Pelagea Wlassowa (Kate Valk, re., mit Ari Fliakos als Fleischer) ist die titelgebende "Mutter" in Bertolt Brechts Drama.

Nurith Wagner-Strauss

The Wooster Group, Anfang der 1970er-Jahre in New York City gegründet, ist eine lebende Legende. Die inszenatorischen Verfahren der von Regisseurin Elizabeth LeCompte (77) bis heute zusammengehaltenen Gruppe waren die ruhmreiche Vorhut des später als postdramatisch bezeichneten Theaters und haben mehrere Generationen auch europäischer Theatermacher geprägt. Nicht die Interpretationshoheit über ein Werk steht jeweils im Zentrum der Arbeit, sondern die Verfahren der Darstellung. Das hat Bühnenpraktiken hervorgebracht, die bis heute gang und gäbe sind, von Videoeinsatz bis Appropriation-Art.

Mechanisches Spiel

Die aktuelle, mit den Wiener Festwochen koproduzierte Inszenierung von Bertolt Brechts Revolutionärinnendrama Die Mutter (1932) veranschaulicht diese elaborierte Kunst beispielhaft. Der 80-Minüter trägt in der Halle G im Museumsquartier indes schwer an seiner eigenen Patina, die die bewährten, aber auch angejahrten Wooster-Techniken mit sich bringen. Es erwuchs beim Welturaufführungstermin am Dienstag ein recht mechanisches Spiel, dem demonstrativ die Gemachtheit der zwischen Erzählung und Dialogischem changierenden Arbeit am Herzen lag.

Bedächtig rauchende Schlote einer Industriestadt künden auf der rückwärtigen Leinwand die soziale Klasse an, um die es hier geht: Arbeiterinnen und Arbeiter, die sich verdeckt allmählich formieren und die sich gegen die Ausbeutung durch den Fabriksadel und die Repressionen der zaristischen Exekutive zur Wehr setzen. Konkret beschreibt Brecht in seinem nach einem Roman Gorkis gehaltenen Lehrstück den Werdegang Pelagea Wlassowas (Kate Valk) von der genügsamen Arbeiterfrau zur kämpferischen Kommunistin.

Kunstvolle Tonspur

Dazu bietet Regisseurin LeCompte neben den üblichen Verdächtigen – Samowar, rote Fahne, Zarenbild, Ikone, buntscheckige Sitzpölster (falls Väterchen Frost kommt), Wodka, Parteibuch und Druckwalze für Flugblätter – vor allem eine kunstvolle Tonspur auf. Die Dialoge sind (weitgehend?) synchronisiert, was deren Automatik hervorstreicht und ein formalisiertes Spiel nach sich zieht. Den grässlichen Schmerzensschrei absolviert die Mutter hier in der strengen Gestik rudernder Arme und eines geworfenen Kopfes. Gefühlen, so merkt der Lehrer und Erzähler des Abends (Jim Fletcher) einmal an, hätte Brecht sich ja nur theoretisch versagt. In Wahrheit gäbe es sie überall, nicht zuletzt in der Musik, die hier die spitzen Hanns-Eisler-Töne mit neuer Musik von Amir ElSaffar auffrischt. Gelegentlich kippt das gesprochene Wort auch in einen Gesang.

Es ist ehrenwert für die Wiener Festwochen, eine so prägende Theatercompagnie auch in ihren späten Jahrzehnten nicht aus den Augen zu verlieren. Und doch hat The Mother vorwiegend retrospektiven Charakter; die Inszenierung ist ein Zitatenschatzkästchen Brecht’scher und Wooster’scher Aufführungstraditionen, vom Sprechgesang bis hin zum Schildertheater. Und hin und wieder grätscht die Realität hinein, etwa wenn Abweichungen vom Originaltext angekündigt oder eingesparte Figuren gestanden werden. "Es gab nicht genug Kröten in unserer banco teatro!" Die öffentlichen Fördergelder sind in Amerika bekanntlich verschwindend gering. (Margarete Affenzeller, 10.6.2021)