Am Dienstag wird das finale Urteil gegen den ehemaligen bosnischen General Ratko Mladić gefällt. Mladić war im Bosnien-Krieg von 1992 bis 1996 der Oberbefehlshaber der Armee der separatistischen Republika Srpska. Er wurde bereits 1995 angeklagt, aber erst 2011 festgenommen, weil er zuvor in Serbien versteckt wurde. 2017 wurde er in erster Instanz wegen der dreieinhalbjährigen Belagerung von Sarajevo, des Völkermords an Bosniern mit muslimischem Namen rund um Srebrenica und anderer Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt.

Er war demnach Teil eines "gemeinsamen kriminellen Unternehmens", das zum Ziel hatte, alle Nichtserben zu entfernen, indem diese Menschen vertrieben, terrorisiert und ermordet wurden. Laut Richter Alphons Orie gehören Mladićs Verbrechen "zu den abscheulichsten, die die Menschheit je gesehen hat".

Die Gedenkstätte Potocari unweit der ostbosnischen Stadt Srebrenica, wo sich jener UN-Stützpunkt befand, von dem tausende Bosnier mit muslimischem Namen an Ratko Mladić ausgeliefert wurden.
Foto: ELVIS BARUKCIC / AFP

STANDARD: Der ehemalige General der Armee der Republika Srpska, Ratko Mladić, ist eine der Hauptfiguren in Ihrem Film "Quo Vadis, Aida?". Was erwarten Sie sich von dem Urteil zweiter Instanz?

Žbanić: Ich erwarte eine lebenslange Haftstrafe, weil das absolut angemessen ist. Beim Urteil erster Instanz 2017 dachte ich, dass der Krieg für mich dadurch abgeschlossen sein würde. Aber an diesem Tag war ich dann einfach nur traurig. Denn was hat dieser Mann erreicht? Er hat die bosnische Bevölkerung ins Unglück gestürzt. 100.000 Menschen wurden getötet, zwei Millionen Menschen vertrieben, Häuser, kulturelle Einrichtungen, Unternehmen, die ganze Wirtschaft wurde zerstört. Das ist alles das Resultat seiner Taten. Aber er hat auch die Serben ins Unglück gestürzt. Sie leben jetzt sehr arm in der Republika Srspka (Landesteil in Bosnien-Herzegowina, Anm.), wie eingeschlossen, und sie wurden mit dieser Last an Grausamkeiten beladen.

STANDARD: Mladić zeigt, wie auch andere Vertreter seiner Ideologie, keinerlei Reue. Würde ein Bedauern von seiner Seite einen Unterschied machen?

Žbanić: Ja, das würde für alle Bosnier einen Unterschied machen, egal welcher Gruppe. Denn die Leugnung der Verbrechen ist eine Fortsetzung des Genozids. Diese Leute zeigen keinerlei Respekt für die Opfer, das verursacht Verletzungen. Der Chef der mächtigen Partei SNSD, Milorad Dodik, hat kürzlich erst in Belgrad behauptet, in Srebrenica habe kein Völkermord stattgefunden. Auch junge Serben werden dadurch in eine Falle gelockt.

STANDARD: Sie werden dazu gezwungen, an Lügen zu glauben?

Žbanić: Sie werden nicht dazu gezwungen. Sie könnten ja die Urteile lesen, es gibt tausende öffentliche Dokumente dazu. Aber sie werden auch durch Medien beeinflusst, an diese Lügen zu glauben. Einer der Staatsanwälte des Tribunals hat kürzlich deshalb zu mir gesagt, er hätte Mladić in dem Film viel stärker in seiner Grausamkeit gezeigt, weil er der Inbegriff des Bösen ist.

Die 46-jährige Jasmila Žbanić will mit ihrem Film der Öffentlichkeit die Augen öffnen.
Foto: AP Photo/Kemal Softic

STANDARD: Sie zeigen Mladić genau, wie man das von den tatsächlichen Filmdokumenten aus der Zeit kennt, nämlich als einen Mann, der extrem grausame Sachen anordnet, den Genozid etwa, und gleichzeitig so tut, als würde gar nichts geschehen. Ein Teil seiner Grausamkeit ist, dass er so tut, als wäre das nicht grausam. Sie zeigen Szenen mit diesem stark dokumentarischen Charakter, andererseits hat der Film aber auch fiktionale Elemente. Wieso haben Sie sich für diese Mischform entschieden?

