Großvater, Vater und Sohn: Auch Männer sind in Rollenbildern gefangen, die ihnen von der Gesellschaft übergestülpt werden, und Erwartungshaltungen ausgesetzt.

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Als sich in den 1970er- Jahren die feministische Kampfzone von der Straße auf die Universitäten ausdehnte, stellte sich bald eine Erkenntnis ein: Wer Geschlechtermuster verstehen will, muss auch das Maskuline erforschen. So wurde das Mannsein zum Fragezeichen. Es entstand zunächst in den angelsächsischen Ländern die kritische Männlichkeitsforschung, die Männer als Geschlechtswesen zum Untersuchungsgegenstand erhob.

Die Theoretisierung von Maskulinitäten förderte zunächst Überraschendes zutage. Auch Männer sind in Rollenbildern gefangen, die ihnen übergestülpt werden, sind aufgrund ihrer Geschlechtlichkeit Zwängen und Erwartungshaltungen ausgesetzt, müssen Regeln und Normen genügen und beständig an sich arbeiten, um stereotypen Männlichkeitsidealen zu entsprechen und damit verbundene gesellschaftliche Anforderungen zu erfüllen.

Zudem erlaubt eine Gesellschaft eine Menge möglicher Maskulinitäten, die ihrerseits hierarchisch strukturiert sind. Die australische Sozialwissenschafterin Raewyn Connell hat mit ihrem vieldiskutierten Konzept der hegemonialen Männlichkeit die universitäre Geschlechterforschung bis heute wesentlich geprägt.

Binnenhierarchie

Sie umreißt "Beziehungen zwischen Männlichkeiten" innerhalb eines Spektrums von "Hegemonie, Unterordnung, Komplizenschaft, Marginalisierung". Demnach besteht zwischen den möglichen Maskulinitäten eine Binnenhierarchie – da sind jene, die sich der dominanten unterordnen, jene, die sich mit ihr verbünden, und dann noch die, die an die Ränder gedrängt werden.

"Hegemoniale Männlichkeit", so Connell, sei "die momentan akzeptierte Antwort auf das Legitimitätsproblem des Patriarchats"; sie garantiert die maskuline Dominanz und die feminine Unterlegenheit. Und die Untergeordneten, die Komplizen und die Abgehängten unter den Männern kommen immerhin noch in den Genuss der "patriarchalen Dividende", durch die sie am Überlegenheitsstatus teilhaben. Mit anderen Worten: Der gemachte Mann (Connell 1999) profiliert sich in Abgrenzung zu anderen Männern. Wann ist also ein Mann ein Mann? Wir erinnern uns an den Song Männer von Herbert Grönemeyer aus 1984?

Nicht zuletzt sind es Frauen, die mitbestimmen, welche Männlichkeit gerade die attraktivste ist, der sie die meiste Aufmerksamkeit widmen und die sie vor allen anderen durch Zuwendung auszeichnen. Demnach sind Frauen auch Kollaborateurinnen der dominanten Maskulinität, indem sie diese unterstützen.

Diese Dominanzstruktur ist historisch gewachsen, Vorstellungen von Männlichkeit – und Vorstellungen von erwünschter Männlichkeit – werden örtlich und zeitlich fortwährend neu geschaffen. Und immer besteht ein Naheverhältnis zwischen hegemonialer Männlichkeit, Heteronormativität und hierarchisierter Handlungsmacht.

Maskulinitätsgefälle

Gemeinsam ist den Maskulinitäten auch die Vormachtstellung gegenüber allen anderen Geschlechtern und die Abgrenzung zu ihnen: Unterschiede zwischen Männlichkeiten und Weiblichkeiten werden essenziell überbetont, biologistisch begründet und als anthropologische Konstanten oder Universalien legitimiert. Sie gehen einher mit einer Auf- oder Abwertung.

