Ein Kinobesuch ohne Popcorn hat einen Schönheitsfehler – das aktuelle Kursfeuerwerk jedoch genauso.

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Verkaufsstrategien aus dem Lehrbuch sehen ganz anders aus. "Wir geben neue Aktien aus. Investoren sollten jedoch nur einsteigen, wenn sie bereit sind, alles wieder zu verlieren. Dafür gibt es Gratis-Popcorn", hieß es kürzlich bei der grundsätzlich schwer angeschlagenen US-Kinokette AMC Entertainment. Innerhalb von drei Tagen führte das Unternehmen diese Woche zwei Kapitalerhöhungen durch, und der Aktienkurs spielt vollkommen verrückt.

Was ist los bei AMC? Firmenchef Adam Aron hatte am Mittwoch ein Loyalitätsprogramm für Kleinanleger angekündigt, das Gratis-Popcorn und ein paar weitere Vorzüge versprach. Die Nachricht schlug ein wie ein Blockbuster der Marke Avatar. Die Börsenkurse des Unternehmens schossen durch Decke, zwischenzeitig stand sogar ein Plus von 127 Prozent zu Buche, schlussendlich waren es 95 Prozent. Kurzfristig musste sogar der Handel mit dem Papier wegen zu hoher Volatilität an der New Yorker Börse ausgesetzt werden.

Gegenrichtung

Das funktioniert aber auch in die andere Richtung. Aron wollte die Gunst der Stunde nutzen, kündigte am Donnerstag vorbörslich an, mehr als elf Millionen weitere Aktien auszugeben, das kam bei den Anlegern jedoch weniger gut an. Um 30 Prozent rasselte der Kurs wieder talwärts.

Richtig, Erinnerungen an die Kurskapriolen des US-Spieleverkäufers Gamestop vom Jahresanfang werden wach. AMC gehört ebenso wie Gamestop zu den sogenannten Meme-Aktien, die sind vor allem bei jungen Tradern beliebt, die sich im Internet organisieren. Vor allem das Redditforum Wallstreetbets spielt hier eine zentrale Rolle. Diese Kleinanleger investieren massig Geld in einen maroden Betrieb und akzeptieren wissentlich – oder einfach aus der Gruppendynamik heraus –, dass der Kurs mit dem tatsächlichen Marktwert der Firma wenig bis nichts zu tun hat. Von Jahresbeginn bis Mittwochabend hatte die Aktie knapp 3000 Prozent zugelegt.

Verzerrte Realität

Beim Kinobetreiber erkennt man diese Realitätsverzerrung sehr wohl. Die Volatilität "steht nicht in Bezug zu unserem Geschäft oder zu branchenspezifischen Daten. Wie lange diese Dynamik anhält, wissen wir nicht", betonte AMC-Chef Aron zusätzlich zu der eingangs erwähnten Warnung. Eine derartige Warnung sei in Anbetracht des Kursverhaltens unbedingt notwendig, waren sich zahlreiche Analysten einig: "Kurse verdoppeln sich nicht wegen Gratis-Popcorns. Schießt die Aktie nach einer Ankündigung derart in die Höhe, müssen die Anleger gewarnt werden", sagt Steve Sosnick von Interactive Brokers.

Warum machen Anleger so etwas? Großen Hedgefonds, die gegen Firmen wie Gamestop oder AMC wetten, eins auswischen – so lautet die Motivation großer Teile der neuen Anlegergeneration. So verkaufte AMC am Dienstag der Investmentfirma Mudrick Capital rund 8,5 Millionen Aktien für 230 Millionen Dollar, wenige Stunden später hatte Mudrick die Aktien gewinnbringend schon wieder veräußert. Es folgte Häme der Online-Community für den Hedgefonds, da die Kleinanlegerschaft den Kurs vorübergehend auf mehr als das Zweieinhalbfache der 27 Dollar trieb, um die Mudrick gekauft hatte.

Große Masse der Kleinen

Im Rahmen der Pandemie haben immer mehr Menschen den Aktienmarkt entdeckt. 2019 sorgten Amateur-Trader für zehn Prozent des Handelsvolumens, zitiert das Handelsblatt die Investmentbank Piper Sandler. Mittlerweile habe sich dieser Anteil verdoppelt.

Vor allem Trading-Apps wie Robin Hood haben Kleinanleger auf den Plan geholt. Nach der massiven Gamestop-Kursrally im Frühjahr musste der Neobroker den Handel mit den Spielehändlerpapieren kurzfristig einstellen. Das stoppte den Höhenflug kurzerhand und kostete zahlreiche Kleinanleger viel Geld. (Andreas Danzer, 4.6.2021)