Der durch die Corona-Krise aufgestaute Konsum wird nun nachgeholt – mit Auswirkungen auf die Inflation.

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Die Inflation hat sich heuer mit Raten zurückgemeldet, wie sie seit der Finanzkrise nicht mehr gesehen wurden. In den USA erreichte sie im April 4,2 Prozent auf Jahressicht, in Deutschland waren es im Mai 2,5 Prozent und in Österreich laut einer ersten Schätzung 2,8 Prozent. Ist dies nur ein vorübergehender Effekt oder sollten sich Anleger an nachhaltig höhere Inflationsraten gewöhnen? Und welche Vermögenswerte sind durch eine höhere Geldentwertung besonders gefährdet?

Die US-Notenbank geht ebenso wie die EZB davon aus, dass die gestiegenen Inflationsraten nicht von Dauer sein werden. Bereits im Vorjahr hatten beide angekündigt, ein zeitweiliges Überschießen ihrer Inflationsziele, in den USA sind es zwei Prozent und in der Eurozone knapp darunter, zulassen zu wollen. Sprich: Bis auf weiteres werden sie ihren expansiven geldpolitischen Kurs wohl beibehalten.

Ungewöhnliche Muster

Wie sich die Inflation tatsächlich weiterentwickeln wird, ist momentan auch für Experten wegen der besonderen Gemengelage aufgrund der Corona-Krise nur schwer vorherzusagen. "Die Investoren tun sich derzeit schwer, die Inflationszahlen zu interpretieren", sagt Alexandra Muchna, Fondsmanagerin im Anleihenteam der Raiffeisen KAG. Sie verweist auf zahlreiche Einmaleffekte wie den nach den Lockdowns angestauten Konsum, die ausgelaufene Mehrwertsteuersenkung in Deutschland, Stimuluspakete in den USA oder stark verschobene saisonale Muster bei Reisen oder in der Modebranche.

Grundsätzlich geht Muchna davon aus, dass auf heuer höhere Inflationsraten nächstes Jahr wieder eine merkliche Beruhigung folgen werde. "Ich würde aufgrund der derzeitigen Daten nicht sagen, dass wir ein Inflationsproblem haben", sagt die Anleihenexpertin.

Allein, was passiert, wenn die Teuerung nächstes Jahr nicht wie erwartet zurückgeht? "Wenn das Inflationsgespenst in einem Jahr noch immer da ist, dann werden auch die realen Renditen steigen", sagt die Anleihenexpertin. Derzeit sind diese deutlich negativ, denn eine zehnjährige US-Anleihe spielt derzeit gerade einmal 1,6 Prozent Rendite ein, also viel weniger als die derzeitige Inflationsrate. Und bei zehnjährigen deutschen Schuldverschreibungen liegt die zehnjährige Anleihenrendite ohnedies mit fast 0,2 Prozent im Minus.

Die Faustregel lautet: Sachwerte wie Edelmetalle, Immobilien oder auch Aktien gelten als weniger inflationsanfällig wie sogenannte Geldversprechen. Dazu zählt das klassische Sparbuch, das de facto keine Verzinsung einspielt, oder auch herkömmliche Anleihen. Muchna verweist jedoch darauf, dass sich inflationsgeschützte Rentenpapiere auch bei einer höheren Teuerung gut entwickelten.

Teure Technologieaktien

Und wie sieht es am Aktienmarkt aus? Welche Branchen sind bei einer steigenden Teuerung zu bevorzugen? "Zyklische Sektoren entwickelten sich bei steigenden Inflationserwartungen besser", erklärt Sven Lehmann, Aktienfondsmanager bei HQ Trust. Das sind Firmen aus Bereichen, die von einer guten Konjunktur abhängen – und Preisdruck leichter an Kunden weitergeben können. In den vergangenen 20 Jahren haben sich Lehmann zufolge bei steigenden Inflationserwartungen Halbleiter, Hardware und Autos besonders gut entwickelt.

Allerdings gibt es auch unter Zyklikern eine Einschränkung: Besonders teure, also hoch bewertete Wachstumsaktien zeigten sich zuletzt doch anfällig für eine höhere Teuerung. In der jüngsten Phase steigender Inflationserwartungen entwickelten sich relativ teure Technologieaktien, die während der Corona-Krise allen anderen davongelaufen waren, schlechter als viele andere Sektoren.

Um Gegenzug leiden eher defensive Wirtschaftsbereiche, also Sektoren, die vom Gang der Konjunktur wenig abhängig sind. "Vier Sektoren blieben in Zeiten steigender Inflationserwartungen im Schnitt deutlich hinter dem Markt zurück: Immobilien, Telekom, Einzelhandel und Energie", sagt Lehmann. Bei sinkenden Inflationserwartungen würde sich das Bild umkehren, also sich defensive Branchen wieder besser entwickeln als Zykliker.
(Alexander Hahn, 2.6.2021)