Žbanić: Wir haben lange darüber nachgedacht, wie man Mladić darstellen soll. Er wird ja von vielen serbischen Politikern unterstützt, und viele Menschen denken, dass er ein Held ist. Viele haben wohl angenommen, dass ich, weil ich aus Sarajevo komme, ihn in propagandistischer Weise als Bösewicht darstellen werde. Deshalb habe ich einfach die Transkripte seiner Aussagen verwendet. Damit ist ganz klar, dass ich seine Lügen nicht erfinde. Die Leute können auf Youtube alles nachprüfen. Ich wollte ihn als jemanden zeigen, der sich in einem makaberen Auftritt wie ein "Regisseur" benommen hat, indem er entscheidet, wer lebt und wer stirbt, und der damals versuchte, die Kameras so auszurichten, dass es seiner Propaganda entspricht. Ich wollte damit die Rolle der Medien im Krieg bei der Verbreitung von Lügen zeigen.

STANDARD: In österreichischen Schulen wird der Völkermord in Bosnien-Herzegowina nicht gelehrt. Geht es Ihnen um mehr Anerkennung des Geschehenen?

Žbanić: Ich wollte, dass die Leute sehen, wie man im Krieg alle Entscheidungen falsch trifft, weil ein Krieg etwas Unmenschliches ist. Am Beginn des Films steht "Europa, 1995". Denn diese Ereignisse sind überhaupt nicht im europäischen Bewusstsein verankert. Vor einigen Jahren war ich an der Europäischen Filmakademie, und der Präsident redete davon, wie großartig es sei, dass man in Europa seit siebzig Jahren in Frieden lebe. Ich sagte zu ihm: Wissen Sie, dass zwischen 1992 und 1995 100.000 Europäer getötet und zwei Millionen vertrieben wurden?

Viele Europäer sehen Bosnien-Herzegowina offenbar nicht als Teil von Europa. Nach dem Fall des Kommunismus und der Berliner Mauer gab es zudem eine Art Optimismus, und der Krieg in Bosnien-Herzegowina hat nicht zu diesem heiteren Bild gepasst. Das fehlende Bewusstsein hat wohl auch damit zu tun, dass die Ermordeten Muslime waren. Wenn das Katholiken gewesen wären, dann würden jetzt in jeder Kirche in Europa Messen für die Opfer abgehalten werden. Das zeigt, wie europäisches Bewusstsein geschaffen wird: Die Geschichte der bosnischen "anderen" wird nicht als europäische Geschichte gesehen. Die Europäer ließen den Völkermord in Bosnien zu, und das ermutigte Faschisten und Rechte in Europa. Vor 25 Jahren waren sie noch versteckt, jetzt sind sie in Parlamenten vieler europäischer Länder. Das ist das Gesetz der kommunizierenden Gefäße. Bosnien ist ein Teil von Europa, ob es jemandem gefällt oder nicht.

STANDARD: Sie zeigen in Ihrem Film nicht direkt die Erschießungen, sondern eher die Angst in den Augen der Protagonistin. Weshalb?

Žbanić: Ich war während des Krieges im belagerten Sarajevo. An einem Krieg ist nichts Spektakuläres oder Ästhetisches. Es geht nicht um Patriotismus oder um Helden. Der Krieg, das sind diese Bürokraten von den Vereinten Nationen, die keine Empathie und Solidarität zeigen konnten. Mir war zudem klar, dass viele Überlebende den Film sehen werden. Ich wollte nicht ihre Würde verletzen, wenn ich zeige, wie Menschen erschossen werden. Ich würde mir außerdem wünschen, dass junge Menschen, Teenager, diesen Film sehen können.

STANDARD: "Schindlers Liste" hat zur Aufklärung über die Shoah beigetragen. Was kann ein Film wie "Quo Vadis, Aida?", was Geschichtsbücher oder Gerichtsurteile nicht können?

Žbanić: Viele Geschichts- oder Menschenrechtsprofessoren verwenden heutzutage Filme in ihrem Unterricht. Ich denke, "Quo Vadis, Aida?" sollte auch Teil des Lehrplans an Schulen sein. Nach Vorführungen des Films haben wir gesehen, dass er in Österreich, Großbritannien, Polen, Deutschland, Südkorea, Japan und Mexiko Menschen berühren kann. Er spricht junge Menschen an.

STANDARD: Die Vertreibungen und massenhaften Ermordungen von Bosniern, die keine serbisch-orthodoxen Namen hatten, also Menschen mit muslimischen oder katholischen Namen, begannen bereits 1992. Weshalb haben Sie Srebrenica herausgegriffen?