Inzwischen sind es aber nicht nur die betont Maskulinen mit Überlegenheitsanspruch, die alten weißen Männer an den Schalthebeln der Macht und die von Frauen Bevorzugten, die ihre Geschlechtskollegen auf die niedrigeren Ränge verweisen.

Die Lage der Hinterbänkler im Maskulinitätsgefälle hat sich in den vergangenen Jahrzehnten merklich verschlechtert, denn nun fühlen sie sich auch von Gesetzen, von Ehefrauen, von den Müttern ihrer Kinder – und sogar von ihren Kindern gedemütigt. Die Auswirkungen weiblicher Selbstermächtigung auf manch männliches Selbstbewusstsein waren verheerend.

Beträchtlicher Machtverlust

Der Vater hat sein Alleinstellungsmerkmal als Ernährer verloren. 1975 wurde ihm sein Rang als Oberhaupt der Familie und als Haushaltsvorstand genommen. Er darf nicht mehr allein bestimmen, wo die Familie wohnen wird, kann seiner Frau nicht mehr verbieten zu arbeiten und seinen Kindern nicht mehr befehlen, welchen Beruf sie zu ergreifen und welches Studium sie zu absolvieren haben.

Mit dem Bundesgesetz über die Neuordnung der persönlichen Rechtswirkungen der Ehe wurde die Gleichstellung der Frau im ehelichen Verbund statuiert. Seither müssen Familienangelegenheiten partnerschaftlich entschieden werden. Mit der "Neuordnung des Kindschaftsrechts" wurde die "väterliche Gewalt" über die Kinder "außer Wirksamkeit" gestellt.

Das althergebrachte Vaterbild als Erzeuger, Ernährer und strafender Erzieher erlebte eine Delegitimierung.
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Das alles ist ein beträchtlicher Machtverlust für die erfolgsverwöhnte männliche Hälfte der Menschheit, die seit der landwirtschaftlichen Revolution, so ungefähr zwölftausend Jahre lang also, über die andere Hälfte verfügte.

Zwar bestimmen seit dem Übergang von aneignenden Wirtschaftsformen – wie Jagen und Sammeln – zu produzierenden – wie Ackerbau und Tierzucht – von Zeit zu Zeit und von Ort zu Ort unterschiedliche und sich wandelnde rechtliche Vorgaben und soziale Rollenmuster. Aber immer und überall sind sie verbunden mit hierarchisierten Ungleichheiten.

Die Abwesenheit des Vaters

Mit den feministischen Errungenschaften stiegen die Einkommen ebenso wie das Selbstwertgefühl und die Scheidungsraten. Die Folgen: Mutter-Kind-Haushalte, Alleinerzieherinnen, Patchwork-Konstellationen, Vaterentbehrung.

Der Abwesenheit des Vaters in der Familie entspreche die Abwesenheit des Vaters in der Familienforschung, schrieb der Soziologe Michael Meuser 2009. Jedenfalls wurde dem Vater sehr viel weniger wissenschaftliche Aufmerksamkeit zuteil als der Mutter. Meuser, vermutlich der bekannteste Männlichkeitsforscher im deutschsprachigen Raum, spricht von der Feminisierung der Familie in der bürgerlichen Gesellschaft.

Dagegen wird seit längerem revoltiert. Väter fühlen sich als Unterlegene, wenn ihnen gerichtlich bloß noch ein Besuchsrecht zugestanden wird oder mitunter nicht einmal das, wenn sie weggewiesen werden – selbstverschuldet oder nicht. Rechtslage und Rechtsprechung haben Gewinnerinnen und Verlierer produziert. So einige, die sich innerhalb der Männlichkeitshierarchie an die unteren Ränder gedrängt fühlen, sehen nun auch noch die patriarchale Dividende dahinschwinden.

Männerbewegungen

Der Mann ist also strukturell geschwächt. Deswegen hat er begonnen, sich männlich zu ertüchtigen und um Ansprüche zu kämpfen – dies durchaus auch mit weiblicher Verstärkung. Es entstanden Männerrechtsbewegungen und Männerparteien, Selbsthilfegruppen und Schlagzeilen wie "Der vergessene Mann", "Das vernachlässigte Geschlecht", "Mann in der Krise".

