Für viele gibt es in den nächsten Wochen nur ein Thema: die Fußball-Europameisterschaft.

Freie Plätze, ruhige Gespräche, das Lokal für sich allein.
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Entspannt essen, weil alle anderen zu Hause bleiben

Ich mag Fußball nicht, aber ich liebe seine Meisterschaften. Champions League, Weltmeisterschaft oder nun EM: Meiner Meinung nach sollte es das öfter geben. Am besten an Wochenenden oder sogar jeden Abend. Dann könnte ich endlich in all die hippen Restaurants gehen, ohne in Menschenmassen unterzugehen. Die Hölle sind nämlich beliebte Restaurants zu Stoßzeiten. Ich muss Tage oder sogar Wochen im Voraus reservieren, wenn ich vor Ort nicht in der Schlange stehen will. Bin ich endlich im Lokal, sitze ich eng an eng mit Wildfremden. Die Angestellten sind gestresst. Wirklich genießen kann ich dann oft nur den Schritt aus dem Lokal. Findet aber ein Sportevent statt – meist hat es mit Fußball zu tun – bleiben die Fans zu Hause. Aus überlaufenen In-Lokalen werden so charmante Gaststätten. Dann ist es wie im Himmel: Ich spaziere hinein und suche mir einen Platz aus. Statt mitzuhören, was meine Tischnachbarn gerade bewegt, bewundere ich ihre Speisen mit Abstand. Und weil der Laden nicht übergeht vor Gästen, ist das Personal entspannter. Das klingt in normalen Zeiten illusorisch – ist aber dank Fußball-EM tatsächlich bald wieder möglich. Und dafür mag ich den Sport dann doch wieder sehr. (Ana Grujić)

Aktiv Sport betreiben, statt passiv beim Sport zuzuschauen.
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Selbst schwitzen, statt nur beim Sport zuzuschauen

Die gebürtige Tirolerin weiß: Eine verlässlich ziemlich leere Skipiste findet man am Hahnenkamm-Wochenende vor. Während die Fans des Spitzensports mit Schnitzelbrot auf dem Sofa sitzen oder frierend entlang der Streif rot-weiß-rote Wimpel schwenken, schnalle ich mir lieber selbst die Ski an. Dasselbe Konzept probiere ich heuer während der Fußball-EM aus. Statt mich zum Public Viewing überreden zu lassen und mich dort abwechselnd für ein überteuertes Getränk oder ein überlaufendes WC anzustellen, treibe ich heuer während der Matches selbst Sport. Die Vorteile davon sind für mich etwas überzeugender als Österreichs Spielerkader. Nach einem Jahr der Home-Workouts und Endlos-Spaziergänge freute ich mich erst ungemein über die offenen Boulderhallen, Yoga-Studios und Spinningkurse im Freien. Als ich realisierte, wie viel dort trotz Personenobergrenzen los ist, verließ mich aber der Mut. Größere Ansammlungen von schwer atmenden Menschen empfand ich immer noch als unheimlich, 3G hin oder her. Meine Hoffnung: die während der EM leereren Sporthallen. Da kann ich mich langsam wieder an das Trainieren in Gesellschaft gewöhnen – und es ist gesünder, als gelangweilt im Gastgarten zu sitzen und mir zum zigsten Mal erfolglos die Abseitsregel erklären zu lassen. Meine Freunde werden meine Expertise während der Spiele eher nicht vermissen. Und wenn ich im Gastgarten erst nach Abpfiff dazu- und mit anstoße, falle ich auch nicht weiter auf. Ob Schweiß, Durst und rote Gesichtsfarbe dem Sporteln oder Sport-Schauen geschuldet sind, muss ja keiner wissen. (Antonia Rauth)

Regenbogenfahne: LGBTQ-Symbol seit den 1970ern.
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Flagge zeigen, allerdings lieber beim Pride Month

Mit dem Prototyp des eingefleischten Fußballfans habe ich normalerweise nicht viel gemeinsam. Doch in den nächsten Wochen werde auch ich Farbe bekennen. Während die EM-Schauer die Nationalflagge ihrer Lieblingsmannschaft schwenken, hisse ich aber die Regenbogenfahne. Denn Juni ist Pride Month.

