Keith Harings "Andy Mouse – New Coke": Das Großformat (304 x 304 cm) aus dem Jahr 1985 wurde noch nicht mal auf einen Keilrahmen gespannt. Das geforderte Limit liegt bei CHF 414.500 (387.380 Euro).

Foto: Koller Auktionen

Schon einmal hatte das Auktionshaus Koller die Marketingmaschinerie angeworfen und wertvolle Gemälde sowie Antiquitäten eines Schweizer Geschäftsmannes in den Räumlichkeiten am Hauptsitz in Zürich arrangiert. Dann war die Versteigerung, die zumindest 2,8 Millionen Schweizer Franken (2,54 Mio. Euro) hätte einspielen sollen, im Dezember 2019 kurzfristig abgesagt worden: per richterlichen Beschluss, den die Anwälte des Eigentümers der Sammlung erwirkt hatten.

Sein Name: Urs (Ernst) Schwarzenbach, ein bekannter Financier, der sich seit bald zehn Jahren im Dauerclinch mit den Schweizer Finanzbehörden befindet. Die Versteigerung der bei mehreren Razzien beschlagnahmten Objekte wäre im Auftrag der Eidgenössischen Zollverwaltung (EZV) erfolgt, um wenigstens einen Teil der Steuerschulden einzutreiben. Nun gibt es einen neuen Termin: Die Auktion, bei der eine größere Tranche verwertet werden soll, ist für den 22. Juni vorgesehen, wie Koller in einer Aussendung vermeldete, vorbehaltlich einer neuerlichen Absage oder Verschiebung, wie bei Zwangsversteigerungen bisweilen üblich.

Freiwillig will Urs Schwarzenbach (rechts im Bild), hier in Begleitung seines PR-Beraters im Jahr 2017, nicht zahlen.
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Es begann mit Schmuggel

In einem Feature ließ NZZ am Sonntag die Causa, in der der Hauptakteur, nach eigenen Angaben Milliardär, ungeniert Millionen von Steuern umgeht und Galeristen wie Beamte an der Nase herumführt, jüngst Revue passieren. Es begann mit unverzolltem Cognac und Wein, oder auch Schmuck, Golduhren und Fabergé-Eiern. Und dann war da noch die Sache mit einem olympischen Springpferd, das er mit einem falschen Wert eingeführt haben soll. Da blieb es beim Verdacht, anders als bei der Kunst.

Im September 2012 landete er laut NZZ mit seinem Privatflugzeug aus England kommend in Zürich, "an Bord hatte er ein Gemälde und eine Skulptur im Gesamtwert von 320.000 Franken". Eine Begründung, warum er die Werke, ohne sie zu verzollen, einführte, blieb er schuldig. Im Zuge der nachfolgenden Ermittlungen der Zollfahnder stellte sich heraus, das lief schon seit Jahren so und war einem juristischen Kniff geschuldet, mit dem Schwarzenbach die Einfuhrumsatzsteuer zu umgehen versuchte.

In der Schweiz fallen bei Kunst und Antiquitäten dafür 7,7 Prozent an. Händler haben jedoch eine andere Option: ein sogenanntes Verlagerungsverfahren, bei dem der Zoll die Mehrwertsteuer zwar deklariert, aber dann gleich wieder storniert. Sie fällt erst dann an, wenn das Werk in der Schweiz verkauft wird. Eine jahrelange Zwischenlagerung ist möglich, jedoch ist eine klare Verkaufsabsicht Bedingung, andernfalls gerät man in den Verdacht, dieses Modell zur Steuervermeidung zu missbrauchen. Erst wenn 15 Jahre nach der Einfuhr keine Mehrwertsteuer eingehoben wurde, tritt laut NZZ die Verjährung ein. Darauf dürfte Schwarzenbach, der seinen Handel im Luxushotel The Dolder Grand betreibt, hoffen. Das Geschäft lief fantastisch: Zolldokumenten zufolge erwarb der mittlerweile 72-Jährige von 2005 bis 2012 insgesamt 3148 Werke für eine Milliarde Franken und verkaufte im gleichen Zeitraum für drei Milliarden. Der erwirtschaftete Reingewinn lag bei 292 Millionen Franken, umgerechnet 266 Millionen Euro.

"Asset-rich, but cash-poor"

Die Ermittlungen der Behörden führten zu Gerichtsverfahren, an deren Ende Schwarzenbach dem Staat Steuern plus Zinsen in der Höhe von 13,2 Millionen Franken schuldet. Im Jahr 2015 hatte er zwar eine Zahlungsvereinbarung mit dem Zoll getroffen, von der er jedoch zurücktrat. Ein Akonto von einer Million hatte er immerhin geleistet. Dabei ist Schwarzenbach ein überaus vermögender Mann und besitzt zahlreiche Immobilien in der Schweiz, in Schottland, Australien oder Marokko; allein der Wert jener in England, darunter ein ganzes Dorf, wird mit 300 Millionen Franken beziffert. Er weigert sich einfach und verweist auf fehlende Liquidität.

Vorwurf: simulierte Kommissionsverträge

Die für Juni anberaumte Versteigerung soll, dem von der Zollverwaltung vorgegebenen Mindestbetrag entsprechend, wenigstens die angefallene Zinsschuld decken. Die Limits sind deshalb verlockend günstig angesetzt: Ein abstraktes Großformat von Gerhard Richter von 1986 soll demnach bei wenigstens 220.500 Franken oder umgerechnet rund 200.000 Euro zugeschlagen werden. Dabei wird es mit Sicherheit nicht bleiben.

Bei der Zwangsversteigerung steht bei Koller auch dieses Großformat von Gerhard Richter im Angebot. Das von der Zollverwaltung geforderte Limit (rund 200.000 Euro) sollte leicht übertroffen werden.
Koller Auktionen

Derweilen nahmen die Ermittler auch Schwarzenbachs jahrelange Geschäftspartnerin unter die Lupe: Die Galerie Gmurzynska, die zwischen 2008 und 2013 für Schwarzenbach 80 Kunstwerke einführte. Die EZV verdonnerte die Galerie im Jänner zu einer Zahlung von neun Millionen Franken. Der Vorwurf: Statt die Kunst zu verkaufen, seien simulierte Kommissionsverträge aufgesetzt worden. Dem widerspricht die Geschäftsführung vehement. (Olga Kronsteiner, 5.6.2021)