Umso mehr Schüler auf digitalen Plattformen lernen, desto mehr Daten können Programme über sie sammeln.

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Für viele war es wohl eine Erleichterung, als die Schulen nach den dutzenden Corona-Lockdowns wieder in den Präsenzunterricht wechselten. Schüler und Schülerinnen konnten sich endlich vor Ort austauschen, Lehrerinnen und Lehrer direkter auf die Lernenden eingehen, und Eltern mussten ihre Kinder nicht mehr neben dem Job von zu Hause aus betreuen.

Doch so schwierig die vorübergehende Umstellung für viele war, hat sie für einige Experten und Expertinnen auch neuen Schwung und Innovation ins Bildungssystem gebracht – in jenes System, das laut dem britischen Autor Donald Clark zu den "eher langsam lernenden und konservativen zählt". Es gab plötzlich Raum für Experimente, nicht nur beim Online-Unterricht, sondern auch bei der sogenannten künstlichen Intelligenz (KI). Diese soll laut Befürworterinnen Lernen künftig noch personalisierter, messbarer, inklusiver und interaktiver machen.

Mit menschenähnlichen Robotern, die bald Lehrer in Klassenzimmern ersetzen, hat das wenig zu tun. Vielmehr könnte KI im Unterricht künftig laut Experten vor allem als Lernunterstützung zum Einsatz kommen: mit Programmen, die den Lehrplan an den individuellen Lernerfolg der Schüler abstimmen, den Unterricht in Echtzeit in alle erdenklichen Sprachen übersetzen und ihn so weltweit möglich machen oder als virtuelle Lernassistenten Schülern bei Fragestellungen helfen.

Virtuell und überwacht

Ein Beispiel ist ein von der US-amerikanischen Firma Allhere während der Pandemie entwickelter Chatbot, der Schüler daran erinnert, zum Unterricht zu kommen oder ihre Hausaufgaben zu erledigen. Das Programm, das rund um die Uhr zur Verfügung steht, gibt Eltern Bescheid, wenn ihr Kind nicht im Unterricht war, und soll über die Textnachrichten herausfinden, welche Probleme ein Schüler oder eine Schülerin beim Lernen hat. Umso mehr Fragen Nutzer und Nutzerinnen an das Programm stellen, desto genauer soll es in Zukunft darauf antworten können, heißt es seitens der Entwickler.

Die ebenfalls in den USA angesiedelte Organisation Enlearn wiederum hat eine Plattform erstellt, die mithilfe künstlicher Intelligenz maßgeschneiderte Lernpläne für Schüler und Studierende erstellen soll. Laut den Entwicklern soll der Lernprozess dabei in hunderte kleine Bestandteile aufgeteilt werden und anschließend die Herangehensweise der Lernenden bei Aufgabenstellungen analysiert werden. Merkt das Programm, dass die Schüler auf Schwierigkeiten oder Hürden stoßen, informiert es die Lehrer über die bestehenden Probleme.

Das Versprechen von Unternehmen und Organisationen wie etwa Enlearn ist, dass Programme und KI durch die Unmengen an Daten und Informationen, die ihnen aus dem Internet und der Beobachtung unseres täglichen Verhaltens zur Verfügung stehen, eines Tages besser verstehen sollen, welche Lernmethode am besten zu uns passt, zu welcher Tageszeit wir am aufnahmefähigsten sind und wann wir Zeit zur Entspannung brauchen.

Gesichtserkennung bei Online-Unterricht

Eine Voraussetzung dafür ist, dass der Unterricht künftig noch messbarer wird. Das sei der Weg hin zum "gläsernen Kind", heißt es von der digitalen österreichischen Nachhilfeplattform Go Student. Und das ist durchaus positiv gemeint. Über mehrere Monate hinweg hat das Unternehmen 16 Lehrer und Schüler nach deren Einwilligung während des Online-Unterrichts auf der Plattform analysiert. Ein Algorithmus wertete jede Millisekunde der Videoaufzeichnungen des Online-Unterrichts aus und versuchte, aus den Kombinationen der Gesichtszüge Emotionen der Schülerinnen und Lehrenden abzuleiten, erklärt Felix Ohswald, Geschäftsführer von Go Student.

Die Ergebnisse sollten dann Aufschluss über den Erfolg des Unterrichts geben. "Wenn ein Schüler sehr oft blinzelt, bedeutet das wahrscheinlich, dass er müde ist und die Konzentration nicht sehr hoch ist", sagt Ohswald. Lacht der oder die Lehrende hingegen oft, korreliere dies häufig auch mit der Freude des Schülers. Im Fach Latein verspürten die Schüler die größte Wut und Angst, in Englisch und Deutsch seien sie am aufmerksamsten, so Ohswald. Ist die Sprechzeit zwischen Schülern und Lehrern ungefähr ausgeglichen, seien auch die Aufmerksamkeit und der Lernerfolg höher. "Indem wir mit Algorithmen diese Dinge messbar machen, können wir letztlich auch die Qualität des Unterrichts verbessern", ist Ohswald überzeugt.

Sprachprogramme

Aber die neuen Technologien im Unterricht zu verwenden heißt für viele Experten und Expertinnen auch, eine schwierige Gratwanderung zu gehen zwischen Messbarkeit und Datenschutz, mehr Teilhabe und systemischen Vorurteilen, Automatisierung und sozialer Interaktion.

Ein Beispiel, zu welcher Kritik die Technologien führen können, ist das Unternehmen Google. Ende Mai stellte dessen Geschäftsführer, Sundar Pichai, ein neues Sprachprogramm vor, genannt LaMDA, das Studierenden alle erdenklichen Fragen zu verschiedenen Themenbereichen beantworten und mit ihnen diskutieren soll. Zudem will das Unternehmen die Plattform Google Classroom ausweiten, über die sich schon jetzt mehr als 140 Millionen Lehrer und Schüler vernetzen.

Problem mit Datenschutz

Die Entwicklung ruft nicht wenige Datenschützer auf den Plan. Die US-amerikanische Organisation Electronic Frontier Foundation beispielsweise brachte eine Klage gegen Google ein und beschuldigte es, Daten von Millionen lernenden Kindern aus Lernapps gesammelt und für kommerzielle Zwecke genutzt zu haben, ohne Zustimmung und Ausstiegsmöglichkeit für die Nutzer. Als im vergangenen Jahr Wissenschafterinnen und Wissenschafter von Google einen Bericht veröffentlichten, der auf potenziell gefährliche Voreingenommenheit und irreführende Daten der Programme hinwies, feuerte das Unternehmen die Mitarbeiter kurzerhand.

Laut eines Berichts internationaler Wissenschafter habe künstliche Intelligenz jedenfalls das Potenzial, die Art und Weise, wie wir lehren und lernen, in Zukunft dramatisch zu verändern. Allerdings müsse die Technologie auf "faire, ethisch korrekte und effektive" Art verwendet und Risiken und Nachteile für bestimmte Gruppen so gut wie möglich minimiert werden.

Lernen wird trotz Technologie wohl weiterhin ein komplizierter und teils anstrengender Prozess bleiben. Denn bis wir Wissen einfach in unser Gehirn "hochladen" können, wie es Unternehmern wie Elon Musk vorschwebt, wird es noch eine ganze Weile dauern. Bis dahin kann ein wenig Hilfe von künstlicher Intelligenz durchaus gelegen kommen. (Jakob Pallinger, 12.6.2021)