Žbanić: Ich habe auch einen Film über Višegrad (Stadt in Ostbosnien, wo viele Bosniaken ermordet wurden, Anm.) gemacht, bei dem es um die Leugnung ging. Aber Srebrenica war eine solche Tragödie, weil es verhindert werden hätte können. Wenn der UN-Kommandeur Thomas Karremans, ein wenig mutiger und emphatischer gewesen wäre, dann hätte er alle Leute in das UN-Gelände, das sicher war, hineingelassen und gesagt, dass er niemanden hinauslassen würde, solange die Leute nicht mit UN-Bussen begleitet würden oder nur, wenn es Luftangriffe der Nato geben würde.

Es hätte die Möglichkeit gegeben, die Geschichte in eine andere Richtung zu lenken. Srebrenica war eine großer Verrat der Vereinten Nationen. Alle UN-Mitglieder hatten dieser Institution ihr Vertrauen gegeben. Als aber die Armee der Republika Srpska dennoch die UN-Sicherheitszone Srebrenica erobert hat, wurden die Vereinten Nationen durch Gewalt besiegt und damit haben wir uns alle selbst und unseren Glauben an die Menschenrechte verraten.

STANDARD: Was kann man lernen, wenn es um die Figur des UN-Offiziers Karremans geht?

Žbanić: Nicht emphatisch zu sein, führt zu Problemen. Die niederländischen UN-Soldaten hatten große Vorurteile gegenüber den bosnischen Muslimen, sie waren für sie "die Anderen". UN-Soldaten haben etwa Graffiti geschrieben, dass bosnische Frauen nach Scheiße riechen. Es gab kein Mitleid mit den Menschen, die ihr Zuhause verloren haben und drei Tage lang bei 40 Grad unter der Sonne ohne Wasser und Essen stehen mussten. Karremans dachte nicht einmal daran, wie er all die Menschen retten könnte, sondern wie er diese unangenehme Situation beenden könnte. Wir alle kennen Situationen, in denen wir uns entscheiden können, etwas für andere zu tun oder einfach nur an uns selbst zu denken.

STANDARD: In Bosnien-Herzegowina gibt es neue Graffiti, die Mladić verherrlichen. Fakten werden geleugnet und verdreht. Was hat das für Auswirkungen?

Žbanić: Jede Gesellschaft, die in einer Lüge lebt, ist krank, denn die Verleugnung braucht Energie. Anstatt diese Energie in eine Zukunft zu investieren, müssen diese Menschen sie einbringen, um die Vergangenheit zu vertuschen und darüber zu lügen. Die Republika Srpska bleibt in der Vergangenheit verhaftet, bis auf ein paar Leute, die versuchen, etwas zu verändern. Aber viele Leute aus der Republika Srpska und aus Serbien, die den Film gesehen haben, sind dankbar, sie schreiben mir, er habe ihnen die Augen geöffnet. Sie meinen, dass sie immer geahnt hätten, dass die Erzählung über Srebrenica, die sie vermittelt bekamen, falsch war, und jetzt würden sie verstehen, wie sie manipuliert wurden. Der Film war für sie kathartisch.

STANDARD: Was bedeuten die positiven Reaktionen aus Serbien und der Republika Srpska?

Žbanić: Sie sind wie kleine Risse in der Mauer der Verleugnung. Die Hauptdarstellerin Jasna Đuričić, sie kommt aus Novi Sad, hat mir erzählt, dass alle ihre Kollegen in der Filmwelt in Serbien den Film lieben. Sie ist unglaublich mutig, denn sie wusste, dass die Schauspielerin Mirjana Karanović aus Serbien, die die Hauptrolle in meinem Film "Grbavica" spielte, Todesdrohungen bekommen hat. Karanović war auf der Titelseite von vielen serbischen Zeitungen und wurde als Verräterin beschimpft. Obwohl Đuričić das wusste, stimmte sie zu, in diesem Film mitzuspielen. Sie sagte, es gehe dabei nicht um Mut, sondern nur um Verantwortung und Professionalität.

STANDARD: Wurde der Film bereits in der Republika Srpska und in Serbien in den Kinos gezeigt?

Žbanić: In der Republika Srpska ist er nicht erlaubt, und in Serbien war kein Kino mutig genug, es zu tun. Aber man kann ihn online anschauen. Die Pandemie hat uns also geholfen, die Zensur zu brechen. Ohne die Pandemie hätten wir ihn vielleicht nicht online zugänglich gemacht.

STANDARD: Wie wird der Film in der Republika Srpska verboten?

Žbanić: Er wurde nicht schriftlich verboten, aber die Kinobesitzer haben uns gesagt, sie würden massive Probleme bekommen, Inspektionen würden kommen, und. so weiter. In dieser Diktatur ist der Film also nicht erlaubt.