Was 1969 mit den Stonewall Riots in New York begann, bei denen sich transsexuelle schwarze Personen gegen polizeiliche Gewalt auflehnten, ist mittlerweile zu einer internationalen Bewegung geworden. Über den ganzen Juni – und auch darüber hinaus – zelebrieren lesbische, schwule, bisexuelle, transidente und queere Menschen in vielen Ländern der Welt offen und stolz ihre sexuelle Identität – so auch in Österreich.

In Wien zum Beispiel verschafft sich die LGBTQ-Community durch zahlreiche Veranstaltungen Aufmerksamkeit für ihre Sache: Talks zu gesellschaftspolitischen Themen, eine queere Filmnacht, der Pride Run über wahlweise fünf oder zehn Kilometer, Museumsführungen mit queerem Schwerpunkt und natürlich die Regenbogenparade rund um die Ringstraße – das Programm ist umfangreich. Da bleibt nun wirklich keine Zeit, sich irgendwelche Fußballspiele anzusehen. (Michael Steingruber)

Christine und Irene Hohenbüchler im Belvedere.
Foto: Belvedere Wien / Johannes Stoll

Kunst genießen, statt ins TV-Kastel zu glotzen

Ein Bekenntnis vorweg: Meine halbe Familie ist fußballverrückt. Und ja, das war schon immer so. Dazu brauchte es in einem westdeutschen Haushalt nicht einmal den WM-Gewinn im Sommer 1990. Für uns war in den Neunzigern jeder Samstag ein Fußball-Tag – komme, was wolle. Die halbe Familie drehte für die Übertragung der Bundesligaspiele das Radio so laut auf, dass selbst der Nachbar zum Experten wurde. Am Abend? Stand die Sportschau auf dem Programm. Es blieb mir wenig anderes übrig, als es dem Vater und den beiden Brüdern gleichzutun. Rückblickend kann ich zumindest behaupten: Ich war mit vollem Einsatz dabei. Kein Bundesligaspiel, kein Spielerwechsel, kein Tabellenabstieg entging mir. In den Hochzeiten meiner Fußballeuphorie notierte ich samstagnachmittags Tore, Torschützen und Platzverweise auf kleinen Zetteln. Doch es kam, wie es kommen musste. Der Kampf um den Ball, er begann mich zu langweilen. Dabei ist es geblieben. Bis heute lässt mich das Gerangel auf dem grünen Rasen kalt. Gut so, denn die erloschene Leidenschaft lässt Raum für andere schöne Dinge. Während der EM werde ich also das tun, was ich auch sonst in meiner freien Zeit mache: mich bevorzugt in fußballfreien Zonen bewegen. Als besonders verlässlich haben sich meiner Erfahrung nach die Museen erwiesen. Wenn nicht irgendein übermotiviertes Kuratorenteam auf die Idee kommt, Ausstellungen über das runde Leder zu veranstalten, werden die Säle in den kommenden Wochen hoffentlich noch ein wenig leerer sein als sonst. Dort werde ich dann meine Runden drehen. (Anne Feldkamp)

Auf Leinwände im Freien gehören Filme, kein Sport.
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Große Leinwand für eine liebevolle Nachspielzeit

Es passiert mir alle zwei Jahre: Wahlweise bei WM oder EM sehe ich auf der Leinwand durch das Fußballspiel hindurch direkt in die eigene Kindheit. Ich hätte diese gern in voller Länge im Linzer Autokino verbracht. Heute führt mir Public Viewing vor Augen, dass große Projektionsflächen eher nach James Dean im Auto als nach Marco Arnautović auf Rasen verlangen.

Wir tuckerten nur dann in der Familienkarosse ins Kino, wenn ich brav war. So bekam ich in 18 Jahren zwei Filme durch die Windschutzscheibe zu sehen. Nun könnte man denken, dass ich mit 45 Jahren völlig frei entscheide, wann ich brav bin und wann ich ins Autokino fahre. Falsch gedacht.

Beim EM-Fluchtversuch im Jahr 2016 in Richtung Autokino Wien war dieses bereits in Konkurs. Zur WM 2018 war es zwar wieder offen, doch leider trank ich einmal vor dem geplanten Besuch irrtümlich zwei Bier und durfte folglich nicht mehr mit dem Auto ins Kino fahren; ein anderes Mal erschien mir das Filmangebot letztklassig.

2021 bietet die EM 2020 aber hoffentlich eine erstklassige Chance, den schlechtesten Film der Fastpostpandemiezeit auszusuchen, nur um 90 Minuten mit meiner Frau im Autokino zu schmusen – plus Nachspielzeit. (Sascha Aumüller, 9.6.2021)