Inzwischen ist über Männer viel Tinte vergossen worden. Historisch betrachtet sind Männerbewegungen – in all ihren verschiedenen Strömungen – eine Gegen- und Parallelentwicklung zu Frauenbewegungen beziehungsweise auch einfach deren Umkehr, etwa wenn Benachteiligungen durch das Scheidungs- und Sorgerecht oder die Machenschaften einer vermeintlich männerfeindlichen Justiz beklagt werden: der Maskulinismus ein Kollateralschaden des Feminismus.

Mannsein macht krank

Auch sind die kämpferischen Männer- und Väterrechtler mitunter geprägt von einer misstrauisch machenden Wissenschaftsferne, dafür aber von einer Nähe zu rechtskonservativen und gelegentlich auch fundamentalklerikalen Ideologien.

Macho-Gehabe paart sich harmonisch mit weinerlicher Wehleidigkeit, und die manchmal radikale Rhetorik dominieren Floskeln, kernige Sprüche und eine Furchtlosigkeit vor populistischen Äußerungen: Frauen sollen sich um Küche und Kinder kümmern, Scheidung als weibliche Erwerbsquelle, ausgebeutete Zahlväter … oder: siegreiche Frauen. So eine Formulierung erinnert an Nazi-Vokabular, und das ist kein Zufall.

Maskulinistische Propaganda

Für derart Männerphantasien (Klaus Theweleit 1977/78) sind Gleichheit zwischen Mann und Frau, Gleichheit zwischen Menschen überhaupt unerträglich, physisch unerträglich. Sie träumen von hierarchischen Ordnungen mit einem klar definierten Oben und Unten, in denen jeder sich auf seinem Platz gemütlich einrichtet. Bei Theweleit ist dies der Männertyp, der den Faschismus bewerkstelligt hat, heute tummelt er sich in den Milieus der neuen Rechten und in den Kreisen der Männer- und Väterverteidiger.

In dieser Szene wird Männlichkeit hergestellt durch ein Vokabular der Weiblichkeitsabwehr. Von Entmännlichung der Gesellschaft ist die Rede, von Müttern, die Muttersöhne produzieren, und von feministisch unterwanderten Institutionen: Parteien, Parlament, Polizei – nirgendwo Geschlechtergerechtigkeit. Das maskulinistische Kampfgeschrei tönt ganz ähnlich wie das feministische.

Ganz unbegründet ist das Wehklagen der Männerrechtler nicht. Männer leiden häufiger an Alkoholismus und Obdachlosigkeit, haben eine höhere Selbstmordrate. Sie kriegen dünne Haare und dicke Bäuche. Zum Arzt gehen sie auch seltener, sie müssen die Welt lenken, für Gesundheit fehlt die Zeit. Und das weibliche Spötteln über Männerschnupfen und Männergrippe wurde von der Gendermedizin längst als Sexismus enttarnt. "Oh, Männer sind so verletzlich" (Herbert Grönemeyer).

Keine Diskriminierung der Männer

Männer fühlen sich diskriminiert, weil sie in der Schule öfter eine Leseschwäche aufweisen, weil sie an den Universitäten weniger zahlreich präsent sind, weil sie als Soldaten einrücken müssen, weil sie härtere Gefängnisstrafen ausfassen, weil sie früher sterben als Frauen. Bei Müllmännern, Kanalräumern und Baggerfahrern lässt sich einfach keine Frauenquote durchsetzen, und böswillige Feministinnen haben das zynische und verleumderische #MeToo erfunden.

Jede Generation kämpft mit Rollenbildern: Inzwischen gibt es Hoffnung für schwächelnde Männlichkeit.
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Indes legt der Sozialpsychologe und Geschlechterforscher Rolf Pohl in mehreren Publikationen dar, dass es aktuell keine Krise des Mannes gebe, und eine "flächendeckende gesellschaftliche Diskriminierung des Mannes qua Geschlecht" kann er nicht feststellen.

