischen Fonds über ihre Aktienbeteiligungen ihre doppelten Ziele – höhere Renditen und weniger CO2-Ausstoß – erreichen wollen, denn die schließen einander aus. Die Möglichkeiten der Reform von innen sind begrenzt. Das wird sich auch für die Republik Österreich und ihre wertvolle Beteiligung an der OMV noch als Dilemma erweisen.

Erfolgversprechender ist der Druck von außen, so etwa durch das jüngste Gerichtsurteil in den Niederlanden, das Royal Dutch Shell zu einer drastischeren Verringerung der Treibhausgase zwingt. Hier haben sich private Kläger, die unter der Klimakrise besonders leiden, erstmals in erster Instanz durchgesetzt; tausende weitere Klimaklagen und unzählige Berufungen werden folgen. Aber dieser Weg über die Gerichte ist ebenso unbefriedigend, weil er weder untereinander noch über Ländergrenzen hinweg koordiniert ist. Er führt zu Rechtsunsicherheit, aber nicht unbedingt zu besseren Unternehmensstrategien.

Letztlich sind die Regierungen gefordert, strenge und klare Rahmenbedingungen für die Öl- und Gasindustrie zu schaffen und sich dabei auch international abzustimmen. Es gibt aus Klimaperspektive nur einen akzeptablen Weg für diese Konzerne: Sie müssen die Suche und Erschließung neuer Felder einstellen, ihre Produktion zurückfahren und als Unternehmen geordnet schrumpfen.

Wenn in 20 Jahren tatsächlich der CO2-Ausstoß weltweit gegen null gehen soll, dann darf es Exxon Mobil, Shell oder die OMV in dieser Form nicht mehr geben. Die Energiewirtschaft muss ganz anders aussehen. Für Mitarbeiter und Aktionäre wäre das ein Verlust, für die übrige Welt aber ein Gewinn. (Eric Frey, 28.5.2021)