Der Pianist Paul Gulda sorgte musikalisch und mit einer Rede für eine besinnliche Gedenkfeier in Dorna, wo der Bauer Alois Will (erste Reihe, graues Sakko) ein Mahnmal für dort ermordete KZ-Häftlinge errichtet hat.

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Dorna ist ein kleines Idyll. In der Bauernhofsiedlung bei Mank im niederösterreichischen Mostviertel leben 16 Menschen. Zwei davon sind das Ehepaar Alois und Erna Will. Alois Will wird im Oktober 80, er hat hier schon immer gelebt. Er war Bauer, Imker, Lkw-Fahrer und hat als Buschauffeur ganz Europa gesehen. Er hat aber auch Erinnerungen, die ihn seit seinen Kindertagen quälen: Im April 1945 musste er direkt vor seinem Elternhaus die Morde an drei Männern mitansehen. Die Opfer waren KZ-Häftlinge, die in den letzten Kriegstagen auf einem der berüchtigten Todesmärsche nach Mauthausen von Nazi-Schergen erschossen wurden.

Im Jahr 2010 haben Alois und Erna Will auf dem Hof ein Mahnmal für die Ermordeten errichtet. Aus der persönlichen Erinnerung wurde ein Beitrag für das kollektive Gedächtnis, das Mahnmal Dorna hat inzwischen einen fixen Platz in der heimischen Erinnerungskultur. Die Morde wurden auch wissenschaftlich aufgearbeitet, doch die Identitäten der Opfer konnten bis heute nicht geklärt werden.

Systemische Störung

Im Vorjahr hätte das Zehn-Jahr-Jubiläum der Denkmalsetzung stattfinden sollen, es wurde aber Corona-bedingt auf heuer verschoben und fand nun am Sonntag in Dorna statt. Für die Gedenkrede konnte Alois Will den Pianisten Paul Gulda gewinnen, der auch Vorstand der Rechnitzer Flüchtlings- und Gedenkinitiative Refugius im Burgenland ist. Er bezeichnete die nationalsozialistische Schreckensherrschaft als systemische Störung. "Ein Stein versinkt schnell im Wasser, aber die Wellen, die er verursacht, brauchen länger, bis sie verebben. Aber irgendwann sind sie verschwunden", so Gulda.

"We shall overcome"

Sehr einfühlsam gestaltete der Ausnahmekünstler auch den musikalischen Rahmen der Feier. Er trug unter anderem melancholische Widerstandslieder vor, ein Stück von Bach und, weil er die Feier hoffnungsvoll enden lassen wollte, den Bürgerrechtsbewegungsklassiker "We shall overcome", den die rund 150 Besucher dankbar zumindest mitsummten.

Auch der Manker Bürgermeister Martin Leonhardsberger und der Zweite Präsident des Niederösterreichischen Landtages, Gerhard Karner, betonten die große Bedeutung des kleinen Mahnmals aus Quarzitblöcken aus einem Steinbruch in der Nähe von Melk. Der Manker Pfarrer Wolfgang Reisenhofer, der Alois Will immer sehr unterstützt hat, erinnerte an die Würde, die keinem Menschen genommen werden dürfe.

KZ-Außenlager in Wien-Simmering

Da man ursprünglich davon ausging, dass die Opfer jüdische Zwangsarbeiter aus Ungarn waren, ist das Mahnmal an den Stil eines jüdischen Grabmals angelehnt. Neuere Forschungen des Zeithistorischen Zentrums in Melk haben ergeben, dass es sich um Gefangene aus dem KZ-Außenlager Saurerwerke in Wien-Simmering gehandelt haben dürfte. Christian Rabl vom Zeithistorischen Zentrum hat in Akten der Nachkriegsjustiz die Aussage eines früheren SS-Angehörigen gefunden, dessen Schilderungen sich weitgehend mit den Erinnerungen Alois Wills decken.

Lkw-Werkshallen der Saurerwerke waren ab Sommer 1944 zu einem KZ-Außenlager von Mauthausen umfunktioniert worden, bis zum Frühling 1945 internierten die Nazis dort 1.480 Zwangsarbeiter. Darunter befanden sich unter anderem Juden, Widerstandskämpfer und politische Gefangene aus ganz Europa. Im April des letzten Kriegsjahres wurde das Lager evakuiert, SS-Oberscharführer Karl Kleine zwang die Häftlinge dazu, nach Mauthausen zu marschieren. Er selbst soll dutzende Häftlinge erschossen haben, er war auch in Dorna an der Erschießung der drei Häftlinge, die versucht hatten zu fliehen, beteiligt.

Erna und Alois Will (Mitte) und das Mahnmal, das sie auf ihrem Hof in Dorna errichtet haben.
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In Kriegsgräbern bestattet

Die drei Opfer wurden unmittelbar nach ihrer Ermordung an Ort und Stelle verscharrt. Die Familie Will stellte damals drei Holzkreuze auf, wie sich Alois Will erinnert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die sterblichen Überreste exhumiert und in Kriegsgräbern auf dem Ortsfriedhof von Mank bestattet. Dort war ab den späten 1960er-Jahren in der Inschrift nur mehr von gefallenen Soldaten die Rede. "Kein Gedenkstein markierte die letzte Ruhestätte der Opfer des Massakers von Dorna", betont Remigio Gazzari, Kurator des Museums "Erlauf erinnert".

Erst das Ehepaar Will hat diese Erinnerungslücke geschlossen. (Michael Simoner, 6.6.2021)