Vielmehr beweisen Statistiken und Forschungen regelmäßig die Benachteiligung von Frauen bei vielen Parametern, etwa bei Gewalthandlungen (zum Thema Geschlecht und Gewalt ist ein eigener Artikel geplant) und Gehaltszahlungen oder der Verteilung von Sorgearbeiten. Das Krisengerede der letzten Jahre sieht Pohl als Ausdruck einer empfundenen Benachteiligung, dessen Ziel eine Remaskulinisierung der Gesellschaft sei.

Aufwertung

Doch inzwischen gibt es Hoffnung für schwächelnde Männlichkeiten. Von staatlichen Seiten, auch auf EU-Ebene, wurde der "vaterlosen Gesellschaft" (Alexander Mitscherlich) der Kampf angesagt. Denn Kinder sollen nicht nur Müttern, Hortpädagoginnen, Lehrerinnen und Therapeutinnen ausgeliefert sein, so die Erkenntnis, und deswegen werden Männer in die Pflicht genommen, deren aktive Anwesenheit im Familienleben nun gefördert wird.

In Zeiten einer aktualisierten Geschlechter- und Familienpolitik mit Rechtsanspruch auf Väterkarenz, "Papamonat", Familienzeitbonus und Elternteilzeit ist nicht nur die Geburt des Sprösslings ein Dienstverhinderungsgrund – nun erlebt der Mann als Vater wieder eine Aufwertung.

Und er ist auch als Untersuchungsgegenstand in der Familienforschung angekommen. Michael Meuser stellte fest, dass eine tatkräftige Vaterschaft, wie immer sie nun im Einzelnen gestaltet wird, eine ambivalente Angelegenheit sei, da sie sich nur schwer mit dem Rollenverständnis anerkannter Männlichkeit vereinbaren lasse.

Väterliche Verfügbarkeit für die Kinder bedeute wenig Begeisterung aufseiten des Arbeitgebers, Spott vonseiten der Kollegen, Kompetenzkonflikte mit der Partnerin. Aktive Väter müssen Einkommenseinbußen in Kauf nehmen, sie riskieren Berufserfolg und Statusverlust. "Das, was ein Mann in der Familie tut, eignet sich nicht als Material männlicher Selbstvergewisserung" (Michael Meuser).

Das althergebrachte Vaterbild als Erzeuger, Ernährer, Beschützer und strafender Erzieher erlebte eine Delegitimierung, aber ein neues enttraditionalisiertes Rollenmodell hat noch immer keine durchgängige gesellschaftliche Akzeptanz.

Wechselseitiges Verständnis

Wenn der Feminismus einen Maskulinismus hervorgebracht hat und dieser wiederum Misogynie und Antifeminismus und den Wunsch nach einer Restauration männlicher Macht über die anderen Geschlechter, dann ist das ein Teufelskreis, Ursache und Wirkung bedingen einander wechselseitig, eine endlose Spirale bis ans Ende aller Zeiten, wie es scheint.

Da jedoch empörter Aktivismus, sei er feministisch, maskulinistisch oder queer, immer ein Randphänomen ist, an dem sich nur wenige beteiligen, bleibt doch die Hoffnung – mag sie auch naiv klingen – auf ein Miteinander: weniger Gerangel um Macht und mehr wechselseitiges Verständnis.

Da die Geschlechter ja ohnedies ohne einander auch nicht auskommen, könnten sie weniger gegeneinander kämpfen und stattdessen mehr miteinander marschieren gegen diverse hierarchisierte Ungleichheiten und Übel, die die Welt sonst noch zu bieten hat. Möge ein Vatertag, der in Gedanken an Väter begangen wird, dazu beitragen. (Ingrid Thurner, ALBUM, 13.6.2021)