STANDARD: Wie hat man in Serbien auf den Film reagiert?

Žbanić: Als wir den Film in Venedig gezeigt haben, waren keine serbischen Journalisten dort. Aber es gab sofort Artikel in allen rechten Medien. Sie interviewten den verurteilten Kriegsverbrecher und serbischen Ex-General Veselin Šljivančanin. Er wurde als Filmkritiker dargestellt. Diese Medien schrieben, dass der Film "gegen Serben" und "gegen Serbien" sei. Der Film ist aber gegen Kriegsverbrecher und nicht gegen Serben. Doch diese rechten Kräfte und Kriegsverbrecher versuchen die Schuld mit Serben in Verbindung zu bringen, indem sie behaupten, er sei antiserbisch. Sie nehmen eine ganze Nation in Geiselhaft. Deshalb geht es darum, sich von diesen Narrativen zu emanzipieren.

STANDARD: In der Realität war die Übersetzerin für die Uno – im Film genannt Aida – ein Mann namens Hasan Nuhanović, der seine gesamte Familie im Genozid verlor. Wie schwierig ist es, die Geschichte eines Überlebenden des Völkermords zu verfilmen?

Žbanić: Der Film ist inspiriert von dem Buch von Hasan Nuhanović, "Unter der UN-Flagge". Aber ich wusste, dass ich den Film nicht über die Geschichte eines einzelnen Menschen machen kann, weil so viele Dinge erzählt werden müssen. Ich habe entschieden, dass die Hauptperson eine Frau sein soll, weil sich das Publikum eher mit einer Frau identifizieren kann, die versucht, ihren Mann und ihre Söhne zu retten. Für mich als Filmemacherin war es wichtig, den Krieg aus der weiblichen Perspektive zu zeigen.

STANDARD: Es gab einen Moment, da hat Hasan Nuhanović seine Unterstützung für Ihren Film zurückgezogen.

Žbanić: Es war sehr schwierig. Überlebende haben ihr gesamtes Leben lang einen unglaublichen Schmerz. Man kann nie in 103 Minuten zeigen, was in 26 Jahren ihres Lebens passiert ist. Für Hasan war es zu schwer. Ich habe mich gefreut, dass die Frauen von Srebrenica und der Verein Mütter von Srebrenica den Film stark unterstützt haben. Aber jede Szene in dem Film habe ich aus mindestens drei Quellen überprüft. Denn der Genozid wird so stark geleugnet, dass ich niemandem die Möglichkeit geben wollte zu sagen, dass irgendetwas daran nicht stimme.

Ein niederländischer UN-Soldat hat im niederländischen Fernsehen behauptet, dass jene Szene gar nicht stattgefunden habe, in der ein UN-Soldat einen Buben, der sich als Mädchen verkleidete, um dem Genozid zu entkommen, die Verkleidung vom Körper riss und ihn so seinen Mördern auslieferte. Ein niederländischer Historiker hat aber die Zeugenaussagen des Jugoslawien-Tribunals ausgegraben, wo sowohl eine Mutter dies aussagte als auch ein UN-Soldat. Der Niederländer hat danach zugegeben, dass diese Szene im Film doch den Tatsachen entsprach. Glücklicherweise existiert das Jugoslawien-Tribunal. Es ist alles dokumentiert.

STANDARD: Was braucht es, damit die Mauer der Verleugnung bröckelt?

Žbanić: Man muss durchschauen, weshalb die extreme Rechte die Verbrechen leugnet. Es geht diesen Politikern nur um Machterhalt und um Geld. Dodik sagt nur, dass man die Republika Srpska von Bosnien-Herzegowina abtrennen soll, weil es für ihn und seine Familie profitabel ist. Das serbische Volk interessiert ihn nicht. Mit dieser Rhetorik kann er die Menschen unter Kontrolle halten, damit er nicht erklären muss, warum er so reich ist, während die Bürger in Armut leben.

STANDARD: Dodik hat kürzlich Peter Handke einen Orden verliehen, den zuvor Kriegsverbrecher wie Radovan Karadžić erhalten haben. Was denken Sie darüber?

Žbanić: Ich möchte Peter Handke auffordern, sich den Film anzusehen. Vielleicht kann er danach Müttern, die immer noch nach den menschlichen Überresten von mehr als 1.000 ihrer Söhne suchen, die in Massengräbern versteckt sind, helfen, sie zu finden. Die serbischen Behörden verstecken sie immer noch. Vielleicht kann Handke seine serbischen Freunde fragen, wo diese Leichen sind. (Adelheid Wölfl, 8.6.2021)