Deftig, aber in vieler Munde: Österreichs vermutlich erstes Fastfood.

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Wien – Am Anfang war der Gabelbissen. Ihrem Großvater mundeten französische Terrinen, woraufhin er beschloss, Schüsserln mit kalter Gemüsemayonnaise, garniert mit Schinken, Fisch oder Ei und versiegelt mit Aspik, auch Österreichern schmackhaft zu machen, erinnert sich Nina Wojnar. Ob ihre Familie das allererste Fastfood in österreichische Küchen geliefert hat – in den 1930er-Jahren noch mit Pferdekutschen –, darüber sind sich Geschichtsschreiber uneinig. "Für mich aber bleibt mein Opa der Erfinder des Gabelbissens."

Mehr als 90 Jahre ist es her, dass Josef Wojnar mit Aufstrichen wie Liptauer und Mayonnaisesalaten den Grundstein für den gleichnamigen Wiener Delikatessenhersteller legte. Drei Generationen lang blieb dieser in der Hand seiner Familie. Nun gehen 74 Prozent der Anteile an Vivatis – und damit unter das Dach von Raiffeisen. Der Linzer Lebensmittelriese stillt seinen Appetit auf Wachstum seit Jahren durch Übernahmen.

Drei Schwestern

Leicht fiel die Entscheidung, die Mehrheit am Unternehmen abzugeben, nicht, sagt Nina Wojnar und erzählt von Höhen und Tiefen bei den Verhandlungen. Sie selbst führt die Geschäfte des Betriebs mit seinen 560 Mitarbeitern und 90 Millionen Euro Umsatz gemeinsam mit ihren beiden Schwestern seit 22 Jahren. Aber die Arbeitsplätze gehörten langfristig abgesichert. Außerdem wolle man vermehrt im Ausland Fuß fassen. "Wir möchten weiter wachsen." Ein starker Partner sei allein schon aus strategischen Gründen hilfreich.

Größe ist auch in Österreichs Lebensmittelgeschäft gefragt. Der Einzelhandel ist hochkonzentriert, der Preisdruck enorm. Supermärkte machen Lieferanten durch Eigenmarken austauschbar. Auflagen für Produzenten steigen – derzeit wird im Dienste höherer Transparenz um eine strengere Herkunftskennzeichnung gerungen. Wer sein Glück lieber im Export versucht, muss international wettbewerbsfähig sein.

Appetit auf Marken

Vivatis bringt mit 3.400 Mitarbeitern und 900 Millionen Euro Umsatz mittlerweile einiges Gewicht auf die Waage. Der Konzern nennt Marken wie Inzersdorfer, Toni Kaiser, Bauernland, Maresi und Knabber Nossi sein eigen. Er handelt mit Geflügel, produziert Margarine, Fleisch, Teigwaren und zählt zu den größten Gemeinschaftsverpflegern des Landes. Vorbehaltlich der Zustimmung der Bundeswettbewerbsbehörde gehört künftig auch die traditionsreiche Marke Wojnar in sein Reich.

Die Schwestern Wojnar behalten operativ die Geschäftsführung. Sich ganz zurückzuziehen wäre ihr zu schwer gefallen, sagt Nina Wojnar. An der Produktion im 23. Wiener Gemeindebezirk werde nicht gerüttelt. Lieferant von McDonald's will sie bleiben. Der Exportanteil von 20 Prozent soll jedenfalls wachsen.

Tausend Rezepturen hütet der Betrieb. Dass der deftige Gabelbissen bei jungen Österreichern kaum in den Kühlschrank kommt und vielen gar völlig unbekannt ist, nimmt Wojnar gelassen. Der Spagat, auch Veganes, Biologisches und Innovatives auf den Tisch zu bringen, sei gelungen. "Wir haben uns verjüngt." (Verena Kainrath, 10.6.2021)