Der Pöbel macht in seinem Zorn vor Königen nicht halt: Hier wird Ludwig XVI. anno 1792 zum Tragen einer Jakobinermütze veranlasst.

Foto: Sammlung Rauch/Interfoto/picturedesk.com

Niemand Geringerer als der Herr im Himmel sollte ein Einsehen haben und Öbag-Chef Thomas Schmid zu Hilfe kommen. "Oh Gott. Reisen wie der Pöbel", lautete eine entsprechende Chatnachricht, in der Schmid, vom Schicksal schwer geprüft, das Fehlen eines Diplomatenpasses monierte.

Die Furcht vor dem Pöbel teilt der phobische Topmanager ausgerechnet mit dem größten Erneuerer unserer Schriftsprache. Bereits 1525 schrieb Kirchenreformer Martin Luther aus Anlass der Bauernkriege wütende Zeilen "wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern". Der Esel wolle Schläge haben, so Luther. Der unkontrollierte Volkshaufen bedürfe hingegen der eisernen Zucht durch das Schwert.

Die Abwertung unorganisierter Massen ist so alt wie die Bevorrechtung durch Geburt und Besitz. Mit ihr einher geht die Angst vor der notorischen Blindheit des Volkszorns. Das Wort "Pöbel", abgeleitet vom lateinischen "populus", bezeichnet ursächlich jene Schicht, die sich unterhalb der Standesehre aufhält.

Als amorph wurden Volksmassen empfunden, als Produkt städtischer Zusammenballung: sittlich verwahrlost, sozial ungeformt. Ihre Angehörigen galten noch in der frühen Neuzeit als heimat- und eigentumslos. Man beschrieb sie als "Einlieger" und "Heuerlinge", die von Adeligen und deren Propagandaschreibern reihum als "Abschaum", "Gelichter" oder "Canaille" (abgeleitet von der italienischen "Hundemeute") abgetan wurden.

Dramatische Aufwertung

Später erfuhr die Einschätzung jenes Standes, der unterhalb des besitzenden Bürgertums rangiert, eine dramatische Aufwertung: Die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts machte es möglich. Mit der explosiven Entwicklung der Produktionsverhältnisse verwandelten sich Handlanger in stolze Lohnarbeiter. Proletarier aller Länder vereinigten sich nicht nur in Theorien von Karl Marx zur politischen Macht: Sie schienen das Rückgrat der Gesellschaft zu bilden.

Als unvermittelbar galt lediglich das "Lumpenproletariat" (Marx). Übrig blieb die Angst vor den Reizzuständen des Mobs: Der übt, etwa im Dienst populistisch motivierter Kampagnen, die "Macht der Straße" aus. Der Pöbel, pejorativ verstanden, veranstaltet Pogrome und übt Lynchjustiz. Heute scheint das Wort größtenteils ungebräuchlich zu sein. Es sei denn, ein gestandener Öbag-Chef möchte möglichst ungestört verreisen: ohne sich in der Holzklasse wundzusitzen. (Ronald Pohl, 2.6.2021)