Georg Lukács (1885–1971): Philosoph, Politiker, Lehrmeister des Marxismus, Überlebenskünstler.

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Als auf den Tag genau vor 50 Jahren mit Georg Lukács der womöglich größte Theoretiker in der Nachfolge von Karl Marx gestorben war, begab sich ein rares Wunder: Auf dem Budapester Kerepesi-Friedhof fanden alle Fraktionen der marxistischen Weltkirche noch einmal einträchtig zusammen.

5000 Trauergäste nahmen nicht etwa von einem Lukács Abschied. Gehuldigt wurde rund einem halben Dutzend Persönlichkeiten gleichen Namens: dem Kommissar für Kultur in Ungarns Räteregierung 1919. Dem frühen Urheber einer "Theorie des Romans". Dem historischen Materialisten, der Marx’ politischer Ökonomie eine Philosophie der Verdinglichung entnommen hatte. Dem Aufständischen von 1956. Dem Reformer und Begründer einer eigenen "Ontologie".

Letztendlich war Lukács ein kommunistisches Chamäleon gewesen. Der von 1945 bis zu seinem Tod im Budapester Quai Belgrad 2 ansässige Denker hatte alle Volten geschlagen: war in alle Sackgassen geschlüpft, in die ihn die Parteioffiziellen gewiesen hatten.

Marx- und Engelszungen

Lukács, der großbürgerliche Manieren besaß, sprach sein ganzes Leben lang mit Marx- und Engelszungen. Mit Mut zur Selbstverleugnung ließ er die Maßregelungen der tonangebenden Partei-Oberen über sich ergehen. Wie durch ein Wunder überwand Lukács sämtliche Gefahren: die Kritik durch Lenin; die Säuberungen Stalins in den 1930er-Jahren; den drohenden Tod durch Dogmatismus in den rostigen Jahrzehnten der realsozialistischen Agonie.

Lukács zehrte bis zum Tode von unzerstörbarem Prestige. Er, ein Bankierssohn mit Wiener Mutter, hatte als Jüngling die transzendentale Obdachlosigkeit seiner Generation schmerzvoll erfahren. Das Thema beinahe aller Lebensreformer um 1900 war ungefähr dasselbe: Wie kommt es, dass unser subjektives Empfinden mit der Zunahme objektiver Gegebenheiten nicht Schritt hält? Warum verflüchtigt sich aus dem Alltag jeglicher Sinn?

In einer unbeweglichen Welt wäre Lukács – spätestens nach seiner epochalen "Theorie des Romans" (1916) – für ein geruhsames Leben vorgesehen gewesen. Er hätte sich mit dem Erarbeiten neuer Literaturformen zufriedengeben können. Lukács wäre imstande gewesen zu zeigen, wie man durch das Schreiben "realistischer" Romane das gesellschaftliche Sein in seiner Gesamtheit ("Totalität") abbildet.

Stattdessen hatte Lukács ein Damaskus-Erlebnis gehabt. Dem Grauen des Ersten Weltkriegs entrann er als orthodoxer Marxist. Der Großbürger ging auf die Straße. Und entwarf anschließend in den Abhandlungen von "Geschichte und Klassenbewusstsein" (1923) eine bis in die Ausläufer der Studentenrevolution (1968) hinein gültige Blaupause marxistischer Kritik. Deren Pointe bestand übrigens darin, dass ihr Autor sich von ihr später vehement distanzierte.

Zur-Ware-Werden

Gleichwohl gilt: keine Adorno und Horkheimer ohne den "Verdinglichungs"-Entwurf aus "Geschichte und Klassenbewusstsein". In ihm thematisiert Lukács das Zur-Ware-Werden der Arbeit. Er skizziert die Fremdbestimmung jeglicher Tätigkeitsform und geißelt die Formen der Selbstentäußerung. Auf den Spuren von Karl Marx’ Wertlehre findet Georg Lukács den Schlüssel zur Gesellschaftskritik.

Es sind Hegel und Marx, die den Ausweg aus der "Barbarei" von Kapitalismus und Faschismus weisen sollen. Während der nächsten Jahrzehnte ist Georg Lukács das Stehaufmännchen des Weltkommunismus. Er lehnt als Ästhetiker Avantgardisten wie Brecht vehement ab, wendet sich jedoch genauso scharf gegen alle Ausprägungen von "Vulgärmarxismus". Er bewohnt einen Elfenbeinturm. Dabei tüftelt er unausgesetzt an einer materialistischen Ethik, die dem Proletariat – Träger aller künftigen Veränderungen – zu einer wirksamen Praxis verhelfen soll. Noch kurz vor seinem Tod lobt er das Prinzip der "Rätedemokratie". Der Kommunismus solle mehr Mitbestimmung wagen!

Sogar Rudi Dutschke holte sich beim Greis Ratschläge. Für die einen blieb er ein "Adorno des Ostens" (Fritz J. Raddatz). Für alle übrigen bildete er ein lebendiges Rätsel. Dessen Ansichten kann man jetzt überprüfen. Manches bleibt auf den Neoliberalismus anwendbar. (Ronald Pohl, 4.6.2021)